Projekte

Wiedersehensfreude: Vier Filme

Ich bin immer noch überzeugt von meinem Wiedersehensfreudeprojekt. Was mich allerdings stets etwas abschreckt, daran weiter zu arbeiten, ist mein Vorsatz, über jeden Film einen ganzen eigenen Beitrag zu schreiben. Uff. Aber das lässt sich ja auch anders regeln:

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  • Monster’s Ball (Marc Forster, 2011): Das ist der Film, durch den ich verstanden habe, wozu Filme überhaupt Sexszenen brauchen: sie etablieren (Liebes-)Beziehungen in komprimiertester Weise und können auf ihre ganz eigene Art etwas über (affektives) Begehren, emotional Verschüttetes und Verletzlichkeiten vermitteln. Dieser Film wäre nicht derselbe ohne diese Sexszene. Daneben finde ich ihn heute zwar recht vorhersehbar, offensichtlich, aufs Melodram und für Halle Berrys Oscar hin inszeniert, aber wenn zwei Menschen, denen das Leben übel mitspielte, sich trotz der grundsätzlichen Schlechtigkeit der Menschen aufeinander einlassen, um eben dieses Leben leichter zu ertragen, und so die Hoffnung wiederfinden und sich im Prozess sogar freiwillig verletzlich machen, dann geht mir das immer zu Herzen. Aber ohne die Sprödheit von Billy Bob Thornton, der Kitsch durch sein sehniges, reserviertes Wesen beinahe unmöglich macht, würde das sicher weniger glaubhaft funktionieren. Und der Schluss, der Vergebung auf so stille Weise als einzig möglichen Weg, weiterzumachen, verdeutlicht, ist geradezu vollkommen.

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  • Heaven (Tom Tykwer, 2002): Und noch eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte. In diesem Fall jedoch hat mir die Hülle darum gefallen, nicht aber diese abstrakte Liebe aus dem Nichts, die Motivationen und Geschichte zusammenhalten soll. Dadurch hat der Film mich verloren im zweiten Teil. Ich frage mich, ob Kieslowski das glaubwürdiger gestaltet hätte – mit seinem Talent, Metaphysisches ganz real und geerdet zu erzählen. Dabei beginnt Heaven doch so spannend, verbindet gekonnt, konzentriert und involvierend Ruhe mit Bewegung, zeigt die Menschen durch Aufsicht in ihren privaten Gefängnissen, stellt ein verzwicktes moralisches Dilemma auf, verläuft glatt und gerade wie ein Uhrwerk – aber dann komplett im Sande unter kitschigem Sonnenuntergang. Ohne diese Liebesgeschichte wäre es ein interessanter Film über Schuld und Sühne, so drängen sich eher Themen wie (abhängige?) Verbundenheit, Selbstaufopferung, auch Selbstverlust und vielleicht sogar Schicksal in den Vordergrund.

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  • Oldeuboi (Oldboy – Park Chan-wook, 2003): Da ich die unkritische Inszenierung von Rache als Hauptmotiv von Filmhandlungen mittlerweile ablehne, war ich besonders gespannt, wie Oldeuboi heute auf mich wirkt. Rache ist einfach eine so simple, niedere Motivation. Oldeuboi macht in dieser Hinsicht aber schon Interessantes: Wichtiger als Rache ist hier zunächst das Gefühl von Abgeschlossenheit, dann die Aufgabe, die die Lücke füllt, die durch die böse Tat der Person, an der es Rache zu üben gilt, entstanden ist, und dann ist Rache am klügsten, wenn man jene Person in genau die Lage versetzt, aus der jene Person die böse Tat überhaupt begangen hat, wegen der man Rache üben will. Rache vervielfältigt sich. Und das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist Wissen. Ganz schön verzwickt. Und weil Oldeuboi so sehr auf die Konstruktion seiner Idee und des Plots fokussiert ist, ein bisschen selbstverliebt sogar, war ich nicht mehr ganz so hingerissen. Die Verbindung von Brutalität, Traumata und kindlicher, tänzerischer Neckigkeit ist ja ganz charmant, hat mich aber nie vergessen lassen, dass das alles Absicht ist. Diese Mindfuck-Filme kommen mir mittlerweile so antiquiert und angestrengt vor. Allerdings hätte ich schwören können, dass einige der Musikstücke von Philip Glass sind. Scheint nicht so zu sein, aber ihre Schönheit bleibt.

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  • Pi (Darren Aronofsky, 1998): Gar nicht mal so selbstverliebt und solipsistisch wie befürchtet. Die Welt um Max herum ist ja relativ realistisch und bietet einen ruhenden Anker für seinen Wahnsinn. Aber so viel Freude wie der Film an den Ideen des Mathematikers hat (die ja doch ziemlich simpel sind) und an der Leidenschaft seiner Sinnsuche, ist der Ausgang recht enttäuschend. Intelligenz ist ein Geschenk, aber die Unwissenden sind glücklicher. Schön hätte ich auch gefunden, wenn die Dichotomien in den Lebensentwürfen zwischen Materialismus (auch wenn er es leugnet, huldigt Max ihm durch seine Sucht nach objektiver Benennung und Festschreibung natürlich doch) und Erfüllung beziehungsweise Chaos und Ordnung deutlicher herausgearbeitet wären – abgesehen von der Erkenntnis, dass das eine meist irgendwie Voraussetzung für das andere ist. Max’ Bedürfnis, sich den Migräneschmerz aus dem Kopf zu bohren, kann ich heute allerdings nur zu gut nachvollziehen.

