Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Fernsehserie als Kunstform erst in den letzten Jahren richtig aufgeblüht ist. Es ist zwar noch nicht ganz meine Materie, doch mir scheint, dass es früher nicht so viele Hypes um und auch Erwartungen an neue Serienformate gab, vor allem amerikanischer Produktion (für die deutsche Serie hat wohl keiner mehr Hoffnungen).
Ich hinke dem Hype sogar ausnahmsweise etwas hinterher und habe erst vor Kurzem gelernt, Serien ernstzunehmen und mich darauf einzulassen (als endgültig entscheidendes Jahr würde ich 2010 nennen). Klar saß ich als Teenager auch regelmäßig zum Serientermin vor der Glotze (z.B. für Verbotene Liebe, Gegen den Wind, Großstadtrevier), aber da ging es tatsächlich rein um Unterhaltung mit gewissem Ritualcharakter. Niemals hätte ich behauptet, dass diese Serien kunstvoll seien. Aber dann kam 2004 Six Feet Under – und die Bemerkung einer Kommilitonin, einem Serienjunkie (wie man heute so sagt), im ersten Semester, in Bezug auf den großen Vorteil der Serie gegenüber dem Film, der nicht genug Zeit habe, um Charaktere wirklich herauszubilden, um ihnen Raum zur Entfaltung und Entwicklung zu geben. So hatte ich das noch gar nicht gesehen – und tatsächlich sollte ich diese Einsicht in den nächsten vier Jahren von Six Feet Under bestätigt sehen.

Alan Balls Serie setzte für mich dann einen Standard, der praktisch von keiner anderen Show mehr zu erreichen ist. Hier waren Charaktere, die an Menschlichkeit, Vielschichtigkeit, Entwicklungspotenzial und Tiefe nicht zu übertreffen waren. Keiner war zum Schluss mehr der, der er zu Anfang gewesen war. Oh Gott, hatte ich die alle ins Herz geschlossen, jeden einzelnen, sogar jemanden wie den zickigen Rico. Sie waren in den vier Jahren Laufzeit so ein bisschen wie eine zweite Familie, die neben meinem ihr Leben lebten. Wie weise und groß und umfassend diese Serie war, nicht immer perfekt, für mich in ihrer Gesamtheit aber doch. So bitterlich wie hier habe ich noch nie über ein Ende geweint, beinahe tagelang. Es war unerträglich, unerträglich schön und traurig zugleich – besonders die berühmten letzten Minuten, die unglaublich perfektesten, wunderschönsten, herzzerreißendsten, abschließendsten sechs Minuten, die es überhaupt geben kann. Diese unkontrollierbare Gefühlsintensität ob eines Kunstwerks war mir selbst vollkommen neu.
So wurde dann also die Serie als Kunstform für mich geboren (Twin Peaks hat sicherlich noch nachgeholfen). Aber auch gleichzeitig die Bedingung, die eine Serie erfüllen muss, um mir zu gefallen: Story, Erzählweise und Visualität sind da längst nicht so entscheidend wie beim Film, am wichtigsten sind mir vielmehr Charaktere, die mich faszinieren, interessieren, die ich mögen kann, deren Weg ich unbedingt weiterverfolgen will. Im Film muss die Charakterdarstellung und -entwicklung tatsächlich eher kondensiert sein, in der Serie kann sie subtiler und damit eindringlicher vonstattengehen. Wenn ich keiner der Figuren einer Serie Sympathie entgegenbringen kann (ich habe allerdings auch eine ausgeprägte Schwäche für Bösewichte), wenn es mir egal ist, wie ihr Schicksal verläuft, dann hat sie tatsächlich keine Chance bei mir, so überzeugend auch alles andere sein mag. So habe ich nicht mehr als eine Staffel 24 durchgehalten, von Lost gar nur eine Folge und gelegentliches Reinzappen. Hand in Hand damit geht wohl auch meine eindeutige Vorliebe für Fortsetzungsserien, denn nur hier ist stete Weiterentwicklung wirklich möglich. Episodenserien ertrage ich nur als Sitcoms. Eine fortlaufende Handlung brauche ich dann doch, um die Dringlichkeit eines Weitersehens zu verspüren. Wenn ich etwas Abgeschlossenes sehen möchte, wende ich mich lieber an einen Film.

