Downton Abbey – Staffeln 1 & 2 (ITV, 2010/2011)

Downton Abbey hat etwas geschafft, was ich nicht mehr für möglich hielt: So viele Gefühle verschiedenster Art in mir anzuhäufen, dass ich nicht weiß, wohin damit, mich halbe Folgen durchweinen zu lassen, mir das Gefühl zu geben, neue Freunde gefunden zu haben. Ja, nennen wir es ruhig beim Namen: Downton Abbey hat geschafft, was bisher nur Six Feet Under geschafft hat.

Und dabei ist es eine Kostümserie, die in einer anderen Zeit spielt (1912 mit dem Untergang der Titanic beginnend), im Haushalt eines Grafs, mit völlig anderen Lebensweisen, Sitten, Etiketten. Und doch hat sie vollbracht, dass mir (fast) alle diese Adligen und anderen Oberschichtler und Bediensteten ans Herz gewachsen sind, dass ich mich beinahe von der ersten Minute an geborgen gefühlt habe. Die Historisierung bringt nur noch eine gewisse Würze mit sich, das Exotische, das Komplizierte.

Downton Abbey stammt vom Autor von Gosford Park, und tatsächlich muss man natürlich sofort an diesen Film denken, teilen sie doch ein Grundprinzip: den Mikrokosmos eines aristokratischen Haushalts zu porträtieren (als Spiegel des Makrokosmos der Klassengesellschaft), vom Graf ganz oben bis zur Küchenhilfe ganz unten, mit allen Hierarchien und Beziehungen unter Gleichgestellten und zwischen Herr und Diener (die, finde ich, besonders rührend und deutlich, sehr mühevoll eingefangen werden). Das war schon in Gosford Park mehr als faszinierend und hier erhält es noch viel mehr Raum zur Entfaltung, zur emotionalen Vertiefung. Und das nutzt die Serie ohne Frage. So werden die Abläufe im Haus, ja, die Maschinerie eines Herrschaftssitzes mit seinen vielen Zahnrädchen, die perfekt ineinandergreifen müssen (interessant wird es, wenn sie es nicht tun!), schön beleuchtet. Nicht jede der vielen Figuren erhält dabei natürlich gleich viel Aufmerksamkeit und doch immer genug, um eine eigene kleine Geschichte gesponnen zu bekommen, eigene Probleme und Sehnsüchte, eigene Konflikte und Entwicklungen.

Zu Beginn meint man noch, lauter Typen zu sehen, doch je mehr sie auf die Probe gestellt werden, desto wandelbarer werden sie, passen sich an, vertiefen sich, werden komplexer, bekommen einen festen Platz im großen Ganzen. Nehmen wir Maggie Smiths Charakter der Mutter des Grafs, der zu Anfang nur wie eine übliche sarkastische, überhebliche Oscar-Wilde-Figur erscheint (“What is a weekend?”), aber mit der Zeit immer mehr Profil erhält, immer menschlicher und weniger vorhersehbar wird, ohne an Wit einzubüßen. Die Beziehungen erhalten allein in zwei Staffeln, 16 Folgen, mehr Tiefe als andere Serien insgesamt bewerkstelligen. Man muss dieses Ensemble wunderbar runder Charaktere einfach bewundern. Sogar die unsympathischeren Figuren werden lebhaft und glaubwürdig – auch wenn diese kleinen Intrigenspinnereien, vor allem “downstairs”, ein wenig aufgesetzt sind und generell manche Wendungen etwas angestrengt, konstruiert. Aber irgendetwas muss nun mal passieren.

Die gesellschaftlichen Regeln und Gepflogenheiten der Zeit bleiben dennoch im Vordergrund, sind die treibende Kraft der Handlung, die ja erst dadurch in Gang gesetzt wird, dass der männliche Erbe (vermutlich) auf der Titanic stirbt und dadurch ein ferner, nahezu unbekannter Verwandter (ein Anwalt, oh Schreck) als zukünftiger Titels- und Besitzerbe in die Familie aufgenommen werden muss. Dennoch wirkt die Serie nie steif, sondern wird emotional gefüllt von Charakteren, die trotz aller Beschränkungen versuchen, ihr eigenen kleines Glück zu finden.