Sieben Filme

  • Tian zhu ding (A Touch of Sin – Jia Zhang-ke, 2013):
    Sich bündelnde, unabänderliche Hilflosigkeit, die zu maßlosen Gewaltausbrüchen führt. Die Enttäuschung, Machtlosigkeit und erfahrene Ungerechtigkeit müssen schon lang und tief sitzen für diese selbstvergessenen Rachefeldzüge gegen das Unrecht. Ganz nachvollziehen konnte ich das trotzdem nicht, aber ich bewundere die Ruhe und Vielfalt der Darstellung der chinesischen Gesellschaft zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

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  • After the Fall (Saar Klein, 2014):
    Der schöne Wes Bentley. Seltsam, ihn als Vater zu sehen, er hat doch eben erst noch einen Teenager gespielt. Von Ricky Fitts’ Intensität ist aber nicht viel übrig, zumindest hier nicht. Und dem Film selbst fehlt es ebenso an Intensität, auch wenn die meditativen Momente genau das erzeugen sollen, aber sie hängen ziemlich lose in der Gegend herum. Es werden Entscheidungen, Verhalten und Gegebenheiten aneinandergereiht, die zwar Sinn ergeben, aber nicht wirklich erforscht werden in ihrer ganzen Tragweite und in ihrer Bedeutung für menschliche Verantwortung, Moral und das Justizsystem. Und hinterher wirkt alles viel zu einfach.
  • Turist (Höhere Gewalt – Ruben Östlund, 2014):
    Das ist doch mal ein originelles, interessantes Thema. Nach dem Ereignis ist da sofort ein eiskalter Graben zum Ehemann und Vater, und obwohl die Todesdrohung gar keine Wunden hinterlassen hat und eigentlich Erleichterung herrschen müsste, waltet immer mehr ein Kriegszustand – innen verbal, außen durch die menschlichen Eingriffe in die Natur und formal durch abrupte Schnitte und enervierende Zwischenmomente, die auf einen geradezu aggressiven Konfrontationskurs mit dem Zuschauer gehen. So ein Skiurlaub ist ja voller Bedrohungen. Manche Momente hätte ich mir zurückgenommener gewünscht, aber es blieb mir das starke Bild im Kopf von einem nackten, hilflosen Häuflein Elend Mensch.

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  • Norte, hangganan ng kasaysayan (Norte, the End of History – Lav Diaz, 2013):
    Es ist ja an sich keine schlechte Idee, eine Geschichte mit bedeutsamer Moral mit vielen alltäglichen Szenen und sehr aus Distanz zu erzählen, sodass der Zuschauer selbst erkennen muss, was Richtig und Falsch ist und warum die Handelnden eben so handeln. Aber man kann es auch übertreiben und die Moral geradezu verwässern und im Alltag ersticken. Schade um die vielen unterschwellig eindringlichen Szenen, die man nur herausschälen müsste, um einen beeindruckenden Film zu erhalten. Dachte ich mein Sehen. Als ich dann aber nach dem Ende so dasaß und sinnierte, hatten sich diese unheimlich klaren Bilder und die geradezu zärtlichen Kamerabewegungen irgendwie doch eingebrannt und Eindruck hinterlassen. Ach, ich weiß auch nicht …
  • Chinatown (Roman Polanski, 1974):
    Ein Wiedersehensfreudefilm, von dem ich dachte, er wäre dichter, ereignisreicher und vor allem abgründiger. Ich hätte es zum Beispiel schön gefunden, würde er nicht alles ausbuchstabieren zum Schluss. Bei Gittes’ Vergangenheit gelingt es ja auch. Aber wenn es um Wasser geht, bin ich immer dabei. Das ist so etwas Essenzielles und Nachvollziehbares, für aufrechte Bürger ein viel greifbareres und konkreteres Thema als Drogen, Waffen oder Zwangsprostitution.

Nightcrawler

  • Nightcrawler (Dan Gilroy, 2014):
    Ein Pendant zu The Wolf of Wall Street, in dem ein patenter Mensch die Mantras des kapitalistischen Arbeitsmarktes so sehr verinnerlicht, dass er seine fundamentalistische Gallionsfigur wird. Aber es geht ja auch um die Medien. Dieser Bloom sieht die Welt nur durchs Fernsehen, Internet, auswendig gelernte Phrasen ohne Realitätsbezug und schließlich durch seine Kamera. Für ihn ist die Realität wahrlich ein Simulacrum, weswegen er eine Moral überhaupt nicht kennt (wenn er sie dort nicht gelernt hat) – bis er sogar beginnt, diese Realität selbst zu formen. Die emotionalisierende oder Spannung erzeugende oder abenteuerlustige Musik unterstützt ihn noch in seinem Vorhaben. Blooms gesamtes Dasein beruht auf Fiktion und so entlarvt der Film die Gesetze der Ökonomie ebenfalls als nur eine mögliche Narration.
  • Shaun the Sheep Movie (Shaun das Schaf – Der Film – Mark Burton / Richard Starzak, 2015):
    Entzückend! Herzallerliebst! Meine Güte, wie putzig! Und dann noch Slapstick der alten Schule ohne Sprache. Daneben finde ich die Einfälle für die Großstadtabenteuer aber etwas zu offensichtlich und nicht herausfordernd genug: Verkleidung, Nobelrestaurant, der böse Tierfänger. Da hat man schon Überraschenderes und Anspielungsreicheres gesehen von Aardman. Aber es soll ja auch ganz kleine Menschen ansprechen. Und Stop-Motion-Filme machen mich nunmal einfach glücklich.

The Scottish Play in Film: Fazit

Out, out, brief candle!

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Eigentlich ist meine Macbeth-Werkschau noch nicht beendet, aber da die Veröffentlichung von Kurzels Version in eine ungewisse Zukunft verschoben ist, ziehe ich bereits jetzt ein Fazit, und zwar ein begeistertes! Denn mir wurden neue Türen im Hirn aufgestoßen, Vorurteile beseitigt und neue Blickwinkel ermöglicht. Ich habe Shakespeare durch die Augen anderer gesehen und gelernt: Literaturverfilmungen haben ihren Ruf nicht verdient.

Im letzten halben Jahr sah ich Macbeth-Inszenierungen jeglicher Qualität und für verschiedenste Zielgruppen, und durch jede einzelne lernte ich etwas über Shakespeares Stück, über Welt- und Menschenbilder und über filmische Ausdrucksmittel. Gerade auch Differenzen brachten neue Erkenntnisse, und so bewies die ärgerlichste Verfilmung durch ihr mangelndes Feingefühl eben jenes Shakespeares. Sein Macbeth ist eher Gewaltstudie denn Metzelfilm.

