The Place Beyond the Pines (Derek Cianfrance, 2012)

ThePlaceBeyondThePinesVon The Place Beyond the Pines hatte ich gar nicht so viel erwartet und dann sah ich einen so schönen Film! Was mir besonders gut gefallen hat, ist die sehr zurückhaltende, fast schon entspannte Erzählform. Der Film ist ganz bei den Figuren, formal durch die Großaufnahmen von Gesichtern, erzählerisch, indem er sich aus den Figuren heraus entwickelt, sehr zwingend, der Plot treibt sich selbst voran, wie schicksalhaft, vorherbestimmt. Trotzdem werden die Bilder nicht aufdringlich mit Bedeutung aufgeladen. Die Bedeutung kommt eher ganz nebenbei, wie natürlich. Lediglich durch die fantastische kontrapunktisch gesetzte Musik wird das Geschehen ganz subtil erhöht, auf eine weitere Ebene gehoben. Die Musik gibt den körnigen, realistischen Bilder alles mit, was nötig ist. Das ist eine große, tragische Geschichte, die aber als ein sehr persönliches Drama von fünf Personen präsentiert wird, die mit Vergangenheit und Zukunft ringen. Es ist eines dieser großen Schulddramen, über eine Last, die auch die nächste Generation noch tragen, verarbeiten muss, über eine Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Die Lösung, die der Film dafür findet, ist ganz wundervoll, finde ich, bittersüß, versöhnlich, determistisch und irgendwie auch nicht, hoffnungsvoll und -los zugleich. Die Söhne wiederholen die Fehler der Väter. Oder doch nicht? Und spätestens seit Hitchcock habe ich mein Faible für Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen, Spiegelungen, die zwei Seiten einer Medaille, Wiederholungen von Motiven, Symmetrien entdeckt (na ja, dieses eher seit Kubrick), auf Figuren- wie auf Plotebene – was The Place Beyond the Pines alles auch so federleicht umsetzt und vollbringt, gar nicht gezwungen, aber trotzdem unabdingbar. Selbst dass die Söhne sich begegnen und anfreunden erscheint völlig selbstverständlich. Erstaunlich!

Ryan Gosling wird dabei wieder (vielleicht ein bisschen zu gezwungen?) ein ikonischer Look verpasst. Und natürlich sprechen seine stummen Gesichtszüge wieder Bände. Es ist ein bisschen schade, dass er so rasch aus dem Film verschwindet, aber es geht ja nicht anders. Leider finde ich dann aber, dass Bradley Cooper da nicht ganz mithalten kann, auch wenn er eigentlich ganz gut in diese Rolle passt. Sein Gesicht ist einfach nicht hintergründig und stark genug, um das Gewicht einer solchen Geschichte zu tragen. Der Eindruck könnte aber auch nur meinem Vorurteil geschuldet sein. Und meine persönliche Entdeckung des Films ist Dane DeHaan. Sein Aussehen ist so jugendlich und trotzdem scheint es, als hätte er schon ein Leben hinter sich. Und sind diese Augen überhaupt möglich?

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The Wire – Staffel 3 (HBO, 2004)

thewireseason3.1Diese Serie! Ein Auf und Ab der Gefühle. Fast noch mehr als bei der letzten Staffel fiel es mir schwer, in die dritte Staffel reinzufinden, ich brauchte gut vier, fünf Folgen, um genau herauszukristallieren, was ihr Dreh- und Angelpunkt ist. Aber dann wurde es wieder von Folge zu Folge mitreißender, cooler, interessanter, unterhaltsamer, bis die letzten beiden Folgen mich völlig verwirrt, aber schwer begeistert zurückließen, platt, aber hoffnungsvoll. Den Fortgang der Geschichte hatte ich mir schon anders vorgestellt, was mich jetzt aber umso neugieriger macht auf die neue Richtung, die in der nächsten Staffel eingeschlagen wird. Rückblickend haben übrigens selbst diese ersten ungenauen Folgen ihren Sinn im großen Ganzen und verlocken dadurch zu einem baldigen Wiedersehen, denn ich bin sicher, dass sich ihr Gehalt erst vollständig entfaltet, wenn man den Gesamtzusammenhang kennt.

Lange hielt ich diese Staffel auch nur für eine Überleitung, was sie unter anderem wohl auch ist. Das eine wird abgeschlossen, das andere neu begonnen. Trotzdem hat sie auch einen ganz eigenen Wert. Großartig, wie da einen Schritt zurückgegangen wird, von der Mikroebene des Polizeialltags, des einen kleinen Falls zur Makroebene von Politik, Image, Macht, Verantwortung für das Wohl einer ganzen Stadt. Baltimore erscheint nun wie eine große Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, viel größer als der eine Fall Barksdale/Bell. Verbunden werden diese Ebenen durch ein fantastisches Experiment, das wie eine kleine Utopie ist und vor Augen führt, wie weit unflexible Theorie und Praxis, Politik und Realität auseinandergehen. Die Politiker treffen die Entscheidungen, die wirklichen Änderungen können aber nur die einzelnen engagierten Beamten bewirken. Politik und das Geschäft des Verbrechens sind zwei völlig unterschiedliche Sphären, das muss selbst der bisher unfehlbar scheinende Stringer erfahren. Und dass dieses Thema sogar auf der ganz persönlichen Ebene McNultys ausgetragen wird, gibt dem Kerl (der mir am Schluss ja so leidtat) eine ganz neue Tiefe und Selbsteinsicht. Ich bin froh, dass er sich weiterentwickelt, dass er sich nicht verloren gibt. Carcetti finde ich dabei eine sehr interessant, ja, faszinierend erdachte Figur. Die Undurchschaubarkeit von Aidan Gillen finde ich schon in Game of Thrones so genial, hier wird sie dann nicht nur mit Machtgier, sondern tatsächlich auch glaubhaft mit Idealismus gepaart.

