3D

Freiburger Filmfest: Tage 5 bis 7

Endlich zwei Highlights für mich – und das völlig unerwartet! Still Life erdete mich im Jetzt, während Im Krieg mich daraus entführte. Still Life muss ich mir sogar unbedingt im September noch einmal ansehen, um herauszufinden, ob die Ergriffenheit eine einmalige Sache war oder ob der Film einen ganz besonderen Platz einnehmen kann in meinem Leben. Und Im Krieg war einer dieser Filme, durch die 3D selbst für Zweifler sinnvoll erscheinen muss.

  • Au fil d’Ariane (Café Olympique – Robert Guédiguian, 2014): Ein wirrer Wohlfühlfilm, der wie üblich auf Ausstieg und Selbstverwirklichung pocht, skurriles Personal hat und eine durchaus mit Verve und Schönheit inszenierte Befreiungs- und Beerdigungsaktion. Die Ideen wirken aber weltfremd, beliebig und bedeutungslos, sie sind ohne vorhersehbare Struktur angeordnet, ohne entschiedene Richtung, was allerdings fast schon wieder lebensecht ist (wenn es nicht so unvorstellbar wäre).

DiplomatieSnap

  • Diplomatie (Volker Schlöndorff, 2014): Der Film stellt ziemlich geschickt innerhalb von eineinhalb Stunden an einem Repräsentanten den Zerfall nationalsozialistischen Selbstbewusstseins gegen Ende des Zweites Weltkriegs dar, als die Kriegsmacht nur noch mit Zwang am Leben zu erhalten war. Dieser deutsche General wird ganz hervorragend und mit bleierner Souveränität und Autorität von Niels Arestrup gespielt. Auch ansonsten funktioniert der Film als Debatte über menschliche Werte sehr gut und angenehm lebendig. Vielleicht wäre es allerdings besser gewesen, die Geschichte aus Sicht des wandelnden Gewissens Nordling zu erzählen, denn dann wäre vielleicht weniger der Eindruck entstanden zum Schluss, dass der Böse doch der Gute ist und umgekehrt. Aber es lässt sich wohl nur mit Lug und Trug Gutes erreichen. Traurig.
  • Gemma Bovery (Anne Fontaine, 2014): Ein vergnügliches Filmchen über einen Geschichtenerzähler, der Opfer seiner eigenen Fantasien wird, den aber erst die Empörung darüber vor tödlicher Langeweile rettet. Fabrice Luchini spielt diese staunende Entrüstung wieder ungemein lustig, der Film könnte aus seiner Metafiktionsidee aber viel mehr machen. Ist das Spiel mal ins Rollen geraten, ist es nicht mehr allzu kühn oder überraschend. Interessant wäre etwa gewesen, wenn der Emma-Bovary-Ersatz Agent ihrer eigenen Geschichte geworden wäre statt nur wieder üppige Schachfigur von Männerfantasien und -ängsten zu sein.

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  • Im Krieg (Nikolai Vialkowitsch, 2014): Nach Cave of Forgotten Dreams meine zweite beinahe transzendentale dokumentarische 3D-Erfahrung – in dem Sinne, dass ich über das Jetzt hinausgehoben wurde. Noch nie habe ich so authentisch eine andere Epoche erlebt. Im Krieg zeigt stereoskopische Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg, neben 2D-Filmaufnahmen aus jener Zeit und heutigen 3D-Filmaufnahmen von damaligen Kriegsschauplätzen. Auf der Tonspur werden Literatur über und Briefe aus dem Ersten Weltkrieg vorgelesen. Das ergibt einen Film, der die Kriegserfahrung von Fakten und auch Historie befreit, sie vielmehr auf einer ganz persönlichen Ebene vermittelt und damit ein Dabeisein ermöglicht. Obwohl die Fotografien natürlich statisch sind, werden sie nicht nur durch die Briefe (die erstaunlich wortgewandt und geistreich sind, literarische Qualität haben) lebendig, auch durch die Kamera, die sich über die Bilder bewegt, hinein- und herauszoomt, und durch den Anschluss ans Heute, an die Orte, die bei uns nebenan liegen könnten. Die größtenteils schwarz-weißen, teilweise aber auch kolorierten 3D-Fotos sind so faszinierend, weil sie wie ein Blick in einen Guckkasten wirken, der in die Vergangenheit mündet und in dem echte, kleine Menschen eingefroren sind. Bei den Massenszenen fühlt man sich allerdings wie mittendrin im Volk, und wenn ein Soldat in die Kamera schaut, dann bohrt dieser Blick tief. Diese Aufnahmen zeigen nicht unbedingt die unverfälschte Realität und sind natürlich nur Auswahl, aber sie sind doch echter als es eine Nachinszenierung je sein könnte. Nur die permanente Musik trägt manchmal etwas arg dick auf, schenkt dem Film aber auch das Epische, das er verdient hat. Ein einmaliger, sensationeller Film!