Macbeth ist Shakespeares kürzeste Tragödie, dadurch eine sehr kompakte, dichte, auf den ersten Blick eindeutige, die von einer hoffnungslosen, deterministischen, von Krieg, Verrat und Ehrgeiz geplagten Welt erzählt, in der Befreiung durch einen abgeschlagenen Kopf erlangt wird. Dennoch kann man die Aussage nicht auf die Formel “Macht korrumpiert” herunterbrechen, finde ich. Duncan war ein guter König und Malcolm verspricht es ebenfalls zu werden. Eindeutiger ist: Wer aus unlauteren Gründen zur Herrschaft kommt, der ist kein guter Herrscher. Nicht Macht selbst korrumpiert, sondern die Mittel, die gewählt werden. Der Mensch ist sein eigenes Verderben, weil er niemals zufrieden ist.

Neben dieser Einsicht entdeckte ich durch die Verfilmungen aber auch noch ganz andere Anlagen in der Geschichte. Besonders umgetrieben hat mich immer wieder die Frage nach dem freien Willen, die sogar ein größerer Antrieb zu sein scheint als die der Machtgier. Man darf den Stein des Anstoßes nicht vergessen: die Hexen, die Macbeth erst die Flausen in den Kopf setzen. Wie die einzelnen Macbeths mit diesem gepflanzten Gedanken umgehen, war stets einer der spannendsten Momente der Verfilmungen. Folgt Macbeth nur einem vermeintlichen Schicksal oder wählt er seinen Weg selbstbestimmt? Die einen stolpern mehr durch ihren vorherbestimmten Weg, angeleitet von ihren Frauen, die anderen entscheiden bewusst selbst, reflektieren, hadern mit den Konsequenzen und nehmen sie dann doch in Kauf. Davon ableiten lassen sich Weltbilder zwischen Determinismus und einem Recht des Stärkeren.

Es geht um Individuum und Kollektiv. Macbeth bringt durch sein unrechtmäßiges Tun Chaos in die Welt und die natürliche Ordnung durcheinander. Bereits die Schauplätze der Filme vermitteln jedoch unabhängig davon das Bild einer Welt, die chaotisch, mitleidlos, gewalttätig ist und Macbeth gleichgültig gegenübersteht. Sie zeigen kalte, klaustrophobische, dunkle Burgen und manchmal zum Staunen schöne, aber unbeteiligte, gar feindselige oder Macbeths Grausamkeit spiegelende Natur. Genres von Expressionismus über Film Noir, Mafiafilm bis zum überstilisierten Actionfilm bieten sich da an. Die Rettung Schottlands durch Malcolm ist dann auch nicht erleichternd, sie wird mit einem abgeschlagenen Kopf bezahlt und mit einer ungewissen Zukunft – oder bei Polanski mit dem Beginn eines neuen Kreislaufs von Verführung und blindem Ehrgeiz (mein Lieblingsende). Die einen Macbeths wirken in ihrer Degeneration zwar monströser als andere, sie bestätigen aber meist nur ihr Umfeld und das, was sie gelernt haben (gerade die Gangsterbosse), schließlich beginnt die Handlung mit einem Krieg.

Unterschiede zeigen sich da besonders in der Ausdehnung dieser Welt. Die Überschaubarkeit des Schauplatzes und der Statisten machen die Verfilmungen zu intimen psychologischen Studien, zu taktischen Kriegsdramen oder zu real durchaus möglichen Thrillern. Shakespeares kompaktes Stück konzentriert sich auf essenzielle Entscheidungen und Antriebe, es lässt viel Spielraum zur Interpretation (was man ihm übrigens auch anlasten kann), wodurch es leicht transponierbar, in verschiedene Kontexte setzbar ist. Die Modernisierungen spielen dennoch häufig im Gangstermilieu, wodurch sie Herrschaft mit Gewalt und Unmoral gleichsetzen. Selbst der edle König wird dann zum Verbrecher (zum führenden sogar) und Macbeth selbst vor allem zum ehrlosen Verräter.

Nicht nur die Textumsetzung bestimmt aber die Aussage, sondern vor allem auch das Schauspiel, die Haltung, die Extraversion, die Dynamik der unterschiedlichen Macbeth-Darsteller. Selbst wenn sie teilweise denselben Text sprachen, sah ich 12 völlig unterschiedliche Macbeths: in sich gekehrte, lebensmüde Macbeths, patente Krieger, etwas dümmliche Tollpatsche, intellektuelle Zweifler, Tyrannen, Sadisten, Wahnsinnige. Kaum einer genoss seine teuer bezahlte Macht, doch bei den einen ist das Einschreiten des Gewissens nachvollziehbarer als bei anderen. Das ist ein weiterer entscheidender Unterschied: Die einen tragen den Anstoß zum Verrat in sich, die anderen müssen mühsam überredet werden. Gegeben ist der Wille zur Macht allen, es ist nur eine Frage der Zugänglichkeit. Am Ausmaß der Grausamkeiten ändert das aber wenig. Dennoch ist natürlich auch das Verhalten nach Machtergreifung nicht uninteressant. Bei manchen schlägt sofort die egoistische Paranoia durch, andere werden zum tyrannischen Machiavelli, wieder andere verlieren gar die Lust am Leben.

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Und wir bleiben stets bei ihn, erleben den wackligen Aufstieg und sicheren Fall direkt an der Seite des unlauteren Herrschers mit, die Gier nach mehr, die Paranoia und Selbstvergewisserung, das Verzweifeln an den eigenen Taten und Ängsten. Der Kampf mit Macduff wirkt dann meist wie ein letztes Aufbäumen des müden Regenten, der Anhänger und Frau längst verloren hat. Einst ein aufrechter Mann, weichen Güte, Verstand und Lebenslust aus ihm, mit jedem Mord ein wenig mehr.