So haben es Serien nicht unbedingt leicht bei mir. Andererseits kann ich auch von einer gefesselt werden, die eigentlich nicht meinem Genre entspricht (z.B. das schon sehr zuckerwattige Gilmore Girls). Zum Glück gibt es aber ein nicht auf Werbegelder angewiesenes HBO und damit ein Serienniveau, das Türen geöffnet hat (wage ich mal nachzuplappern). Carnivàle war absolut genial und verdammt noch mal viel zu kurz, Band of Brothers und Angels in America auch nicht zu verachten, True Blood und Game of Thrones verdammt unterhaltsam und nach wie vor spannend. Doch auch andere Sender können was: Pushing Daisies habe ich so wahnsinnig gerne gesehen, Twin Peaks und The Prisoner waren feine Geniestreiche, Mad Men hat seine Mängel, mich aber weiterhin am Haken, und BBC liefert natürlich auch immer wieder literarische oder historische Schmankerl, wie der allseits beliebte Sherlock oder North & South.
Und nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich zeitweise meine Filmsucht vernachlässige, um mir eine Serienstaffel nach der anderen reinzuziehen. Denn es macht tatsächlich so Spaß, Figuren über eine lange Zeit zu folgen. Und da ich mich ja gerade erst auf diese Kunstform eingelassen habe, gibt es so viel zu erkunden, unüberschaubar viel nachzuholen (z.B. The Wire, Deadwood, The West Wing, evtl. The Sopranos) und Aktuelles auszuprobieren (z.B. Breaking Bad, Boardwalk Empire, Homeland, Downton Abbey).
Man merkt aber: Dramatisch muss es bei mir immer sein, auch wenn ich ab und zu nichts gegen ein wenig Sitcom-Unterhaltung habe. Nur Krimiserien, die langweilen mich nach wie vor zu Tode (kein Wunder: Episodenserien!).
An weiteren Tipps bin ich immer brennend interessiert. An welchen Serien seid ihr gerade dran?

Oh, damit bist du in kurzer Zeit die zweite Person, die mir unverständlich zu erklären gibt, ich sollte endlich mal “Six Feet Under” gucken. wird demnächst auch gemacht
Zum Thema Serien an sich: Das ist schon wirklich was anderes geworden als früher. Ich glaube, das liegt mittlerweile daran, dass man sich a) mehr traut (siehe Dexter, LOST, etc.) und b) so teilweise wirklich bessere Geschichten erzählen kann. Das Zeit-Argument kommt eigentlich immer gut.
Falls du gute Serien-Tipps brauchst: Wie gesagt, Dexter ist toll (und da hast du dann mit Michael C. Hall auch gleich noch einen “Six Feet Under”-Bezug). “The Walking Dead” ist auch spitze. “Breaking Bad” habe ich bisher selbst noch nicht gesehen, soll ja aber auch super sein. “Fringe” kann ich persönlich sehr empfehlen oder auch “United States of Tara”. Ach, es gibt so viel und so wenig Zeit…
Oh, auch nicht zu verachten sind “Dead like Me”, “Firefly”, “The Tudors”, “Modern Family” und “My Name Is Earl”.
So und aller guten Dinge sind drei: Laut Wikipedia ist “Carnivale” ja absolut was für mich!!! Das werde ich mir dringend mal merken.
So jetzt bin ich erst mal fertig
Oh ja, der eindeutige Nachteil an Serien ist der enorme Zeitaufwand. Das Leben ist zu kurz für all die sehenswerten Filme, Serien und lesenswerten Bücher zusammen.
Und danke für die Tipps. In ein paar davon habe ich schon reingeschaut und wurde nicht recht warm (“Fringe”, “Dexter”, “The Tudors”, “The Walking Dead”), aber vielleicht gebe ich der ein oder anderen noch eine Chance. “Modern Family” und “My Name is Earl” sind eher Comedy, oder (daher für mich eher nur für den Fernsehkonsum)? “United States of Tara” und “Firefly” möchte ich allerdings auf jeden Fall mal ausprobieren.
Ich glaube allerdings, dass “Six Feet Under” nicht für jeden funktioniert. Manchen ist das zu lahm. Bei mir hat es eben einen ganz persönlichen Nerv getroffen, aber diesen Nerv hat ja nicht jeder
. Also nicht zu viel erwarten, aber einen Blick ist es unbedingt wert. Und “Carnivàle” ist ein bisschen wie eine Mischung aus “Game of Thrones” (das Phantastische) und “Six Feet Under” (das Zwischenmenschliche). Man muss sich aber bewusst sein, wenn man sich darauf einlassen will, dass man eine unfertige Geschichte bekommt, dass die zweite und schändlicherweise letzte Staffel mit einem Cliffhanger endet. Und wir werden nie erfahren, wie es weitergeht. Argh!