Gravity (Alfonso Cuarón, 2013)

gravity1Gravity ist wohl der ultimative Katastrophen- und Langer-Weg-nach-Hause-Film. Dabei spricht er zwei meiner Ursehnsüchte und -ängste an. Ich kann mir kein erhabeneres, befreiteres, friedvolleres Gefühl vorstellen, als in Schwerelosigkeit vom Weltraum auf die Erde zu schauen, gleichzeitig aber auch keinen größeren, durchdringenderen Horror, als halt- und hilflos in die unendliche Dunkelheit desselben zu treiben. Wahrscheinlich werde ich kaum jemals näher an beide Gefühle herankommen als beim Miterleben von Ryan Stones ultimativem Trip. Ich hatte danach tatsächlich das Gefühl, um eine Erfahrung reicher zu sein, eine weite Reise hinter mir zu haben. Alleine dafür muss ich Alfonso Cuarón schon dankbar sein. Das sind nun mal Bilder, wie man sie noch nicht gesehen hat. Und auch Steven Prices Klanggemälde macht alles richtig.

Diese neuartigen Bilder werden allerdings nicht mit einer neuartigen Handlungsführung verknüpft, auch wenn Cuarón diese sehr übersichtliche Ausgangssituation nutzt, um in relativ einfachen Symbolen und Worten von fundamentalen menschlichen Themen zu sprechen, die um Beziehungen, Verbindungen, Loslassen und Erneuerung, Veränderung, Wachstum kreisen. Bereits das Filmposter zeigt die gekappte Nabelschnur zwischen dem Menschen und der Mutter Erde, zu der er in einem Wiedergeburts- und Evolutionsprozess zurückfinden muss. Dafür muss er jedoch erst lernen, loszulassen, um neue Verbindungen knüpfen zu können. In diesen Kampf zwischen Leben und Tod werden auch schön die vier irdischen Elemente eingebunden. Alle sind auf ihre Weise am Wiedergeburtsprozess beteiligt, wenn Luft und Erde auch eher Leben spenden, während Feuer und Wasser ebenso zerstörerische Kraft besitzen. Diese Bedeutungsebene ist zwar geschickt verbunden mit den technischen und physikalischen Besonderheiten der Raumfahrerei, wirkt aber etwas oberflächlich, zu plakativ auf die Handlung aufgesetzt. Besonders Ryans psychischer Ballast und dessen Verarbeitungsprozess sind schon etwas plump und werden zu schnell abgearbeitet. Cuaróns Ideen sind nicht schlecht, sie hätten nur wesentlich sorgfältiger entwickelt werden können. Diese 90 Minuten sind dafür nicht ausreichend, finde ich. Dadurch beeindruckt der Film zwar im Moment des Sehens, aber nicht nachhaltig, durchdringend. Zumindest mir ging es so. Weniger gefallen hat mir auch die Besetzung von George Clooney, der trotz Raumanzug sehr dominant auftritt, sich durch seine Starpersona fast vor die Bilder drängt und dadurch deplatziert wirkt. Sandra Bullock bringt dagegen das richtige Maß an Zurücknahme und Emotionalität mit.

Mit Cuaróns Implikation, dass der Mensch nichts verloren hat im Weltraum, dass er sich besser um zwischenmenschliche Beziehungen statt um Forschung bemühen soll, bin ich schließlich auch nicht einverstanden. Wir sind Teil des Planeten Erde und dieser ist wiederum Teil des Weltalls. Unseren erweiterten Lebensraum besser verstehen zu wollen, halte ich nicht für vermessen. Lasst mich hier einen anderen, wesentlich weiseren Film zitieren, der von der Erde aus von der Beziehung zwischen dieser, dem einzelnen Menschen und dem Weltraum und schließlich auch von Wiedergeburt erzählt:

For someone who was never meant for this world, I must confess I’m suddenly having a hard time leaving it. Of course, they say every atom in our bodies was once part of a star. Maybe I’m not leaving… maybe I’m going home.

Die Bilder von Gravity haben mich zwar vollkommen mitgerissen, mir ein ganz neues Filmerlebnis vermittelt, eine persönliche Empfindung des Weltalls, um etwas über den Menschen im Allgemeinen zu lernen, wende ich mich aber lieber anderen Filmen zu. Tarkowskij etwa hat doch in fast jedem seiner Filme Fortschrittskritik, Opferbereitschaft, die Macht der Erinnerungen und Heimweh überzeugender, trotz bescheidenerer Mittel kraftvoller in Szene gesetzt.