Eine besondere Herausforderung für die Filme war außerdem deutlich die schwer umzusetzende Ambivalenz der manipulativen, aber sensiblen, selbst beeinflussbaren Lady Macbeth, welche nicht immer vollständig glaubhaft, aber stets doch sehr komplex dargestellt wurde. Sie erlebt Macbeths Zustände wie in gesteigerter Form. Ihr Ehrgeiz und ihre Kälte sind größer, später aber dafür auch ihr Leiden an der eigenen Schuld. Die Darstellerinnen sind meist zarte, elegante Wesen oder Femmes fatales, deren Entschlossenheit überrascht und deren Wahnsinn umso herzzerreißender ist. In manchen Verfilmungen erscheint Lady Macbeth als der geeignetere, patentere, durchsetzungsfähigere Herrscher, durch ihr Geschlecht aber von der Rolle ausgeschlossen, in anderen wird sie Opfer von Macbeths zunehmendem Jähzorn. Es ist auch eine Geschichte über die Geschlechter in einer patriarchalen Gesellschaft, in der das Weibliche mit Schwäche gleichgesetzt wird und ausgetrieben werden muss, zugunsten von Ehrgeiz und Rache. Durch diese Kälte und Herzlosigkeit wird aber nur ständig Gewalt mit Gewalt vergolten. Es gibt keine Barmherzigkeit. Lady Macbeth ist also im falschen Körper geboren, vielleicht aber auch nur zur falschen Zeit (wobei die modernen Ladys es auch nicht leichter haben mit ihren Männern) und deswegen in diesem unauflöslichen inneren Zwiespalt gefangen. Ich bin sicher, Macbeth gäbe ein herrliches Feminist Rewriting her. Bekannt ist mir leider keins.

Whither should I fly?
I have done no harm. But I remember now
I am in this earthly world, where to do harm
Is often laudable; to do good sometime
Accounted dangerous folly: why then, alas,
Do I put up that womanly defence,
To say I have done no harm?

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Und nicht zuletzt sind es Filme über des Lebens Bühne, über Schauspiel, Schein und Sein Macbeths, über die Macht von Ideen und Vorstellungen, über Wunsch und Wirklichkeit, das Latente und das Manifeste, das besser nur ein Wunsch geblieben wäre. It is a tale told by an idiot. Der Schöpfer, Shakespeare, die Regisseure und Darsteller sind Spieler, Gaukler, die jeweils einen Macbeth festlegen, nur um vom Nächsten revidiert und vorgeführt zu werden. Es gibt keinen endgültigen Macbeth, nicht mal den von Shakespeare (oder wem auch immer). Und damit auch keine endgültigen Aussagen über Ehrgeiz, Macht und Vorsehung. Macbeth ist ein Prisma, das aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedlich bricht, reflektiert und strahlt – signifying everything!

The Scottish Play in Film: Macbeth (Rupert Goold, 2010)

Elfeinhalb Verfilmungen waren nötig, damit ich “By the pricking of my thumbs, Something wicked this way comes” nicht mehr hören mag. Ein schlechter Schnitt ist das aber nicht für eine so einfache, elementare Geschichte. Und wäre ich nicht so gelangweilt gewesen, hätte ich sicherlich auch Rupert Goolds Interpretation (die auf einer Theaterinszenierung basiert) zu schätzen gewusst, denn sie brachte mir etwas vor Augen, was ich in Macbeth noch gar nicht so bewusst gesehen hatte: eine Rechtfertigung von militärischen Mitteln.

Doch von vorne: Der Film lässt sich von diversen Genres inspirieren: Kriegsfilm, Horror und sogar Spionagethriller und Film Noir. Er spielt in einer Sowjetunion um die Zeit des Zweiten Weltkriegs, zeigt Macbeths Burg aber hauptsächlich als unterirdische Gänge und Säle, als Bunker, der die Geschichte als eine der archaischen, niederen, selbstzentrierten Triebe erscheinen lässt und eine kühle, drückende, aber überraschenderweise nicht klaustrophobische Atmosphäre entwickelt, sondern das Ausmaß von Macbeths politischer Macht wirken lässt. Die immer mal anwesenden Hexen verkörpern daber auch weniger das Gift von Ideen oder den Wegweiser des Schicksals, sondern das triebhafte Böse, das sich in Macbeth nach außen entwickelt. Sie erscheinen als sein Unterbewusstes. Für seine einzelnen Szenen findet der Film oft interessante Kontexte und beiläufige Aktivitäten, die ihnen ein reelles, politisches, assoziationsreiches Fleisch geben. Macbeths Methoden lassen an Diktaturen, Kalte Kriege, aber auch an Praktiken aktueller Demokratien denken. Er wird hier also zum Diktator, der willkürlich Erschießungen anordnet, seine Macht (im Vergleich zu anderen Macbeths) tatsächlich genießen kann und vor allem auf Gehorsam aus ist – auch bei seiner Frau, und sogar seine Halluzination schafft er zu befehligen. James Stewart ist der wahrscheinlich älteste Macbeth in meiner Werkschau und in dieser Rolle patent, dominant, selbstbewusst, tyrannisch, dann aber auch des Lebens müde und in Momenten mit der Sanftmut eines weisen alten Mannes gesegnet. Erst über seiner absoluten Macht verliert er den Verstand. Und die verführerische Schlange Lady Macbeth (Kate Fleetwood) verzweifelt nicht an den eigenen Taten, sondern eher an ihrem irrationalen, sie verbal misshandelnden Ehemann.