vlcsnap-2013-06-18-20h18m22s176Nach wie vor begeistert bin ich auch von der Handlungsführung, von den vielen Nebenfiguren und -strängen, die völlig leichthändig verbunden und entwickelt werden. Alles ist miteinander verknüpft. Auch wenn (dem Privatleben von) Charakteren nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist diese wohldosiert und präzise genug, um Profil zu verleihen. Eine sehr gute Idee ist auch, das Vakuum, das durch diverse Tode verursacht wurde, mit Dennis, dem Ex-Knacki, der kein Verbrecher mehr sein will, zu füllen. Und was mir hier zum ersten Mal aufgefallen ist: Die Kameraführung kann auch was. Gerade in den letzten beiden Folgen sind die Bilder wunderschön mythologisch aufgeladen (hach, Omar, der Racheengel mit Sergio-Leone-Mantel) und Bubbles’ ersten Gang durch die Vorhölle Hamsterdam wird man nicht so schnell vergessen. Dieser Name “Hamsterdam” ist nebenbei ein perfektes Beispiel für den Ton der Serie, der ja wirklich todernste Themen leicht und auch mal spielerisch, aber nie leichtfertig präsentiert. Allein diese Gratwanderung ist eine unglaubliche Leistung.

Meine Herzensserie wird wohl immer Six Feet Under bleiben, aber den Status von The Wire in der Serienrezeption kann ich langsam sehr gut verstehen.

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Media Monday #41

1. Es ist schade, dass man von SchauspielerIn Edward Norton bis auf kleine Filme und Nebenrollen schon länger nichts mehr gehört hat, denn insbesondere den Film American History X und auch Fight Club mit ihm/ihr fand ich auf eine lange, erfolgreiche Karriere mit Charakterrollen hindeutend. Komischer Satz, aber ihr versteht schon, oder?

2. SchauspielerInnen, die sich nebenbei noch ernsthaft (also nicht nur in Form von Autobiographien) der Schriftstellerei widmen, finde ich schon lobens- und bewundernswert, aber da allein ihr Name ihnen eine Veröffentlichung sichert, ist Qualität nicht unbedingt erwartbar. Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gibt, die in mehr als einem künstlerischen Bereich brillieren können. Kann ja nicht jeder Miranda July sein.

3. Wenn in einer Serie ein_e Schauspieler_in, die/den ich mag in einer seiner/ihrer vielen Gastrollen auftritt, freue ich mich immer sehr, weil es doch immer schön ist, Leute zu sehen, die man mag. Leider fällt mir kein_e konkrete_r ein. Allzu viele Serien kenne ich ja nicht.

4. Die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl habe ich zwar im Kino verpasst, möchte ich mir aber baldmöglichst noch ansehen, weil ich sie lieber zeitlich enger zusammen schauen wollte, wie von Seidl selbst empfohlen.

5. Von den Serien der letzten vier bis fünf Jahre ärgert es mich am meisten, dass Pushing Daisies abgesetzt worden ist, denn das war so eine erfrischende, unterhaltsame, süße, berührende Serie, die wirklich mittendrin abbrach. Aber nichts ist schlimmer als die Absetzung von Carnivàle, da die Mythologie und Story nun mal auf 6 Staffeln angelegt waren und ich WISSEN WILL, WIES WEITERGEHT! Ansonsten finde ich, dass Serien heutzutage eher zu spät abgesetzt werden. Nach etwa 5 Staffeln sind Stränge, Themen, Charaktere meist einfach auserzählt.

6. Bücher mit Krimi-Handlung schrecken mich ja schon grundsätzlich ab. Außer von Graham Greene!

7. Mein zuletzt gesehener Film war North by Northwest und der war ein Konglomerat von Hitchcock-Motiven, dadurch wenig überraschend, weil ich das alles jetzt schon so oft gesehen habe.

von Medienjournal

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Beobachtungen zu Alfred Hitchcock #3

Was mir aufgefallen ist: Hitchcock interessiert sich in seinen Filmen ab den 50ern (schleichend auch schon früher) nicht mehr so sehr für verdeckte und dadurch unvorhersehbare Identitäten, sondern eher für das Wesen des Verbrechens/rs und Schuldfragen, meist, indem er Figuren kontrastiert. Das habe ich aber in meinem Beitrag zu Rear Window aber schon etwas ausgeführt.

Im Vorspann von The Trouble with Harry habe ich übrigens den Inbegriff des Hitchcock-Prinzips gefunden – toter Mann, Vögel und darum eine weiße Leinwand, auf der man wild fabulieren kann:

TheTroublewithHarrySnap1

Sonjas Kommentar unter meinem Rear Window-Beitrag hat mich außerdem zum Nachdenken gebracht. Dadurch, dass das Hauptaugenmerk in jedem (oder den wichtigsten) Hitchcock-Film(en) anders verteilt ist, könne man vom bevorzugten Hitchcock-Film auf den Filmgeschmack allgemein schließen, meint sie. Ich glaube, da ist was dran. Es ist schon interessant, was für unterschiedliche Töne und Gewichtungen die Filme anschlagen, obwohl viele davon eine sehr ähnliche Grundsituation haben. Mal liegt das Augenmerk eher auf dem Romantisch-Melodramatischen, dem Gefühl also, dann eher auf Moral, Psychologie, der Ausführung des perfekten Plans, dem Abenteuer, doppelbödiger Unterhaltung oder zwischenmenschlichen Reibereien. Dadurch wird jeweils ein anderer Aspekt der Produktion mit besonderem Bedacht behandelt (auch wenn sie in der Regel natürlich alle zusammenspielen), punktgenaue dramatische Ausarbeitung des Plots etwa oder Figurenentwicklung, gewitzte, anspielungsreiche Dialoge, eine perfekte Inszenierung, bei der die Details den Film ausmachen (wie bei Rear Window), Spannung und Angstgefühl oder die Technik. So gelingt es ihm dann auch, dieselbe Geschichte in verschiedene Genres zu schmuggeln. Was der einzelne Zuschauer dann hier bevorzugt, kann schon eine Tendenz der generellen Filmvorlieben andeuten, denke ich. Ich glaube, das ist eine Theorie, die ich unbewusst schon bei Stanley Kubrick angewandt habe.