31 Tage – 31 Filme: Tag 28

Tag 28 – Welchen Film sollte man unbedingt im Kino gesehen haben?

Eigentlich gibt es doch vor allem zwei Genres, die fürs Kino gemacht sind: Weltraumfilme und Western. Denn das sind Raumfilme, Filme, die Weite nutzen wie kein anderes Genre. Und Weite wirkt auf einer großen Fläche doch am besten. Deswegen muss ich hier natürlich wieder 2001: A Space Odyssey nennen, vor allem auch wegen diesem psychedelischen Lichttunnel gegen Ende, der im Kino sehr eindrucksvoll sein muss, und C’era una volta il West, der ja auch noch so wunderbar mit dem Kontrast von Totalen und Groß- oder Detailaufnahmen spielt. Letzteren habe ich glücklichwerweise mal im ansässigen Programmkino gesehen. Die Leinwand war nicht allzu groß, aber immerhin. Warum ich 2001 damals bei der Kubrick-Retrospektive nicht mitgenommen habe, ist mir unerklärlich.

Prinzipiell sind aber alle Filme fürs Kino gemacht, denn Film an sich ist ja ein Medium des Raums.

Allerdings ist mir etwas Seltsames aufgefallen: Die Größe der Leinwand beeinflusst tatsächlich nur in seltenen Fällen meinen Langzeiteindruck eines Films. Viele meiner Lieblingsfilme habe ich auf kleinen Bildschirmen gesehen und sie haben trotzdem überzeugt. Es gab sogar Fälle, in denen erst die zweite Sichtung zu Hause mich vollkommen für einen Film einnahm (was nichts mit der Größe des Bildschirms zu tun hat, aber diese war eben nicht entscheidend). Wenn ich die Wahl habe, nehme ich aber natürlich schon lieber das größere Bild, weil die Filmbilder so zu vollerer Pracht gelangen und man weniger von der Umgebung abgelenkt ist. Der Moment des Filmsehens, die Filmerfahrung wird dadurch intensiviert, verbessert, aber eben nicht die Weise, wie der Film in meinem Kopf überdauert. So scheint es zumindest. Und ja, ich mag 3D, wenn es gut gemacht ist, wenn es völlig in diesen anderen Raum absorbiert, wie das etwa bei Cave of Forgotten Dreams, Prometheus und Life of Pi der Fall war (wobei diese Raumerfahrung sie leider nicht zwangsläufig zu inhaltlich überzeugenden Filmen macht). Es gibt Filme, die erst durch 3D vollständig werden. Meist erscheint es aber immer noch eher wie ein Gimmick.

Übrigens sitze ich im Kino immer so im ersten Drittel, also in der vierten oder fünften Reihe. Nicht nur, dass man da meist seine Ruhe hat, wenn man vor allen anderen sitzt, man ist auch viel näher und unmittelbarer am Geschehen, ein bisschen umgeben vom Film. Es muss natürlich noch ein bequemer Blickwinkel sein, aber weiter hinten zu sitzen ist für mich nicht mehr richtiges Kino.

Frankenweenie (Tim Burton, 2012)

Frankenweenie1Frankenweenie ist alles, was ich mir von Tim Burton wünsche. Endlich hatte ich mal wieder dieses heimelige Gefühl, das seine frühen Filme bei mir auslösen, endlich hatte ich wieder den Eindruck, in seinem Kopf herumzuwandern. Das liegt aber vor allem daran, dass hier im Prinzip alle wichtigen Themen, Figuren, Orte zusammengetragen werden, die seine Filme prägten. So ist der Film ein bisschen wie ein Best-of, wodurch man als Burton-Kenner einen Riesenspaß hat, sich zu überlegen, an welches frühere Werk verschiedene Elemente erinnern: das Aussehen der Figuren generell natürlich an Corpse Bride, das Städtchen und die Thematik des geächteten Zum-Leben-Erweckten an Edward Scissorhands, der einsame Junge, der lieber in seiner Fantasie und mit seinen Experimenten lebt als in der Welt dort draußen, an Vincent, der Friedhof und einige Kreaturen an The Nightmare before Christmas, das Nachbarsmädchen Elsa an Beetlejuice, das Mädchen mit der Katze eindeutig an Staring Girl aus The Melancholy Death of Oyster Boy and Other Stories, der fette Junge an Charlie and the Chocolate Factory und die Sonderlinge und das Wandeln zwischen Leben und Tod an so ziemlich alles, was er je gemacht hat (usw.). Und sein Faible für B-Monster-Movies kann er auch gebührend ausleben. Da der Film sich außerdem in seinen Eckpunkten ganz an den ersten Frankenweenie hält, gibt es nicht allzu viele Überraschungen und insgesamt wenig Originalität. Aber da hier alles auf so wunderschöne Weise vereint ist, was an Tim Burton liebenswert ist, und zwar endlich wieder mit Freude am Detail und Überschwang, mit einer spürbar persönlichen Note, geht einem trotzdem das Herz auf. Und ich muss zugeben: Dieses Sparky-Hündchen hat mitten hineingetroffen in meinen Niedlichkeitsnerv. Wie er rennt! Und die Tropfennase! So süß!