Rupert Goolds Macbeth ist also endlich mal ein politischer und einer, der sich tatsächlich mit Machiavellismus, seinen Folgen und seiner Bekämpfung beschäftigt. Shakespeares Aussage ist dabei klar: Gewalt kann nur mit Gewalt begegnet, ein Diktator nur durch einen Krieg gestürzt werden, bevor der edle neue König das Land wieder in eine friedliche, glorreiche Zeit führen kann. So stolz wie Malcolm zum Schluss Macbeths Kopf wie eine Trophäe in die Höhe reckt, erscheint er aber nicht gütiger als der Diktator und der Sieg damit in einem grauenerregenden, zweifelhaften Licht. Und das letzte Bild gehört dann doch dem zur Hölle fahrenden Ehepaar Macbeth. Die Darstellung macht die Kritik (oder das Lob).

Leider vergreift sich diese Darstellung trotz ihrer klugen Bemühungen aber des Öfteren im Maß dabei, kinotauglich sein zu wollen, etwa bei den Lens Flares, bei den rappenden Hexen, beim ab und zu nicht mehr so subtilen Schauspiel. Und insgesamt gelingt es der Verfilmung nicht, den Text aus sich heraus zu entwickeln, also mehr als bebildeter Text zu sein. Obwohl er eine neue Facette zeigt, wirkte der Film somit nicht frisch auf mich und dadurch dann eben nach elf anderen Verfilmungen nicht mehr allzu aufregend. Nun müssen es Fassbender und Kurzel wieder richten.

The Scottish Play in Film: Macbeth (Geoffrey Wright, 2006)

Geoffrey Wrights Macbeth versucht das, was Baz Luhrmann zehn Jahre zuvor machte: eine Shakespeare-Verfilmung in modernem, überstilisiertem, schießwütigem Setting, in das sich die (deutlich gekürzten) Original-Sätze durch ihre Artifizialität gut einfügen. Nachahmungen von Nachahmungen haben es allerdings meist schwer, nicht wie Parodien zu wirken. Und so schrammt dieser Macbeth auch hart am Trash vorbei. Wo andere Verfilmungen durch ihre Kargheit Abstraktion erreichen, tut es dieser Macbeth durch ein Übermaß an visuellen Eindrücken, an dunklen, satten Farben, leicht verzogenen Bildern, einem Schwanken der Kamera. Während die anderen Verfilmungen durch Abstraktion und Kargheit allerdings zu Universalität gelangen, ist Geoffrey Wrights Filmwelt hermetisch, künstlich in sich verschlossen. Hier wird keine allgemeingültige Aussage getätigt, die Geschichte hat nichts mehr mit dem realen Menschen zu tun. Gewalt ist Kunst und ohne übertragbare Auswirkungen. Eine außen stehende Justiz etwa gibt es nicht (überhaupt ist unklar, was gemeint ist, wenn hier von “König” die Rede ist). Es ist ein ästhetizistischer Film, reine Illusion.

So wie die Hexen, die Macbeth im Drogenrausch erscheinen – und nur ihm allein, Banquo nicht. Er gibt sich also selbst den Anstoß, der Wille zur Macht ist ihm unbewusst von Beginn an eigen. Das ist neu. Dass er zu Anfang zögert, macht da im Kontext gar nicht mehr so viel Sinn, auch angesichts eines fehlenden Loyalitäts- und Ehrbegriffs und der Selbstverständlichkeit und Folgenlosigkeit von Gewalt in dieser Welt. Noch unverständlicher ist es nach dem Königsmord selbst, der mit Genuss und ausdauernd zelebriert wird, damit wie etwas bereits lang Ersehntes wirkt, fast wie ein Racheakt ohne konkreten Anstoß. Dieser Macbeth mordet aus Spaß, und sein eigener (Un)Verstand bietet ihm immer wieder fadenscheinige Gründe dazu. Und weil Geoffrey Wright Gewaltakte (und nackte Frauen) offenbar ebensolchen Spaß machen, zeigt er uns aber auch jeden einzelnen Mord, so blutig und laut wie möglich. Wenn Macbeth dann ausnahmsweise sogar mal sein Gewissen plagt, will es ihm konsequenterweise auch gleich an den Kragen. Wennschon, dennschon.

Diese Verfilmung nutzt die Vorlage in meinen Augen also nur zur Inszenierung von stilisierter Gewalt, Exzess, Nacktheit. Es gibt keine Guten und Bösen und keine Moral. Macbeth macht die Welt nicht brutaler als sie sowieso bereits war. Geoffrey Wright zeigt zwar tatsächlich einen neuen möglichen Macbeth – einen Sadist -, unterscheidet ihn aber nicht von seiner Umwelt, sodass sein Verhalten nichts Monströses mehr hat. Zusätzlich erhält er von Sam Worthington weder Präsenz noch Charisma noch Komplexität oder grundsätzlich eine Persönlichkeit. Er sagt uninspiriert Sätze auf. Macbeth ist ein grauenhafter Film. Aber auch er hat mich etwas gelehrt: nämlich was Shakespeares Stück NICHT ist (und was ich an den anderen Verfilmungen habe).

The Scottish Play in Film: ShakespeaRe-Told: Macbeth (Mark Brozel, 2005)

Nach dem der Gangster scheint das beliebteste Milieu für Macbeth-Modernisierungen also die Gastronomie zu sein. Ganz anders als Scotland, Pa., nimmt diese BBC-Neuerzählung die Vorlage allerdings todernst. Und es gelingt ihr dabei etwas, was ich bei noch keiner der anderen Modernisierungen gesehen habe: Sie nimmt Shakespeares Handlungen und vor allem Sätze als Inspiration, übernimmt sie teilweise sehr ähnlich, spinnt sie allerdings auf eigenständige Weise weiter und beweist dadurch tatsächliche Originalität und einen eigenen Geist. So wirkt die Geschichte auch originär, obwohl sie sich klar an die Eckpunkte hält. Wenn etwa Milch zu Blut wird, dann verbindet der Film geschickt zwei wiederkehrende Motive des Stücks: Macbeths Halluzinationen und die Themen Mütterlichkeit, Männlichkeit und die Einverleibung und Urwüchsigkeit des Bösen.