Aber nun wieder zu ein paar Filmen im Einzelnen:

  • Strangers on a Train (Der Fremde im Zug – Alfred Hitchcock, 1951): Ich war wirklich ein bisschen enttäuscht, dass der Film nicht komplett in einem Zug spielt, denn Hitchcocks Kammerspiele haben mir bisher alle besonders gut gefallen. Er war dann aber trotzdem noch ziemlich überzeugend. Man merkt die Raffinesse in jeder Einstellung immer mehr. Da ist nichts Zufall (wobei man den Perfektionismus manchmal fast unangenehm spürt). Und die Ausgangslage ist ungeheuer interessant: Der Mörder hat den Unschuldigen in der Hand. Das ausgeprägte Spiel mit Schatten ist fast schon expressionistisch und verweist natürlich auf die dunkle Seite des Menschlichen, die Mordlust, die jeder mal verspürt. Aber wieder hat der Mensch die Wahl. Ich bin mir allerdings mittlerweile nicht sicher, ob es nicht darauf hinausläuft, dass, wenn die Umstände stimmen, doch jeder dazu fähig ist. Bruno ist ja nur die Auslagerung der dunklen, mörderischen Seite Guys. Robert Walker als Bruno gehört nun jedenfalls definitiv zu meinen Lieblings-Hitchcock-Schurken.
  • I Confess (Ich beichte – Alfred Hitchcock, 1953): Die Prämisse vom Priester, der die Mordbeichte für sich behalten muss, ist nicht wahnsinnig originell, wobei hier daraufhin der Priester selbst in Verdacht gerät. Leider gibt Montgomery Clifts starres Gesicht nichts preis von eventuellen Zweifeln und Furcht. Er bleibt als Held völlig blass und passiv, eigentlich nur ein Prinzip, bestenfalls von Kreuz und Menschenmassen bedrängt, unterdrückt. Das ist ein großer Makel des Films. Einzig die verzwickte Lage der beiden Frauen wird wirklich spürbar. Interessant ist aber, dass trotz aller menschlicher Schuld und Moral, die Hitchcock in seinen Filmen immer auf die Probe stellt, Religion hier zum ersten Mal eine Rolle spielt, aber darauf eingegangen wird wieder leider nicht. Diese MacGuffins sind manchmal wirklich nicht meine Freunde.
  • Dial M for Murder (Bei Anruf Mord – Alfred Hitchcock, 1954): Der spannendste Hitchcock-Film bisher. Kammerspiele kann er einfach, finde ich. Der Film ist außerdem sehr geschickt ausgedacht und inszeniert. Jedes Detail ist entscheidend, wie ein Puzzle. Und wie clever die Sympathien manipuliert werden. Man möchte wirklich, dass der Böse gewinnt – und plötzlich dann doch nicht mehr. Ein Musterbeispiel dafür, wie sehr der Schurke zunehmend in den Mittelpunkt von Hitchcocks Filmen rückt, die Faszination für den gewieften Mörder, das perfekte Verbrechen wird immer deutlicher und das gefällt mir außerordentlich. Das gute Ende wirkt da fast ein wenig widerwillig schnell runtererzählt. Und dann noch diese erotische Aufladung des Würgeversuchs. Schlimmer Finger, dieser Hitchcock.
  • To Catch a Thief (Über den Dächern von Nizza – Alfred Hitchcock, 1955): Ein äußerst hübscher Film. Hübsche Menschen in hübscher Kleidung vor hübschen Kulissen jagen und streiten sich hübsch, der Maskenball passt hübsch zu Hitchcocks Identitätsthema. Alles glatt und geschmeidig wie eine Katze. Etwas ungewöhnlich ist nur, dass es schon eine Art Whodunit ist, interessant ist aber weniger der Plot denn die Dreieckskonstellation, dass die Identitätsfrage diesmal eher eine weibliche ist und vor allem die zahlreichen sexuellen Symbole, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten (wirklich ein schlimmer Finger, dieser Hitchcock). Es ist ein Film darüber, wie man sich einen Mann fängt, der noch dazu selbst Jäger ist (und einer Frau auf den Fersen).
  • The Trouble with Harry (Immer Ärger mit Harry – Alfred Hitchcock, 1955): Zwar ist das im Prinzip nur ein über eineinhalb Stunden erzählter Gag, aber die Bilder mit dem bunten Herbstlaub sind so hübsch, die Musik von Bernard Herrmann (endlich!) erfrischend anders und der Ton des Films so schön makaber-salopp, dadurch vielleicht einzigartig in Hitchcocks Werk. Der Film macht Spaß und verdeutlicht, wie wenig Respekt der Regisseur vor Leichen hat. Sie sind womöglich nicht mehr als ein Spielzeug für ihn, um das herum er die wildesten Geschichten erzählen und Paare sich finden lassen kann. Tod und Liebe, Verbrechen und Sex gehören bei Hitchcock immer zusammen.
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Media Monday #40

1. SchauspielerIn Michael Fassbender überzeugt mich ja sonst meistens, aber seine/ihre Rolle in Town Creek war wirklich mies, denn er ist die meiste Zeit darin unkenntlich (diese Verschwendung!) und der Film selbst ist auch keine Meisterleistung.