Die zwei Staffeln umfassen etwa acht Jahre, den Ersten Weltkrieg (dessen Kämpfe immerhin andeutungsweise gezeigt werden, wo Downton andernfalls kaum verlassen wird) und sich entwickelnde gesellschaftliche Umbrüche. Es ist letztendlich auch ein Panorama Englands zu der Zeit. Die Einführung von Elektrizität und des Telefons wird thematisiert, aber auch Frauenrechtsbewegungen, die irische Revolution, das Befinden der Dahmeingebliebenen und Zurückgekehrten während des Krieges, neue und alte Gesellschaftstypen (Snobs, Neureiche, Emporkömmlinge, alleinerziehende Mütter, der Sozialist aus der Arbeiterklasse, die Feministin aus der Oberschicht). Und das alles (Historie, Charakterentwicklung, Plots und Nebenplots, Leben und Arbeit im Herrschaftshaus) harmoniert in sich tatsächlich wunderbar zu einem vollkommenen Ganzen. Nichts wirkt aufgesetzt und bemüht.

Und ganz besonders schön fand ich die ein oder andere Plansequenz, die so herrlich die ausladenden Räumlichkeiten ausnutzt und erfahrbar macht – das kleine Sahnehäubchen in einer wunderbar ausgestatteten, leidenschaftlich gespielten, vollkommen stimmigen und glaubwürdigen Inszenierung.

Ihr merkt: Ich bin hingerissen. Downton Abbey ist einfach so unglaublich schön und berührend, voll mit tragischen, menschlichen und herzzerreißend wundervollen Momenten. Und eine Liebesgeschichte wie diejenige, die sich da “downstairs” abspielt, mag unendlich sentimental sein, aber doch auch unendlich sehnsuchtsvoll und so richtig, dass man das “Christmas Special” teilweise kaum ertragen kann.

Und wer nun noch ein Argument braucht: Downton Abbey ist schon ein bisschen wie Jane Austen (der ich ja gar nicht wohlgesinnt bin), nur viel besser und weitreichender – denn letztendlich geht es natürlich auch darum, den perfekten Ehemann zu finden, aber hier wartet kein Mr. Darcy um die Ecke.

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4 Kommentare zu Downton Abbey – Staffeln 1 & 2 (ITV, 2010/2011)

  1. nebel schrieb:

    Der Kostümdrama-Aspekt hat mich bisher zu sehr abgeschreckt, aber vielleicht sollte ich “Downtown Abbey” doch mal eine Chance geben. (Und “Six Feet Under,” das habe ich auch noch nie gesehen…)

    • Lena schrieb:

      Na ja, es kommt halt ganz darauf an, was für Serien du generell magst. Ich mag es am liebsten, wenn ich einfach interessante Charaktere verfolgen kann, deren Beziehungen sich über die Zeit entwickeln und vertiefen. Das ist bei “Downton Abbey” und “Six Feet Under” der Fall. Und bei SFU ist es wohl so: Entweder man findet die Serie ganz okay oder man liebt sie abgöttisch. Dazwischen gibt es nichts. Man sollte ihr aber auf jeden Fall mehr als ein paar Folgen Zeit geben.

  2. Deine Begeisterung für die Serie kann ich größtenteils nachvollziehen, wenngleich sich bei mir am Ende der zweiten Staffel doch gewisse Ermüdungserscheinungen eingestellt haben. Dazu hat vor allem das in einigen Handlungsteilen (Mary & Matthew, Mr. Bates) sehr langsame Erzählen beigetragen, zumal der weitere Verlauf hier schon recht früh abzusehen war – und sich nun beide Handlungsstränge noch weiter hinziehen werden. Aber das sind nur zwei kleine Kritikpunkte in einer ansonsten außergewöhnlichen Serie, die eine Vielzahl von vielschichtigen Charakteren hat. Ich bin nun sehr gespannt, wie es in der dritten Staffel weitergeht – und ob tatsächlich weitere Handlungsorte hinzutreten.

    • Lena schrieb:

      Da ist schon was dran, dass sich manche Erzählstränge etwas zogen und immer noch ziehen. Aber bei so wenigen Folgen ist das verschmerzbar und wird durch so viel anderes aufgewogen. Ich hoffe nur, für Bates wird bald eine Lösung gefunden.
      Die Serie muss ihren Kosmos aber auf jeden Fall etwas öffnen (für neue Orte und Figuren), sonst wird es nach den Hochzeiten der Töchter nichts mehr zu erzählen geben.

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