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Joe Macbeth (warum immer “Joe”? Um seine Austauschbarkeit zu demonstrieren?) ist hier also ein Sternekoch, und allein die Sinnlichkeit und Blutigkeit seines Jobs erlauben ihm überhaupt, sich die Tat vorzustellen. Das Setting ist damit ein gleichzeitig unterkühltes (die Küche, der kellerartige Umkleideraum, auch die Wohnung) wie betörendes (rote Vorhänge und lustbetonte Nahrungsmittel) und verkommenes (der Hinterhof mit den Müllcontainern), aber insgesamt sehr hermetisch abgeschlossenes, in dem sich die Rivalitäten auf ein überschaubares Milieu beschränken, auch wenn das Restaurant internationalen Rang hat. Der Gewichtigkeit der Themen begegnet die Inszenierung auch mit gebührend atmosphärischen, pointierten Bildern, die dank Kürze des Films auf den Punkt kommen. Teilweise könnten diese zwar eleganter sein, wenn sie ins Grobe und Pathetische abrutschen, aber insgesamt ist der Duktus der Fernsehinszenierung beeindruckend und erhält dem Stoff seine Würde.

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Daneben ist Macbeths Handeln psychologisch nachvollziehbarer als sogar in der Vorlage. Er erhält neben Ehrgeiz eine weitere Motivation, nämlich verletzten Stolz und das Gefühl von Ungerechtigkeit. Duncan ist kein guter “König”, sondern setzt sich die Lorbeeren anderer auf. Macbeths Bedürfnis, dagegen aufzubehren, ist also verständlich, wo es im Stück sehr viel egoistischer erscheint. Ohne Umwege über Größenwahn folgt dann gleich der Stimmungswechsel zum paranoiden und später tyrannischen Herrscher. Und wenige andere können den von der Welt und den eigenen Begehren und Fehlern tief Verletzten so berührend darstellen wie James McAvoy. Zudem bescherte er mir den ersten schottisch aussprechenden Macbeth (Orson Welles’ Bemühungen außen vor gelassen). Wie gerne hätte ich noch die Bühnenversion gesehen, in der er zusätzlich Shakespeares Sätze spricht. Das fehlt in meiner Werkschau: Ein in schottischem Akzent gesprochener Tomorrow-Monolog.

Dieses peinlich betitelte ShakespeaRe-Told ist also mein klarer Favorit unter den bisher gesehenen Macbeth-Modernisierungen. Es stellt Eckpunkte und wichtige Themen der Vorlage vor, spinnt originelle Ideen hinzu, erzählt die Geschichte gar psychologisch neu und gibt dadurch einen anderen Blickwinkel aufs Panorama frei. Es bereichert Shakespeares Macbeth, ohne es zu ersticken oder zu ersetzen. Es bemüht sich vielmehr, die Handlungen noch nachvollziehbarer, die Beziehungen klarer zu machen. Damit beweist es gleichzeitig die Zeitlosigkeit der Anliegen wie ihre Flexibilität. Und es nimmt mit und fesselt, obwohl ich diese Geschichte doch nun längst in- und auswendig kenne.

The Scottish Play in Film: Scotland, Pa. (Billy Morrissette, 2001)

Eine Schwarze Komödie: Billy Morrissette zeigt damit eine weitere Möglichkeit, das jahrhundertealte Stück ins 20. Jahrhundert holen, und zwar innerhalb eines Genrerahmens, der der drastischen Gewalt quasi einen Halt gibt und sie nicht allzu monströs wirken lässt. Gerade das gelingt allerdings, finde ich, nur halbwegs, da der Film dann doch nicht Komödie genug ist, um die übertriebenen Reaktionen und Morde zu ironisieren oder als makaber genug zu kennzeichnen. Besonders der Mord an Banko wirkt dadurch voreilig und unangemessen.

Trotzdem macht der Film Spaß. Besonders dabei, die einzelnen Ideen der Übertragung zu entdecken. Dass McBeth später ein Fast-Food-Lokal gehört scheint bei dem schottischen Namen aboslut Sinn zu machen (und ergibt die nette Wortspielerei “Chicken McBeth”). Besonders gefallen hat mir auch der Einfall mit Pat McBeths (imaginierter) Brandnarbe, die ihr vom Mord an Duncan bleibt. Das schlechte Gewissen hat sich ihr so tatsächlich eingebrannt und das Öl der Fritteuse ersetzt passenderweise das Blut, das Lady Macbeth im Stück abzuwaschen sucht.

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Der Film weist außerdem sehr schön darauf hin, wie sich Shakespeares Welt von unserer unterscheidet und zeigt damit Grenzen von Modernisierungen auf. Diese merkt man auch an der zwar nötigen, aber trägen, überflüssigen und nur durch Christopher Walken aufgewerteten Handlung um die Ermittlungen nach dem Täter, die der Geschichte Realitätsbezug gibt und McBeth nicht in einem gesetzlichen Vakuum handeln lässt. Aber so tritt McBeth eben nur gegen das Gesetz an, nicht gegen seine schlecht behandelten Untertanen. Er gräbt sich seine Grube weniger selbst, als dass er zum Schluss einfach Pech hat. Das Schicksal spielt hier eine untergeordnete Rolle.

Daneben ist es schade, dass die verrückten “Hexen” so wenig gebraucht werden und eigentlich ein bisschen überflüssig sind. Dabei hätten sie dem Film vielleicht noch den nötigen Schuss Absurdität verliehen. Die treibende Kraft ist nämlich fast ausschließlich Pat, die ihren Mann vor allem mit Sex lockt und belohnt. McBeth stolpert dann zunächst in sein Schicksal hinein, bevor er seine ganz eigenen größenwahnsinnigen Pläne verfolgt. Aber das ist ja nichts Neues.

The Scottish Play in Film: Maqbool (Vishal Bhardwaj, 2003)

Genau 20 Jahre liegen zwischen Veröffentlichung der letzten von mir gesehenen Macbeth-Verfilmung und dieser. Das liegt daran, dass ich einen Film auslasse und einen überspringe. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass man sich in den 90ern kaum für das Stück interessierte, ich ab 2001 aber 6 Interpretationen im Programm habe. Eine Brücke zur weltpolitischen Lage lässt sich dabei zwar sicherlich bauen, was mir bei der Allgemeingültigkeit des Stücks aber bemüht vorkäme. Es bleibt mir also ein Rätsel.