2. Nicht jeder Film mit Kevin Spacey ist eine typische One-Man-Show, denn er kann sich auch zurücknehmen. Oft stiehlt er den Kollegen aber schon die Schau, weil es nicht leicht ist, neben seiner selbstbewusst-charismatischen Erscheinung zu bestehen.

3. Ich verstehe wirklich nicht, warum das eine oder andere in den Himmel gelobt wird, denn manchmal stimme ich mit der generellen Tendenz der Filmkritik nicht überein oder kann persönlich aus vielen Hypes nichts ziehen. Aber das ist doch nicht so wichtig, die Welt dreht sich nicht um mich. Es muss auch Dinge geben, zu denen man in Opposition treten kann, und wenn Menschen an den Avengers etwa ihre Freude haben, dann dürfen sie das doch gerne.

4. Die überzeugendste/schönste Serien-Romanze hatten Chuck und Ned in Pushing Daisies. Da fallen mir zwar noch sehr viele weitere ein (aus Downton Abbey, Carnivàle und natürlich Six Feet Under), aber die beiden und die Serie an sich sind einfach so zuckersüß.

5. Erklärungen aus dem Off sind leider nicht selten überflüssig und lassen dann nicht, wie erhofft, lässt tief in die Psyche der Figur blicken.

6. Manche Konzepte, die man in Hollywood für blockbustertauglich hält, sind so simpel und hirnrissig, dass man wirklich nur mit dem Kopf schütteln kann. Schiffe versenken …

7. Meine zuletzt gelesene Kritik war zu Vous n’avez encore rien vu auf The Front Row und die war Lust auf den Film machend, weil sie die Essenz des Films faszinierend beschreibt, man ihn sich aber trotzdem unmöglich genau vorstellen kann und das die Angelegenheit sehr spannend macht – aber das ist ja normal bei Resnais.

von Medienjournal

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Rear Window (Alfred Hitchcock, 1954)

We’ve become a race of Peeping Toms.

Da Rear Window einer der neun Filme war, über die ich meine (völlig unnütze und wertlose, aber mir sehr viel Arbeit und Freude bereitende) Magisterarbeit schrieb, kenne ich ihn nicht nur sehr gut, er ist mir auch ans Herz gewachsen. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen und war nun besonders gespannt, wie er mit diesem Abstand und im Licht der anderen Hitchcock-Filme wirken würde. Und ich war wieder begeistert, vielleicht sogar mehr als damals.

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Früher nahm ich ihn nur als Film über Filmrezeption an sich wahr, heute erkenne ich zusätzlich einen Kommentar zu Hitchcocks eigenen Themenvorlieben. In seinen letzten Filmen rückten zunehmend die Faszination und Verführungskräfte des Bösen in den Vordergrund. Fast jeder Protagonist scheint latent zum Verbrechen fähig und diese Neigung vielleicht nur zu unterdrücken. Der Mörder lebt die geheimen Wünsche des Unschuldigen mit aus und macht jenen zum Mitwissenden, zum Zuschauer aus der Ferne quasi. Schuldiger und Unschuldiger werden gegenübergestellt, erscheinen wie zwei Seiten einer instabilen Medaille. Truffaut beobachtete es treffend: “Fast alle Ihre Filme erzählen die Geschichte eines ausgetauschten Mords. Im allgemeinen kommt der, der den Mord begangen hat, ebenso vor wie der, der ihn hätte begehen können.”1 Außerdem werden die Bösen zunehmend genüsslich, charismatisch, clever in Szene gesetzt, sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, sie sind das Spektakel des Films.

Und genau dieser Genuss am Ausstellen des moralisch Ambivalenten für einen Zuschauer wird in Rear Window konsequent weitergedacht, indem er eben nicht nur die Inszenierung darstellt (auf Bühnen vor oder hinter Fensterrahmen, inklusive Jefferies’ Wohnung), sondern auch den Zuschauer und seine Lust am Verbrechen, seine Gier nach dem Bösen. Jefferies lechzt doch geradezu nach diesem Mord und verführt schließlich sogar ganz gekonnt die beiden skeptischen Frauen dazu, seine Schaulust zu teilen. Es ist zwar kein unkritisches Porträt des Voyeurs, da er am laufenden Band getadelt wird und seine Passivität beinahe zu einem Unglück führt. Außerdem ist das Geschehen jenseits des Rechtecks stets interessanter für ihn als die Beziehung, die in seiner eigenen Wohnung in die Brüche zu gehen droht. Dennoch ist Hitchcock selbst ja genau von dieser Lust abhängig, von der Skopophilie, denn ohne die Schaulust des Publikums gibt es keine Filme. Der Film seziert die Strukturen von Voyeurismus und Identifikation, während er sie selbst nutzt, um den eigenen Zuschauer zu bannen. Er bestraft Jefferies’ Voyeurismus zwar, aber so, dass er nur noch länger gefesselt ist an seine Zuschauerposition.