Außerdem wurde die Frankenweenie-Geschichte so endlich mit der Ausführlichkeit und der Technik gedreht, die die einzig richtige ist. Eine Geschichte von Lebendigwerden und Verformung von Leblosem in Stop Motion zu erzählen ist nur konsequent. Stop Motion erweckt nicht nur Puppen zum Leben, sondern ist ja in seiner bewussten Nutzung des technischen Prinzips des Kinos besonders auffallend filmisch, was hier noch durch das Vereinen verschiedener, alter und neuerer Techniken (Stop Motion, vermutlich mit Unterstützung von Computeranimation, Schwarz-Weiß-Fotografie, 3D, das der Plastizität der Puppen übrigens schön gerecht wird) unterstrichen wird. Auf einer weiteren Ebene handelt der Film so auch vom Kino, das Totes wieder lebendig machen kann, dessen statische, leblose Einzelbilder erst durch Bewegung Leben suggerieren. Nur im Film ist das möglich, was Victor mit seinem Sparky gelingt, weil nur der Film Geschöpfe ewig leben, bei jeder neuen Sichtung wieder auferstehen lassen kann. Film ist nämlich Magie. Frankenweenie lehrt zwar auch das Loslassen, feiert aber doch das ewige Leben. Dazu serviert er eine zwar einfache, aber gar nicht abgedroschene, so schöne Moral: Nur das, was man aus Liebe tut, kann etwas Gutes werden, negative Motivationen gebären nur Monster. Das könnte sich so mancher Filmemacher mal hinter die Ohren schreiben!

Jahresrückblick 2012

Nach den letzten Filmjahren, die ich eher als schwach empfand, blicke ich dieses Mal doch mit einem befriedigten Blick zurück. Nicht nur mein Wiedersehensprojekt bescherte mir wunderbare, denkwürdige Momente, sondern auch aktuelle Filme.

Am Anfang des Jahres war ich noch etwas filmfauler, zwischendrin hatte ich sogar eine richtige Kinoflaute (wobei da wirklich wenig lief, was mich interessierte), zum Ende hin habe ich dann aber noch mal richtig angezogen. Und das liegt sicher nicht zu einem kleinen Teil an meinem wunderbaren Blog. Ich bin unheimlich froh, ihn letztendlich doch zum reinen Filmblog ernannt zu haben und dass das Internet dem schreibfreudigen Cineasten solche Möglichkeiten bietet. Das Blog und der Austausch mit anderen Filmliebhabern entfachte dann eine ganz neue Filmgier. So sehen meine Zahlen für 2012 so aus:

  • gesehene Filme: 181
  • im Kino: 38
  • Erstsichtungen: 134

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Wofür ich eine große Vorliebe entwickelt habe im letzten Jahr, sind reduzierte, klare, subtile Filme mit ruhiger Kameraführung, die sich ganz auf ihre Schauspieler oder auch die Größe der Natur verlassen müssen. Besonders eindrückliche Exemplare waren hier

  • Shame (Steve McQueen 2011)
  • Die Wand (Julian Pölsler, 2012)
  • Amour (Liebe – Michael Haneke, 2012)
  • Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin – 2011)
  • Der Räuber (Benjamin Heisenberg, 2010)
  • Take Shelter (Jeff Nichols, 2011)
  • Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen, 2011)

Am meisten Spaß hatte ich mit Filmen, die mit dem Filmischen spielen, mit Erzählung, Genres, Erwartungen, die überraschten und originell waren:

Besonders berührt haben mich außerdem

  • Let Me In (Matt Reeves, 2010)
  • Me and You and Everyone We Know (Ich und du und alle, die wir kennen – Miranda July, 2005)

Und dann habe ich ja eine Reihe Filme wiedergesehen, die mich neu oder vollends überzeugt, wenn nicht gar überwältigt haben:

Wie man sieht, geht es hier nicht nur um Filme, die 2012 anliefen oder produziert wurden, sondern um alle Filme, die ich 2012 gesehen habe. Mir ist es einfach wichtiger, später einmal nachlesen zu können, welche Filme ein bestimmtes Lebensjahr (statt ein Filmjahr) geprägt haben.