Das Gangster-Milieu eignet sich für eine Modernisierung von Macbeth jedenfalls wohl doch besonders gut – so lässt sich das kriegerische Umfeld transferieren und die Bereitschaft zum Mord ist realistischer. Das sah ich bereits bei Joe MacBeth und nun im indischen Maqbool, der die Monarchie mit einer klassischen Mafia-Organisation tauscht, deren Pate in seinem Gehabe und der Gemächlichkeit auch stark an Marlon Brandos Corleone erinnert. Die strengen Rangfolgen, Normen und Bräuche der indischen Kultur schaffen eine weitere Verbindung zum schottischen Hof. Die Verfilmung legt aber einen deutlich größeren Wert auf die Beziehungen der Beteiligten und Gegenspieler. Der Königsmord geschieht erst nach weit über einer Stunde Laufzeit. Die Prophezeiung ist dann schon fast vergessen und der Grund sowieso ein ganz anderer: Maqbool hat nämlich keine eigene Lady an der Seite, sondern liebt die Frau seines Chefs. Es ist also eher eine Frage der Eifersucht als des Ehrgeizes.

Maqbool

Obwohl Maqbool ein sehr ernsthafter, pflichtbewusster Untergebener ist, an dem kein Machtstreben zu erkennen ist, hat er seine Schwächen, die Nimmi (Tabu) ausnutzt, um ihn zu überreden, ihren Mann zu töten. Er ist damit ein Opfer seines eigenen Begehrens. Mit dem ersten Mord kommt wie selbstverständlich die Ruchlosigkeit, bis er sich fast aller ehemaliger Verbündeter entledigt hat. Die Lehre, die daraus zu ziehen ist, ist damit eher konservativ und verliert im Vergleich zu Shakespeares nuancenreicher Kontemplation von Schicksal, Manipulation, Macht und Schuld: Hätte er besser die Finger gelassen von der Frau. Fällt eine moralische Hürde, folgen die anderen auf dem Fuß.

Obwohl der Film außerdem gute Ideen hat für seine Übertragung (die Halluzinationen beispielsweise), sie insgesamt flüssig und stimmig ist und interessante Spannungen aufgebaut hätten werden können, ist er oft zu amateurhaft inszeniert. Besonders die Musik wirkt billig, übertrieben, abrupt, die Szenen werden nur selten spannungsgeladen gefilmt und geschnitten. Generell merkt man einen guten Willen, auch durchaus Fähigkeiten, dann aber wieder völlige Lieblosigkeit und Dilettantismus. Es ist geradezu frustrierend. Nicht nur wegen der für Macbeth untypischen Figurenkonstellation, sondern vor allem auch wegen Irrfan Khan (den ich zuletzt in In Treatment sah), der ein überzeugender, facettenreicher, involvierter Macbeth ist, trotz Gewaltausbrüchen eine außergewöhnliche Gefasstheit mitbringt, leicht Kälte neben Anteilnahme stellen kann und damit wohl ein größeres Talent ist als der Regisseur. Schade um diesen Macbeth.

The Scottish Play in Film: Macbeth (Jack Gold, 1983)

Jack Golds BBC-produzierte TV-Verfilmung hat keine deutliche eigene Stimme, sondern erinnert in der reduzierten, bühnenhafen Kulisse stark an Orson Welles und Philip Casson. Auch davon abgesehen ist die Intention der Inszenierung schwer auszumachen. Sie enthält jedenfalls den inkonsistentesten, unsympathischsten Macbeth, den ich bisher gesehen habe. Er wird als souverän und gefasst vorgestellt, bevor er später unvorbereitet und plötzlich in hilflose, paranoide, wahnhafte, ängstliche oder kaltblütige Stimmungslagen springt. Er inkarniert damit vielfältige Interpretationen der Figur und beispielhafter tyrannischer Machthaber, zeichnet aber kein nachvollziehbares oder nur verständliches Verhalten. Er wirkt nicht wie ein Dampfkessel unter Druck, sondern sprunghaft, uneins und vom Schauspieler zu gewollt. Auch dadurch, dass wir keine seiner Halluzinationen gezeigt bekommen, bleiben wir von seiner Psyche außen vor. Ian McKellen gelang es natürlich trotzdem, den Zuschauer zu involvieren, Nicol Williamson übertreibt es aber oft (bis ins unfreiwillig Komische, was bereits durch seinen Bart hervorgerufen wird).

Auch Lady Macbeth (Jane Lapotaire) ist fragwürdig gezeichnet, in der ersten Szene bereits als Satans Braut, besessen und sexuell, angetörnt vom Bösen und von Macht (was in dem Moment im Zusammenhang mit ihrem Wunsch, geschlechtslos zu werden, übrigens nicht viel Sinn ergibt). Da wirkt ihr Machtverlust im Verlauf der Handlung unmotiviert, auch wenn das Konzept, dass sich Macbeth quasi ihre Stärke und ihren Ehrgeiz einverleibt, bis ihr selbst nur das Gewissen bleibt, interessant ist. Bei diesem Macbeth spürte ich die Machtgier auch wie nie zuvor. Irgendwann scheint ihn sogar der Spaß an der Gewalt an sich voranzutreiben. Die anderen Macbeths stolperten meist unbedacht durch Vorsehung und Verführung in ihr Schicksal hinein; hier hat Macbeth seinen Werdegang hingegen deutlich in eigener Hand und Entscheidung. Die Prophezeiung der Hexen verlacht er sogar zunächst. Zwar sind Burg und Landschaft wieder kalt, dunkel, wüst und menschenfeindlich, eine höhere Macht manifestiert sich darin aber genauso wenig wie in den Hexen, die eher ein skurriles Detail am Rande sind und die bewahrheiteten Vorhersagen absurde Zufälle. Die kahlen, eckigen Räume sind eher ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen ihr Leben selbst einrichten. Es gibt auch noch die Guten.