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Ansonsten ist es auch generell nach wie vor zu Recht der Vorzeigefilm in Sachen Voyeurismus und Selbstreflexion. Da ist der an seinen Stuhl Gefesselte, der sich nach Abenteuer und Eskapismus jenseits seines eigenen Raums sehnt, der Handlung durch Zusehen ersetzt (auch als Fotograf), ganz Auge wird, der (zunächst) einseitig in ein (scheinbar) Privates blickt, aber räumlich getrennt ist von seinem Objekt, distanziert, durch den Zoom seiner Kamera (das “portable keyhole”) jedoch auch Großaufnahmen sehen, scheinbar ganz nah sein kann am Geschehen, geschützt in seinem Raum, dennoch am Leben von anderen teilhabend, an einer fremden, aufregenden Welt, panoptisch mächtig, wissend, den anderen seinem Blick unterwerfend, objektivierend, aber in der Tat ohnmächtig und vom Objekt gebannt. Er blickt gefesselt in eine Kadrierung, in erleuchtete Rechtecke, in denen die Figuren zwischen On und Off wandeln, die preisgeben und verhüllen, die ihm ein Rätsel und damit ein Begehren nach Auflösung und Enthüllung aufgeben, sodass er die Fragmente der ihm gelieferten Geschichte vervollständigen, die Leerstellen füllen will und deswegen nicht wegsehen kann. Die unwiderlegbare Gleichsetzung und Identifikation von Voyeur- und Zuschauerblick geschieht schließlich durch Point-of-View-Shots durch die Augen Jefferies’.

Hitchcock: “Das wars. Das bot die Möglichkeit, einen vollkommen filmischen Film zu machen. Da war der unbewegliche Mann, der nach draußen schaut. Das ist das erste Stück des Films. Das zweite Stück läßt in Erscheinung treten, was der Mann sieht, und das dritte zeigt seine Reaktion. Das stellt den reinsten Ausdruck filmischer Vorstellung dar, den wir kennen.”2 Man erinnere sich an das Kuleschow-Experiment.

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Und damit ist der Film der endgültige Beweis für die Meisterschaft des rein visuellen Erzählens Hitchcocks, nicht nur die anfängliche Kamerafahrt, die im Nu die Entstehung von Jefferies’ Gipsbeins vorstellt, sondern auch durch diese kleinen Theaterstücke hinter den Fenstern zum Hof. Es ist ein Film voller kleiner Filme, die fast stumm verlaufen, jeder einem anderen Genre nahe, mit seiner eigenen Dramatik und als Kommentar zu Künstlerpersönlichkeiten oder Beziehungsmodellen gestaltet und damit als Spiegel zur Haupthandlung um Jefferies und Lisa, die neben dem Krimi ja auch ihre eigenen Identitäten und Beziehugsprobleme zu verhandeln haben. Der Film ist an einen Ort gebunden und doch angefüllt mit Orten, Dramen, menschlichen Details und bissigen Kommentaren, die sich in wundervoller Harmonie ergänzen. Und die Mordgeschichte selbst ist (bis auf einen Schrei) reiner Stummfilm mit statischer Kadrierung (wenn man die Fenster von Thorwalds Wohnung als solche versteht), der mit On und Off, dem Vorenthalten von Informationen spielt und mit Jefferies zusammen den Zuschauer in Spekulationen und Theorien stürzt. Denn bei aller sanften Kritik am Voyeurismus ist der Film trotzdem auch eine Ode ans Gaffen, an die Lust am blutigen Schauspiel, ans Rätseln und Mitfiebern, an den Nervenkitzel und die Angst um die Protagonisten.

“[D]asselbe Auge, das optische Herrschaft beansprucht und verwirklicht, ist auch das ausgelieferte Auge der Angst, das sich dem Schrecken nicht entziehen kann, der Wahrnehmung dessen, was nicht zu ertragen ist.”3

Durch diese sehr intelligent gestrickte und verschachtelte Selbstreflexion schwebt dann auch noch eine der bewundernswertesten und stärksten weiblichen Figuren bei Hitchcock. Grace Kelly klettert nicht nur todesmutig in Pumps in Mörderwohnungen, sie bindet auch noch den männlichen Blick und leitet ihnen zu ihrem eigenen Nutzen (daher “ist sie nicht ganz das passiv-exhibitionistische Objekt, als das Mulvey sie bezeichnet”). Und das auf eleganteste, strahlendste, bezauberndste, verführerischste Weise. Sie macht sich bewusst und aktiv zum Objekt des Blicks (als Model, besonders auch in der Szene im Nachthemd und dann, indem sie sich in den Objektraum begibt), gewinnt aber genau dadurch seine Bewunderung. Sie gleitet durch den Film und drapiert sich ins Dekor wie in ein Gemälde.

“Die Rahmenschau ähnelt beim Voyeur wie beim Kinozuschauer einem distanzierten Blick ‘in den Guckkasten, in dessen erleuchtetem Fenster die Puppen der Empfindung tanzen’4.”

  1. Truffaut, François. Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?. Übers. Frieda Grafe und Enno Patalas. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2012, S. 195. []
  2. Ebd., S. 211. []
  3. Lehmann, Hans-Thies. „Die Raumfabrik – Mythos im Kino und Kinomythos.“ Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Hg. Karl Heinz Bohrer. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 1983. 572-609, S. 596. []
  4. Brüggemann, Heinz. Das andere Fenster: Einblicke in Häuser und Menschen. Zur Literaturgeschichte einer urbanen Wahrnehmungsform. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989, S. 47. []
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To the Wonder (Terrence Malick, 2012)