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Doch neben diesen 21 Filmen sind mir noch viele andere durch ein bestimmtes Merkmal im Gedächtnis geblieben. Aufzählungen sind langweilig, doch da ich diese Besonderheiten nicht einfach unter den Tisch fallen lassen möchte, hier nun eine kleine (Film)Sammlung nach Kategorien. Beeindruckt haben mich nämlich daneben (jeweils chronologisch nach Sichtungsdatum):

  • Ryan Gosling, Gary Oldman, Michael Fassbender, Michael Shannon, Ezra Miller, Anna Paquin, Denis Lavant, Andreas Lust, Martina Gedeck, Elizabeth Olsen, Lee Jung-jin, Ernst Umhauer, Nina Hoss
  • die Optik von Faust (2011) und Cosmopolisund vor allem die Visualität von Prometheus und Life of Pi: Endlich vernünftiges, ja, ziemlich überzeugendes 3D (vor allem ohne doppelt zu sehen!), das einen völlig in eine fremde Welt entführt, aus der man hinterher nur langsam in die Realität zurückfindet: Wow! (Nur inhaltlich haperte es vor allem bei Prometheus extrem.)

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Ach, und Serien habe ich auch gesehen, eine ganze Menge für meine Verhältnisse, insgesamt 14 Staffeln. Herausstechend war da Downton Abbey, der trotz allem mein Herz gehört, und besonders Spaß gemacht haben Game of Thrones und Sherlock.

Fazit: Am meisten Nennungen habe ich bei Idee/Geschichte. Man sieht also, das Kino hat inhaltlich noch einiges zu bieten, der Film an sich ist noch nicht zu Ende erzählt. Neue technische Möglichkeiten erlauben ja auch erst die Visualisierung bestimmter Geschichten (von einer zweiten Erde etwa, oder von einem Jungen und einem Tiger, die sich ein Boot teilen müssen). Leider bringt diese Technik aber immer mehr Filme hervor, die reine Oberfläche sind, visuell überwältigen, sonst aber nichts zu bieten haben. Noch viel zu wenige wissen die Möglichkeiten wirkungsvoll einzusetzen. 3D kann was, finde ich, aber es sollte nur die Spitze des Eisbergs sein. Daneben beobachtete ich eine ganz andere, aber sehr positive Entwicklung: die wunderbaren unabhängigen Freiburger Kinos erlauben mir nämlich immer öfter, Filme im Original zu sehen. Gerade in der zweiten Jahreshälfte hat das Angebot ganz schön zugenommen. Toll!

Pläne: Ja, ich nehme mir etwas vor für 2013. Ein Haufen Serien wartet auf mich. Komplett schaffen möchte ich auf jeden Fall The Wire, Deadwood, Mildred Pierce, eine BBC-Literaturverfilmung und vielleicht zum dritten Mal Six Feet Under (die Fishers fehlen mir einfach), beginnen möchte ich mit Boardwalk Empire, Homeland und The Hour. Es ist auch verlockend, sich eine Zahl an Filmen und Kinobesuchen vorzugeben, die es zu erreichen gilt, auf solche Zwänge habe ich jedoch keine Lust. Aber ich möchte mehr ältere Filme sehen, am liebsten Gesamtwerke von Regisseuren. Auf dem Plan stehen hier erst mal Alfred Hitchcock, Andrej Tarkowskij und Peter Greenaway, und mal sehen, was sich für das Wiedersehensprojekt noch ergibt.

Monatsrückblick 12/2012

  • gesehene Filme: 22
  • im Kino: 7
  • Erstsichtungen: 18

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Am besten gefallen haben mir:

  • Jane Eyre (Cary Fukunaga, 2011): Noch vollkommener als beim ersten Mal, meine perfekte Jane Eyre-Verfilmung, die mich wesentlich mehr berührt als damals das Buch. Fassy als Rochester schafft mich … total!
  • Batman Returns (Batmans Rückkehr – Tim Burton, 1992): Tim Burtons Fabel. Zwar bin ich auch sehr für Nolans Ansatz zu begeistern, aber Burtons Batman ist so viel schöner, allein weil Gotham City aussieht wie Metropolis (s.u.). Und bis auf Max Schreck (der Name!) sind die Schurken vor allem enttäuschte, tragische Figuren.
  • Shame (Steve McQueen, 2011): Ich hatte ein bisschen Sorge, war aber zum Glück auch beim zweiten Mal sehr beeindruckt. Es war sogar noch deutlicher ein Film über einen Verlorenen. Und was für klare Szenen!
  • The Sting (Der Clou – George Roy Hill, 1973)
  • The Mill and the Cross (Die Mühle & das Kreuz – Lech Majewski, 2011): Wenn sich zwei Kunstformen vereinen: Ein Film, der ein Gemälde erzählt. Wunderbar, was Film alles kann! Er ist abstrakt, aber mit unbegreiflich schönen Bildern, die ich besser im Kino gesehen hätte.
  • Barbara (Christian Petzold, 2012): Christian Petzold belohnt wieder jene, die genau hinsehen. Die fein gestaltete Figurenanordnung und subtilen Entwicklungen lassen es unter der Oberfläche kochen. Man muss sanft hinfühlen, sich auf das spröde, aber immer faszinierende Mysterium Nina Hoss einlassen.
  • Beasts of the Southern Wild (Benh Zeitlin, 2012): Er ist vielleicht surreal, aber nicht ganz so fantastisch wie erwartet. Ein mystischer, elliptischer Film mit einer resolut-zuckersüßen Protagonistin, deren Sicht auf die Welt vollkommen überzeugend wiedergegeben wird.
  • También la lluvia (Und dann der Regen – Icíar Bollaín, 2010): Ich musste an Argo denken, finde aber diesen spanischen Film wesentlich vielschichtiger und bedeutungsvoller.
  • In Darkness (Agnieszka Holland, 2011)
  • Una vita tranquilla (Ein ruhiges Leben – Claudio Cupellini, 2010)

