Wiedersehensfreude: The Addiction (Abel Ferrara, 1995)

Trotz aller Entwicklungen und allen Überdrusses ist und bleibt der Vampir mein liebstes fantastisches Wesen. Ich glaube, das war schon so, als ich Kind war, als ich Der kleine Vampir und The Munsters schaute und mich an Fasching oft als Vampir verkleidete. Später entdeckte ich Anne Rice, Interview with the Vampire (Buch und Film) und die “erwachsenen” Formen des Vampirs, Dracula/Nosferatu, Filme wie The Addiction, die mir die Sonderstellung des Vampirs unter den erdachten Geschöpfen bewiesen. Denn der Vampir hat nicht nur Unterhaltungswert in Horror-, Actionfilmen oder auch Komödien, er ist nicht nur ein Mittel des Eskapismus, vielmehr kann er existenzielle Fragen stellen, bestimmte menschliche Herausforderungen können durch Überhöhung erprobt und reflektiert werden, Philosophisches kann verhandelt werden.

Leider tun das nur die wenigsten Werke über Vampire. Im Grunde sind es nicht mal Werke über Vampire, ist der Vampir doch in der Regel nur Mittel zum Zweck für irgendeine Action- oder Verführungshandlung. The Addiction ist aber nun einer dieser erfrischenden Filme, die tatsächlich das Vampirsein an sich in den Mittelpunkt stellen, seine existenziellen und philosophischen Dimensionen. Vampirismus wird hier als Sucht gedeutet, als ein Ausdruck der Sucht des Menschen nach dem Bösen, die aus seiner Schwäche resultiert. Da die weibliche Hauptfigur Doktorandin der Philosophie ist, wird diese These mit reichlich Zitaten und Gedanken von großen Namen unterfüttert. Daneben bebildern Szenen von Greueltaten (zuvorderst des Dritten Reichs) die menschliche Fähigkeit zum Bösen. Wie subtil. Vielleicht würde es helfen, sich mit den Philosophen auszukennen, ich fürchte aber, der Film würde in seiner Aussage trotzdem sehr simpel bleiben, so abstrakt er sich auch geben mag.

Ich weiß schon, warum ich damals so begeistert war: Es ist ein künstlerisch anspruchsvoller (schwarz-weiß!) , philosophischer Vampirfilm über das Böse. Da war es fast schon egal, wie er im Detail ist – mein damaliges Ich war auf jeden Fall mitgerissen. Heutzutage bin ich jedoch nicht mehr so leicht zu beeindrucken, ja, zu blenden. Den fast schon einzigartigen, lobenswerten Ansatz erkenne ich immer noch begeistert an. Auch gibt es herrliche Schwarz-Weiß-Fotografie, Atmosphäre, gute Darsteller. Aber heute erscheint mir der Film doch recht unfertig (klar, er dauert ja keine 80 Minuten) und pseudo-tiefsinnig. Vielleicht steckt mehr dahinter, als ich gerade sehe, doch die Aussagen werden schon auf dem Silbertablett serviert. Ich denke, da hätte man sehr viel mehr draus machen können. Schade ist z.B. auch, dass Christopher Walken nicht noch einmal auftaucht (ich hatte seinen Auftritt überhaupt viel länger in Erinnerung). So eine interessante Figur kann man doch nicht nur kurz einleiten. Wie überhaupt alle dargereichten Ideen.

Dennoch bin ich dem Film nach wie vor dankbar, dass er meine besonderen Vampir-Vorstellungen bestätigte wie kein anderes Werk, das ich kenne. Für mehr nachdenkliche Vampirfilme!

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2 Kommentare zu Wiedersehensfreude: The Addiction (Abel Ferrara, 1995)

  1. Schlombie schrieb:

    Ich wollte “The Addiction” schon immer nach all den Jahren ein zweites Mal gucken, um für mich eben das zu überprüfen, was Du für Dich herausgefunden hast. Wie schnell wirkte damals etwas tiefsinnig, wie schnell war man zu begeistern, wieviel hat man nach all den Jahren dazugelernt in einem Film wahrzunehmen/zu hinterfragen? Deine Review sorgt immerhin dafür, dass ich bei einer Zweitsichtung etwas distanzierter herangehen werde, wenn es so weit ist, ob ich Deiner Wahrnehmung nun am Ende zustimmen werde oder nicht. Aber lieber mit weniger Erwartungen herangehen und eventuell positiv überrascht werden, als mit hohen Erwartungen herangehen und zu sehr enttäuscht werden (hatte ich letztens erst bei Futureworld).

    • Lena schrieb:

      Die Erwartungen zu kontrollieren finde ich persönlich aber ungeheuer schwierig. Erwartungen sind doch etwas sehr Emotionales, sie beinhalten Vorfreude, die man doch eigentlich gar nicht abschalten will. Ich werde immer öfter von Filmen enttäuscht (leider auch von den Wiedersehensfreude-Filmen), und doch kann ich mich nicht dazu bringen, abgeklärter zu werden. Ich kann mich einfach nicht überlisten.
      Na ja, sag Bescheid, wenn du den Film noch mal gesichtet hast, würde mich interessieren :)

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