TotheWonder1Geschichten auf die Art und Weise zu erzählen wie es To the Wonder tut, finde ich eigentlich sehr reizvoll. Die Handlung wird von jeglichen Hintergründen oder Erklärungen befreit und steht nur noch als Gerüst da für Stimmungsbilder, das menschliche Sein, das sich aus den spärlichen Entwicklungspunkten ergibt. Was geschieht ist nicht das Entscheidende, nur die Auswirkungen auf den Einzelnen interessieren den Film. Das erinnert mich schon an Virginia Woolf, obwohl sie natürlich ins Subjekt hineingeht, die Welt durch Gedanken darstellt, wohingegen Malick die Gefühle vor allem externalisiert in Natur und Bewegungen von Menschen in Außen- oder Innenräumen, begleitet von Voice-over, das aber auch nur die Gefühlslage grob benennt oder poetisch abstrakt bleibt. Wie bei Virginia Woolf fließt alles, alles ist in Bewegung. In Momenten kann das sehr schön sein und wirklich Gefühle vermitteln. Die Befremdlichkeit des amerikanschen Lebens für Marina wird zum Beispiel in wenigen Bildern sehr überzeugend vermittelt, auch Entfremdung und Streit. Und Olga Kurylenko ist überraschend gut besetzt und fügt sich mit einer beinahe ätherischen Aura sehr gut in diese Bilder ein. Die Gesichter müssen hier eigentlich nur Zustände ausdrücken und ich finde, ihres tut das von allen am überzeugendsten. Sie wirkt, obwohl man so wenig über sie erfährt, als Figur greifbar. Ben Affleck hingegen ist eigentlich nur als Körper im Raum vorhanden, durch die vielen Rückenansichten auch bewusst so inszeniert. Er ist nur Mittel zum Zweck, Projektionsfläche. Rachel McAdams schließlich empfand ich als etwas deplatziert, treffend als All-American-Girl, aber ohne andeutungsreiches Gesicht. Zum Glück ist ihr Auftritt nicht allzu lang. Wie bei Malick üblich werden diese Schauspieler aber wundervoll rein inszeniert, entblößt fast, in ihrer Natürlichkeit, weil er ihnen kaum Hilfsmittel an die Hand gibt, nicht nur vorteilhafte Kameraperspektiven wählt. Er reduziert sie eigentlich auf ihr Sein, was für Schauspieler scheinbar aber doch eine große Herausforderung darstellen kann.

Auch wenn ich also diese Art und Weise, Filme zu machen (ohne die “dull bits” des Lebens rauszulassen), jederzeit verteidigen würde, glaube ich trotzdem, dass man das überzeugender gestalten kann als in To the Wonder. Die Bilder und Momente wirken halt doch manchmal willkürlich, die Monologe eigentlich etwas banal und repetitiv, und generell mäandert der Film nur um Aussagen herum, um die üblichen Themen von Glaube, Natur, Amerika, Liebe und Entfremdung von alldem. Und obwohl ich bereits überzeugende Deutungen gelesen habe (diese und diese z.B.) wirkte das im Gesamten recht ermüdend und fast schon belanglos auf mich. Aber wenn man bedenkt, wie viele noch viel belanglosere und zusätzlich viel weniger wagemutige Filme alljährlich in die Kinos gespült werden, fände ich es anmaßend, zu behaupten, Filme wie dieser sollten nicht gemacht werden. Ich konnte zwar nichts daraus mitnehmen, freue mich dennoch darüber, dass sich jemand an dieser Art des Erzählens versucht.

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Media Monday #39

1. Die größte Action-Ikone ist nach meinem Dafürhalten Keanu Reeves. Die richtigere Antwort wäre wahrscheinlich schon eher Schwarzenegger, Stallone, Willis, aber Speed lief damals bei uns ziemlich oft und The Matrix hat mich mit 15 im Kino dermaßen weggeblasen, sodass er in meiner Biografie einfach wichtiger war.

2. Ben Foster gefiel mir am besten in an dem Episodenfilm 360, weil der Film ansonsten nicht viel taugt.

3. Serien, die nur einen Case-of-the-Week haben und keine fortlaufende Handlung meide ich eher (außer mal die eine oder andere Sitcom, aber das würde ich nicht einen klassischen “Case of the Week” nennen), weil Serien so wunderbar ausladende, sich entwickelnde Geschichten und Charaktere erzählen können und es daher auch tun sollten. Schön finde ich jedoch, wenn der Fall der Woche mit der fortlaufenden Handlung verknüpft wird, in jeder Folge eingebunden wird, statt nur nebenherzulaufen, wie es bei Six Feet Under wirklich mustergültig gemacht wird.

4. Die liebste Serie meiner Kindheit war Siebenstein, weil Rudi so süß war und der grummelige Koffer und weil es einfach eine schön fantasievolle, kindgerechte Serie ist ohne großen Schnickschnack.

5. Das natürliche Bedürfnis meldet sich schon öfter mal im Kino, aber bisher war es nur einmal unerträglich und dann musste ich einfach das Kino verlassen. Aber ich bin natürlich zurückgekommen. Ansonsten habe ich noch nie vorzeitig einen Film verlassen. Die zwei Stunden oder so hält man doch immer aus und ein Urteil kann man eigentlich erst nach dem vollständigen Film fällen.

6. Hamlet gefällt mir als literarische Figur mitunter am besten, weil ich noch keine Filmversion von ihm gesehen habe, die dem Hamlet in meinem Kopf gleichkommt. Aber es gibt halt unendlich viele mögliche Versionen von Hamlet und das ist ja auch schön so.

7. Meine zuletzt gesehener Film war I Confess und der war ein bisschen missglückt, weil der Protagonist, der Priester, kaum existent ist, nur als schlecht eingeführtes Prinzip des Beichtgeheimnisses.

von Medienjournal

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Monatsrückblick 05/2013

Hitchcock, Hitchcock, Hitchcock: das war mein Mai. 13 Filme habe ich von ihm gesehen. Aber ich war auch oft im Kino und habe (für meine Verhältnisse) viel gebloggt. Was ich aber sehr schade finde, ist, dass ich nur noch so selten etwas längere Beiträge zu aktuellen Filmen schreibe. Ich begnüge mich dann mit den paar Worten im Rückblick. Meist habe ich nicht das Gefühl, mehr als das zum Film zu sagen zu haben, aber vielleicht käme ja mehr, wenn ich mich nur bemühen würde. Vielleicht bin ich nur faul. In Zukunft möchte ich mich jedenfalls öfter wieder anstrengen. Richtig lange Besprechungen gibt es bei mir ja sowieso nicht, da ich generell lieber komprimiert, zusammenfassend schreibe.