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Enttäuscht hat mich:

  • Cloud Atlas (Tom Tykwer / Andy Wachowski / Lana Wachowski, 2012): Ich mag die Idee sehr, die Rahmen von Zeiten, Räumen und Genres zu sprengen, um sie zugleich miteinander zu verbinden, ihnen etwas Essenzielles zu entlocken. Für mich ist das Ergebnis nur leider nicht allzu geglückt. Der Film ist einfach zu viel, er hat zu viel, will zu viel und hetzt dadurch nur, springt rasant zwischen den Episoden, braucht zu viel Zeit, um jede einzelne zu erzählen, aber gibt ihnen wiederum nicht genug, um sich einfühlen, involvieren, emotional berühren zu lassen, wodurch er eigentlich recht oberflächlich bleibt, nur grobe Themenverknüpfungen schafft und gerade das Thema der Wiedergeburt nur durch die immergleichen Schauspieler behauptet. Der Film rauscht vorbei ohne einen Gedankengang anzustoßen. Einzig Ben Whishaw ist natürlich perfekt.
  • Anna Karenina (Joe Wright, 2012)
  • The Hobbit: An Unexpected Journey (Der Hobbit – Eine unerwartete Reise – Peter Jackson, 2012): Ich schließe mich der weitläufigsten Kritik an, dass der Film zu lang ist, zu viel Überflüssiges enthält. Mir gefällt auch nicht, wie angestrengt versucht wird, an die The Lord of the Rings-Reihe anzuschließen, auf sie vorzubereiten. Aber Martin Freeman und Richard Armitage sind schon toll besetzt, das 3D ist größtenteils absolut überzeugend (wie viel die 48 Bildchen dazu beitragen, könnte ich aber erst im Vergleich sagen), aber was hilfts, wenn der Film ansonsten nicht packt?

Irgendwo zwischen Gefallen und Enttäuschung lag:

  • Life of Pi (Ang Lee, 2012): Wahrscheinlich der visuell schönste, verzauberndste, beeindruckendste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe, und die Beziehung zwischen dem Jungen und dem Tiger ist wundervoll, nuanciert eingefangen. Doch letztendlich blieb dann nicht viel übrig bei mir, keine nachhaltige Wirkung (was ich von Ang Lee anders kenne), keine Frage nach Gott – nur der Glaube an den Filmgott, den Regisseur, der mit Hilfe von Bildern jede Geschichte groß und großartig erzählen kann.

Seltsam war:

  • Tabu (Miguel Gomes, 2012): Irgendwie vereint die Melancholie diese Geschichten, die auch schön in Bildsprache und Erzählweise transportiert wird, aber die Geschichten an sich sind ja nicht besonders interessant. Hmm …

Serie:

  • Mad Men – Staffel 5 (Matthew Weiner, 2012): Und schon wieder bin ich zwiegespalten. Diese Männer gehen mir langsam auf die Nerven (die Frauen sind nach wie vor die Interessanteren). Und es ist ja nicht so, als würde den Autoren noch sehr viel Neues, Spannendes einfallen. Allerdings entwickelt gerade dieses Immergleiche, die Zyklizität des Geschehens eine besondere Stimmung, die sich immer weiter verfestigt. Diese Männer sind erfolgreich, haben alles, was sie immer wollten, und können doch nie aufhören, weiter zu wollen, immer das, was sie gerade nicht haben. Es gibt kein Ankommen, keine Zufriedenheit, nur eine ewig unerfüllte und unfüllbare Leere, einen ewigen Kreislauf, ein Scheitern am Glück. Und das ist auf Dauer wahnsinnig deprimierend, richtig niederdrückend, fast schon existentialistisch – und dadurch auch ganz groß.
    “You really have no idea when things are good, do you?”
    “Everything you wanna do, everything you think’s gonna make you happy just turns to crap.”