Ohne klare Linie und ein Ziel, ohne Leidenschaft und filmische Raffinesse in Szene gesetzt, verlieren selbst Shakespeares Verse an fesselnder Aussagekraft. Ein nicht-wortgetreues Drehbuch wäre also auch mal wieder schön.

Béla Tarr 1

Wer hätte gedacht, dass in Béla Tarrs frühen Filmen so viel geredet wird? Ich sicher nicht! Schließlich begann ich die Werkschau mit A torinói ló und hatte nur vor langer Zeit noch Werckmeister harmóniák gesehen. Wo ich also einen (philosophisch betrachtet) negativen Tarkowskij erwartete, bekam ich erst mal dokumentarisch anmutenden, anprangernden Sozialrealismus, statt Weiten und Trostlosigkeit Gesichter und Geschwätzigkeit.

Dennoch ist in den frühen Filmen schon ein recht geschlossenes Welt- und Menschenbild zu erkennen, ein Pessimismus in Bezug auf zwischenmenschliches Verständnis und Harmonie. Inkompatible Protagonisten prallen aufeinander und reiben sich, ohne Aussicht auf Versöhnung. Das generiert eine Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die durch Unverständnis und Kommunikationsschwierigkeiten hervorgerufen wird. Tarr zeigt uns die Monotonie und Klaustrophobie des urbanen Lebens, das Umständen unterworfen ist, die individuelle Bedürfnisse ignorieren und denen das Individuum damit ausgeliefert ist. Die Intimität der Filme, die Nähe zu den Protagonisten (die ihre Lebensverhältnisse nachahmt) zwingt dem Zuschauer dieses Elend, diese emotionale Verweiflung geradezu auf.

Die für Tarr typischen langen Einstellungen sehen wir von Anfang an, aber erst Macbeth und besonders Öszi almanach wirken formal ambitioniert. Die Schauplätze sind hier weltfern, hermetisch, in keinen konkreten sozialen Kontext eingebettet, und es scheint, als wollte Tarr, vor allem durch unwirkliche Lichtsetzung nun einer anderen, existenzielleren Wahrheit näherkommen.

  • Családi tüzfészek (Familiennest – Béla Tarr, 1979):
    Der Film zeigt exemplarisch und anprangernd auf, was passiert, wenn es keinen Wohnraum gibt und durch Dauerintimität Konflikte entstehen, die durch Distanz zu vermeiden gewesen wären. Da reiben sich Generationen aneinander, die verschiedene Wertevorstellungen haben, wodurch Hilfsbereitschaft mit Erwartungen an den Geholfenen einhergeht und in eine Tortur verkehrt wird. Und Tarr lässt uns diese aufgezwungene Nähe selbst spüren, indem er die Bilder mit Gesichtern und langen Dialog- oder eher Streitszenen füllt oder die Protagonisten ihre Nöte konkret monologisieren lässt und direkt hineinspringt in Alltagsszenen. Man entkommt dem emotionalen Druck und dem hilflosen Ausgeliefertsein an politische Entscheidungen nicht.
  • Szabadgyalog (The Outsider – Béla Tarr, 1981):
    Selbes Fahrwasser: Viele Gesichter in Nahaufnahme, viele wie beliebig herausgegriffene Gespräche, soziales Elend. Ein freiheitsliebender, gelegenheitsjobbender, sorgloser Violinist gerät in die Ehe mit einer sicherheitsbedürftigen, praktisch und nicht immer ganz mitmenschlich denkenden Frau, deren Charakter allerdings nicht ausgearbeitet wird (also, noch weniger als der des Violinisten), wodurch sie wie eine paranoide Streitsüchtige wirkt, obwohl ihre Sorgen und Bedenken gerechtfertigt sind. Ich habe mich zwar gelangweilt, aber bemerkenswert ist schon, wie Tarr durch alltägliche Szenen, ausschweifendes Geplapper und Konzentration auf Gesichter eine vollständige Geschichte mit Höhen und Tiefen erzählen kann.
  • Panelkapcsolat (Betonbeziehung – Béla Tarr, 1982):
    Szenen einer Ehe, in keiner klaren Chronologie zusammengefügt, was die Situation zirkulär und ohne Ausweg erscheinen lässt. Die Dynamik von Abhängigkeiten, unterschiedlichen Bedürfnissen, Frustrationen und Konfliktverhalten wird ziemlich eindringlich in exemplarischen Einzelsequenzen vermittelt. Grundsätzlich ein ähnlicher Ansatz wie bei den ersten beiden Filmen, allerdings ist die Struktur schon experimenteller, und er lässt den Protagonisten mehr Bewegungsspielraum, konzentriert sich nicht nur auf ihre Gesichter und weiß auch die Stille zu schätzen.
  • Öszi almanach (Herbstallmanach – Béla Tarr,1984):
    Das Beziehungsgeflecht von fünf Menschen, die zusammen in einer mit alten Möbeln vollgestellten, verfallenden Wohnung hausen, die von besseren Zeiten erzählt, vielleicht, als noch Frieden herrschte zwischen Menschen. Die Wohnung ist groß, die Figuren sitzen nicht so sehr aufeinander wie in den früheren Filmen, sie suchen die Konflikte also selbst. Und es dauert, bis man einen Überblick herstellen kann über diese Beziehungen und Konflikte. Die Figuren bleiben vage, die Kamera umschweift sie langsam und neugierig, die meist starke Lichtsetzung, die die Darsteller in rotes oder blaues Licht taucht, trennt ihre Sphären voneinander. Der Mensch wird als ahnungslos beschrieben, als seinen Instinkten und Impulsen hilflos ausgeliefert. Man spürt eine existenzielle Langeweile, eine Resignation ohne Sehnsucht, aber noch mit dem Bedürfnis nach Nähe, und sei es im Kampf.