Dann habe ich noch eine Änderung vor: Da ich ab jetzt zu wirklich jedem Film etwas schreiben möchte, und wenn es nur ein Satz ist, werde ich öfter mal während des Monats schon Kurzbesprechungen sammeln. Vielleicht mache ich das wöchentlich (samstags?) oder immer nach einer bestimmten Anzahl Filme. Den Monatsrückblick möchte ich dennoch behalten, allerdings nur noch bestehend aus den Highlights des Monats oder sonstigem Erzählenswertem. Das muss ich mir noch genauer überlegen.

  • gesehene Filme: 25
  • im Kino: 7
  • Erstsichtungen: 20

LostHighwaySnap

Die absoluten Highlights:

  • Lost Highway (David Lynch, 1997)
  • Shadow of a Doubt (Im Schatten des Zweifels – Alfred Hitchcock, 1943), den ich gleich nach der Werkschau noch einmal sehen möchte.
  • Rope (Cocktail für eine Leiche – Alfred Hitchcock, 1948)
  • Lifeboat (Das Rettungsboot – Alfred Hitchcock, 1944)
  • Strangers on a Train (Der Fremde im Zug – Alfred Hitchcock, 1951): In einem weiteren Hitchcock-Beitrag mehr dazu, jedenfalls: sehr spannend, in jeder Einstellung genau bedacht.
  • generell Joseph Cotten, unberechenbare Hitchcock-Frauen, Schärfentiefe-Einstellungen und Philip Glass in Stoker

Auch nicht übel:

  • Stoker (Park Chan-wook, 2013): Ein überaus faszinierend inszenierter, andeutungsreicher, anachronistisch gestalteter Film mit wunderbaren Match Cuts und Plansequenzen, der mich von der ersten Einstellung an in seinem Bann hatte. Jeder eigentlich banale Moment wird gekonnt aufgeladen, aufregend inszeniert. Wegen der deterministischen Aussage bevorzuge ich jedoch Shadow of a Doubt. Und letztendlich ist der Film eigentlich doch etwas leer, finde ich.
  • Der Verdingbub (Markus Imboden, 2011): Bewegender und trauriger Film über ein Unterkapitel der Schweizer Geschichte. Der Verlorene, der anderen ausgeliefert ist, was diese schamlos ausnutzen, um ihn kleinzumachen – das ist nichts, was man nicht schon oft gesehen hätte. Aber diese Ungerechtigkeit geht einem trotzdem immer wieder an die Nieren. Außerdem ist es besonders vom “Bub” sehr süß und mit Inbrunst gespielt.
  • Jagten (Die Jagd – Thomas Vinterberg, 2012): Im Prinzip ist es doch ein Film darüber, dass in Fällen, in denen es nur auf Augenzeugen ankommt, an die Wahrheit nicht zu gelangen ist. Da geht es dann nur noch um Ver- oder Misstrauen, um das, was man selbst glauben will, weil es scheinbar so leicht ist, das Böse im Menschen zu erkennen.
  • Side Effects (Steven Soderbergh, 2013): Ein spannender, tatsächlich sehr überraschender Film, der durch seine Wendungen viel Spaß macht. Vor allem Rooney Mara fand ich sehr überzeugend. Manches ist aber schon arg konstruiert und die Figuren und ihre Beweggründe bleiben nur an der Oberfläche. Und letztendlich ist man doch etwas enttäuscht, dass diese Pharma-Kritik eigentlich nur ein MacGuffin ist.
  • $ 9.99 (Der Sinn des Lebens für 9,99 $ – Tatia Rosenthal, 2008): Stop-Motion-Filme können nicht schlecht sein. Dieser fährt eher im Wasser von Mary and Max, vereint deprimierend Realistisches mit Fantastischem, ist auf verdrehte Weise optimistisch.
  • Almanya – Willkommen in Deutschland (Yasemin Samdereli, 2011): Süß, lustig und traurig. Mehr fällt mir dazu nicht ein, aber das ist bei einem deutschen Film dieser Art doch einiges.
  • The Broken Circle Breakdown (The Broken Circle – Felix Van Groeningen, 2012): Eine schön zerpflückte und neu zusammengesetzte Struktur, die etwas Distanz zum dramatischen Geschehen schafft. Aber durch seine Musikeinlagen drückt der Film schon ein bisschen zu gewollt auf die Tränendrüse.
  • Tagebuch einer Verlorenen (Georg Wilhelm Pabst, 1929): Erstaunlich frisch für einen Stummfilm, nicht so verstaubt und schwer wie üblich. Dafür leider nicht besonders prägnant, das Schicksal der Verlorenen erschüttert nur bedingt, da es doch recht glatt wirkt, wenig schmerzhaft.