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Beeindruckt haben mich:

  • das lebendige “Die Kreuztragung Christi” von Pieter Bruegel
  • Nina Hoss, sie fasziniert von Mal zu Mal mehr, durchdringender
  • Tim Burtons Gotham City
  • Michael Fassbender, natürlich, immer wieder
  • Joe Wrights’ Bühnenidee für Anna Karenina
  • Quvenzhané Wallis und Dan Romers und Benh Zeitlins Filmmusik zu Beasts of the Southern Wild (seit Jane Eyre lief kein Score mehr so sehr in Dauerschleife bei mir)
  • die visuellen Einfälle von Rise of the Guardians, vor allem die knuffigen Wichtel, der Sandmann und die kleinen Zahnfee-Kolibris
  • Richard Armitage (es gibt Männeraugen, die können mich alle Überzogenheit vergessen lassen)
  • Richard Parker und 3D-Bilder einer Natur, wie es sie nur im Kino geben kann

Fazit: Ein gemischter Monat. Besonders freut mich, dass mich die beiden Fassbender-Filme bei der Zweitsichtung nicht enttäuscht haben. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass neuerdings immer mehr Wert auf visuelle oder auch erzählerische Überwältigung gesetzt wird, besonders bei 3D-Filmen. Leider kann der Inhalt dabei immer weniger mithalten.

Media Monday #16

1. Val Kilmer gefiel mir am besten in … pfff, keine Ahnung, Heat soll ja sehr gut sein.

2. Jason Reitman hat mit Up in the Air seine beste Regiearbeit abgelegt, weil ich den schon ganz schön fand, Juno streckenweise für recht bemüht und ein bisschen kindisch hielt (ich mag allerdings das ewige Kind Ellen Page auch nicht besonders) und die anderen beiden Filme nicht kenne.

3. Helen Hunt gefiel mir am besten in As Good as It Gets – klar, oder?

4. Der letzte Film, von dem ich mir nichts Überwältigendes versprochen habe und der dann letztlich richtig gut war, war Perfect Sense, fürchte ich, und damit gut ein halbes Jahr her. Dass ich von einem Film überrascht werde, von dem ich mir gar nichts versprochen habe, kommt eigentlich nicht vor. Ich schaue Filme meist auf gute Kritiken hin (aber nicht nur natürlich) und die haben entweder eben recht oder lassen mich (leider sehr oft) enttäuscht zurück. Ich weiß ja doch immer vorher, was ich mir da genau ansehe.

5. Explizite Gewalt in Filmen sollte um Himmels Willen nicht nur der Coolness wegen gezeigt werden (Mr. Tarantino?). Wenn sie jedoch der Aufklärung, Katharsis, dem Plot oder unter bestimmten Umständen ästhetischen Zwecken dient, begrüße ich sie durchaus mal.

6. Filme nachträglich in 3D zu konvertieren ist (will man der allgemeinen Meinung Glauben schenken) generell eine blöde Idee. Wenn schon 3D, dann muss es auch gut wirken und funktionieren. Allerdings habe ich nicht die geringste Lust, mir etwas über die technische Seite von 3D anzulernen.

7. Meine zuletzt gesehene Serienstaffel ist Sherlock, Staffel 2 und die war rasant, klug, spaßig, absolut überzeugend, weil Sherlocks Charakter neue Facetten erhielt und gute Autoren am Werk waren – ich frage mich nur, wie das noch getoppt werden soll.

von Medienjournal

The Avengers (Joss Whedon, 2012)

Das soll nun also dieses Nonplusultra des Superheldenfilms sein? Aber doch nur für Leute, die sich leicht blenden lassen. Für nerdige Fanboys vielleicht, die es gerne bunt haben und vor jedem Realitätsbezug flüchten. Denn nur weil alles mehr ist, größer, überdimensionaler, wird es doch nicht besser als alles andere. Denn wenn man mal alles Bunte, all die (durchaus) spektakuläre Action weglässt, alle coolen, aber leeren Sprüche, dann bleibt doch absolut nichts, kein Gehalt, kein Realitätsbezug, keine Themen, nicht mal interessante Einzelcharaktere. Ich finde nämlich nicht, dass das Drehbuch hier jedem “Helden” gerecht wird. Vielleicht wenn man die Vorgeschichten besser kennt als ich. Doch wenn nicht, bleiben die Aufeinandertreffen sehr an der Oberfläche. Ich war durchaus gespannt, als ich las, dass hier mehr als üblich einfach nur Gespräche in Räumen stattfinden. Vielleicht gelingt dann ein bisschen psychologische Tiefe, dachte ich mir, doch zwischen neckischem Gerede und viel Kawumm ist dafür keine Zeit. Selbst der vielgelobte Hulk ist doch nur überzeugend, weil Mark Ruffalo nun mal der beste unter den hier anwesenden Schauspielern ist, dadurch allerdings ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt – neben Fehlbesetzungen wie Chris Hemsworth, möchtegern-fiesen Blicken von Tom Hiddleston und Talentlosigkeit bei Chris Evans und (ohjemine!) Cobie Smulders. Selbst Scarlett Johansson darf hier nicht mehr als traumhaft geschmeidig sein. Nebenbei: Warum genau gelingt es Hulk erst später, sich gegenüber seinen Freunden im Zaum zu halten? Außerdem dachte ich, über diese simplen, gesichtslosen Bösewichtmonster wären wir langsam hinweg. Doch nicht? Schade!

Nein, das hat mich zwar unterhalten (langweilig wird es immerhin über die fast 2 ½ Stunden hinweg nie), doch irgendeine Art von Beteiligung, Mitfiebern, Begeisterung konnte der Film so gar nicht auslösen. Wenn selbst der Tod einer sympathischen Nebenfigur völlig gleichgültig lässt, dann kann das doch kein Film sein, der wegweisend ist. Erinnert sich keiner mehr an X-Men: First Class, der nun im Rückblick noch viel himmlischer erscheint? Apropos: Wenn die einzelnen Universen von Marvel also verbunden sind, wo war dann Spider-Man, als sein Wohnort New York zerstört wurde, warum wurden die X-Men nie erwähnt?

Ach, was für ein Blendwerk! Ist ein bisschen Greifbarkeit, ein wenig Emotionalität denn zu viel verlangt?

PS: Warum muss ein 3D-Film bitte so teuer sein? Das günstigste Ticket gab es hier für 11€, was ich für absoluten Wucher halte. In einem anderen Kino kann ich einen 2D-Film ab 4€ sehen, also hätte ich für The Avengers fast drei Filme sehen können. Zumal man im unabhängigen Kino hier einen 3D-Film auch schon für etwa 8€ bekommt. Diese Preise haben mich nun schon einige Male davon abgehalten, einen 3D-Film zu schauen, den ich doch sehr gerne gesehen hätte. Und die 2D-Alternative, die ich liebend gern in Anspruch genommen hätte (obwohl ich nun kein solcher 3D-Verächter bin wie manch andere), gibt es leider nie. Ich finde das absolut unverschämt von Cinemaxx und Co.! Man sollte das boykottieren.

Cave of Forgotten Dreams (Die Höhle der vergessenen Träume – Werner Herzog, 2010)

Cave of Forgotten Dreams ist der erste 3D-Film, bei dem ich aus voller Überzeugung sagen würde, dass er in 2D weniger gut gewesen wäre, dass er 3D braucht, um zu wirken. Mit absoluter Unmittelbarkeit werden so die Fels- und Tropfsteinformationen und 32000 Jahre alten und damit ältesten bisher gefundenen Höhlenmalereien beinahe greifbar und der Film vermag nur so richtiggehend spürbar in eine fremde Welt und andere Zeit zu entführen. Da brauchte ich erst mal kurz, um danach in die Realität zurückzufinden, in der ich mich plötzlich ganz klein fühlte angesichts der ungeheuren, unüberwindbaren Macht der Zeit, die alles irgendwann als Schutt und Asche zurücklässt. Welche Spuren werden von mir, von uns in 30000 Jahren übrig sein? Meist (!) sehr subtil stellt Werner Herzog hier anthropologische Fragen über das, was den Menschen ausmacht, über Vergänglichkeit und das Festschreiben in der Zeit, über Unwissenheit und Kulturen, die unserer so fremd sind und doch am gleichen Ort existierten. Sehr schön auch, wie leidenschaftlich die Wissenschaftler von ihrem Gegenstand sprechen, ohne verkopfte Logik.

Dokumentarfilme können mich für gewöhnlich wenig begeistern, aber nun hat es ausgerechnet so einer geschafft, mich seit langer Zeit mal wieder im Kino zu überwältigen. Dabei macht Werner Herzog mit dem Film nichts anderes, als ein wenig durch die französische Landschaft und die Chauvet-Höhle zu streifen, teils skurrile Menschen zu Wort kommen zu lassen und selbst vielleicht ein wenig zu weit auszuholen, um aus dem Off über diese uralte Kunst zu philosophieren. Doch dieses Thema ist so groß, dass mir beim bloßen Gedanken an diese Jahrtausende ganz schwindelig wird.