DerVerdingbubSnap

Eher enttäuschend:

  • Der alte Affe Angst (Oskar Roehler, 2003)
  • The End of Time (Peter Mettler, 2012)
  • The Great Gatsby (Der große Gatsby – Baz Luhrmann, 2013): Da gab es schon Gänsehautmomente, solche Bilder sieht man halt doch nicht allzu oft. Aber was soll man denn von einem Regisseur halten, der seinen eigenen Bildern nicht traut und glaubt, sie stets erklären zu müssen? Außerdem erzählt der Film eben eine andere Geschichte als das Buch (wie es ja meist der Fall ist bei Literaturverfilmungen), in dem Gatsbys Liebe zu Daisy vielleicht nicht viel mehr ist als ein MacGuffin, völlig bedeutungslos. Tja, im Film ist das anders. Aber DiCaprio IST Gatsby, genau so, wie ich ihn mir vorstelle. Dennoch: Völlige Leere beim Verlassen des Kinosaals.
  • Parade’s End (BBC / HBO / VRT, 2012)
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Filmstöckchen: Filmvorlieben

Filmstöckchen gibt es ja nicht allzu oft, da fange ich das von Sonja geworfene doch gerne auf. Zum Glück habe ich einige der Fragen schon bei meinen 31 Tagen – 31 Filmen beantwortet.

Was ist dein Lieblingsfilm?
Diese vielen, vielen tollen Filme, die ich gesehen habe, auf einen zu reduzieren, finde ich natürlich nicht schön, aber dürfte ich nur einen Film behalten, wäre das immer noch 2001: A Space Odyssey.

Wieso ist das dein Lieblingsfilm?
Weil er wunderschön ist, völlig eigentümlich, durch und durch Film, allumfassende Themen behandelt, intellektuell, aber trotzdem seltsam berührend ist und weil man damit nie zu einem Ende gelangen kann. Seine Bedeutung ist niemals vollständig festzuhalten. Er bleibt eine Herausforderung.

Was war(en) deine Lieblingsfilm(e) als Kind?
Schwierig, ich weiß nicht mehr so genau. Von den Disney-Zeichentrickfilmen mochte ich am liebsten Aristocats und Die Schöne und das Biest (vor allem wegen diesen lebenden Gegenständen – Herr von Unruh!). Außerdem Bernard und Bianca und Feivel, der Mauswanderer (ich hatte was für Mäuse übrig). Ein Schweinchen namens Babe ist immer noch ein Kultfilm in unserer Familie. Und dann erinnere ich mich, dass ich bei der Lieblingsfilmfrage in einem Freundschaftsbuch mal Hexen aus der Vorstadt nannte. Ich weiß nur noch den Titel, sonst nichts, es ist wohl ein tschechischer Film von 1990. Ronja Räubertochter war aber auch wichtig, und Michel.

Wer ist dein(e) Lieblingsregisseur(in)?
Ich finde einfach, dass Stanley Kubrick die herausragendsten Filme gemacht hat. Schöner wäre es noch, wenn ich mich auch emotional mit ihnen identifizieren könnte, aber eine Virginia Woolf der Filmwelt habe ich noch nicht gefunden und so schlimm ist das auch gar nicht.

Wieso ist das dein(e) Lieblingsregisseure(in)?
Weil er sich so vieler Genres annahm, sie völlig seinem Stil unterwarf, bis zur Perfektion trieb und doch auch transzendierte, indem er seine Filme als fast schon philosophische Diskurse gestaltete. Er hat unvergessliche, visuelle Meilensteine gesetzt und gezeigt, was Film alles sein kann.

Hattest du schon vorher eine(n) Lieblingsregisseur(in)?
Als ich noch jung und unerfahren war, hatte ich immer mal wechselnde Regisseur-Phasen. Ich erinnere mich an eine Lars-von-Trier-Phase und eine Federico-Fellini-Phase, aber das ist schon um die 10 Jahre her. Von Tim Burton war ich auch schon früh lang anhaltend Fan, und natürlich habe ich auf jeden weiteren Film von Sam Mendes hingefiebert.

Warum ist das nicht mehr dein(e) Lieblingsregisseur(in)?
Sam Mendes ist immer noch einer meiner Favoriten, von Trier auch, mit Fellini müsste ich mich noch mal befassen, aber gegen Kubrick kommen halt alle nicht an. Und Tim Burton ist ja schlecht geworden, außerdem nehme ich ihn eher als Weltenerschaffer denn Regisseur wahr.

Wer ist dein(e) Lieblingsschauspieler(in)?
Im Moment: Joaquin Phoenix und Kate Winslet. Die absoluten Favoriten wechseln sich hier aber immer mal ab. Ich sehe schon wieder eine Fassbender-Phase am Horizont.

Wer oder was ist deine liebste Filmfigur?
Da konnte ich mich schon hier so gar nicht festlegen. HAL 9000?

Auf welche(n) kommende(n) Filme freust du dich am meisten?
Macbeth mit Fassy! Und Filme, die bereits abgedreht sind: Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch, weil ich mir immer noch endlich mal einen vernünftigen, ernst zu nehmenden Vampirfilm erhoffe und weil Tilda Swinton und Tom Hiddleston schon mal großartig aussehen, und 12 Years a Slave von Steve McQueen, obwohl ich noch gar nicht weiß, worum es überhaupt geht, aber bereits seine ersten beiden Filme haben mich sehr beeindruckt.

Wenn du das Geld und/oder die Möglichkeiten hättest, über was oder wen würdest du einen Film drehen oder was möchtest du generell mal verfilmt sehen?
Paradise Lost von John Milton im Look eines John-Martin-Gemäldes. Das kann ich aber nicht selber, das muss jemand anderes machen. Darren Aronofsky würde ich das eventuell zutrauen oder vielleicht einem der brutalen Südkoreaner.

Hm, ich werfe Stöckchen immer nicht gerne an konkrete Personen weiter, weil ich niemandem diese Last aufladen will. Interessieren würden mich die Antworten aber bei Yolanda Puschkin und Sebastian Nebel. Aber nur, wenn ihr Lust habt!

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