Michael Nyman

Jahresrückblick 2014

2014 war privat ein veränderungsreiches Jahr. Das hat sich (wie bereits beschrieben) auch auf meinen Filmkonsum ausgewirkt. Dadurch habe ich viele Filme, die dieses Jahr ins Kino kamen und im Konsens eine Rolle spielten, noch nicht gesehen. Mein Filmjahr sah also anders aus als das anderer und als ich es gerne gehabt hätte, aber da ich meinen Jahresrückblick sowieso an meinem persönlichen kalendarischen Filmjahr ausrichte, spielt das eigentlich hier keine Rolle.

Trotz Vorsatz habe ich mir aber wieder einmal über das Jahr hinweg keine Notizen dazu gemacht, wie ich mein Film- und Serienjahr beschreiben möchte. Allerdings halte ich einen spontan erstellen Jahresrückblick auch gar nicht mehr für blödsinnig, sondern vielmehr für ein authentisches Zeugnis davon, was mich wirklich nachhaltig bewegt hat. Die Filme, Serien, Einzelkünstler und -momente, an die ich mich jetzt noch erinnern kann, die waren etwas Besonderes. Selbstverständlich haben die später im Jahr gesichteten Werke hier einen Vorteil, aber auf Reliabilität kann man ja sowieso nicht aus sein.

Witzigerweise war ich genauso oft im Kino wie letztes Jahr. Wäre ich nahe Freiburg geblieben, wäre das also ein schönes Rekordjahr geworden. Schade.

  • gesehene Filme: 199
  • im Kino: 61
  • Erstsichtungen: 172
  • Serienstaffeln: 21

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Filme:

Was haben individuelle Listen, die nur den Konsens abbilden, für einen Sinn? Die Bestenlisten von 2014 scheinen jedenfalls zu 95% aus denselben 30 oder 40 Filmen zu bestehen. Da kann ich fast froh sein, dass ich viele dieser Filme nicht gesehen habe und so keine identische Liste erstellen kann. Und dass ich alle gesehenen Filme, auch die älteren, einbeziehe. Dennoch gefiel mir natürlich auch der eine oder andere dieser Konsens-Filme. Kurz überlegte ich, diese einfach nicht zu erwähnen, oder nur kurz zu nennen, den Filmen gegenüber wäre das aber nicht fair.

Obwohl mir bewusst ist, dass die Welt nicht zu wissen braucht, dass auch ich Boyhood mochte, erzähle ich es ihr also trotzdem. Aber nur deswegen, weil ich ihr daneben mitteilen kann, dass es da auch noch Filme gab, die ihr entgangen sind, mich aber tief beeindruckten, wie etwa Im Krieg. Erst damit erhält meine Liste in meinen Augen ihren Charakter und ihre Existenzberechtigung.

Und wenn ich mir meine Liste so ansehe, fällt mir auf, dass ich besonders Filme mit wenigen Protagonisten mochte, die konzentriert sind, eine einfache Handlung haben, aber damit Existenzielles beinhalten. Ich schätze immer mehr, wenn mit wenigen (großen) Mitteln große Wirkung erzielt wird.

2014 habe ich damit ziemlich viel gefühlt bei Filmen. Sie haben mich involviert, aufgewühlt, glücklich gemacht, verzweifeln lassen, bis zum letzten Atemzug erschöpft. Die Liste ist also von meinem Gefühl erstellt, es ist keine Bestenliste, sie basiert nicht auf normativem Richten über eine objektive Qualität (ich werde es jedes Jahr wieder betonen). Ich kann meine Wahl auch rational begründen, sie fußt aber vor allem darauf, dass mich die anderen Filme nicht so wahnsinnig mitgenommen haben, auf einer basalen, instinktiven Ebene. Man darf Empfehlungen mitnehmen, muss aber nicht, denn was mich zum Staunen bringt, kann dich kalt lassen.

Am meisten gefühlt habe ich bei

  • Still Life (Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit – Uberto Pasolini, 2013): Wenn man nach einem Film tagelang nicht aufhören kann zu weinen, dann ist das allein eine Leistung, die einen Ehrenplatz rechtfertigt. Aber ich glaube auch rational fest daran, dass mich diese unscheinbare, melancholische, lakonische, genau kadrierte und sanft gespielte Geschichte über den Wert des kleinen Lebens immer wieder lang beschäftigen kann.

Ziemlich viel gefühlt habe ich aber auch bei (nach Sichtungsdatum geordnet)

  • A torinói ló (Das Turiner Pferd – Ágnes Hranitzky / Béla Tarr, 2011): Ein Film wie eine Depression. Und zwar das Stadium, in dem man nicht mal mehr weinen kann, obwohl man so sehr das Bedürfnis danach hat. Kein schönes Gefühl, aber in dem Fall zum Glück ein ungefährliches und eines, das ich bei noch keinem anderen Film so hatte.
  • All Is Lost (J.C. Chandor, 2013): Mann gegen Meer, ökonomisch, pragmatisch, essenziell, aber bis zur letzten Minute vollkommen erschöpfend.
  • Nymphomaniac: Volume I, Nymphomaniac: Vol. II (Lars von Trier, 2013): Eine pornographische Fahrt zum Leuchtturm. Erst unterhaltsam sprunghaft, dann sympathisch ernsthaft und letztendlich herrlich unbefriedigend.
  • Noah (Darren Aronofsky, 2014): Ein Aufruf gegen religiösen Fanatismus, und die sublimsten Bilder, die ich 2014 im viel zu teuren Film gesehen habe. Aronofsky beweist die Schöpferkraft des Filmemachers.
  • Něco z Alenky (Alice – Jan Švankmajer, 1988): Švankmajers Form des Grauens ist ihm ganz und gar eigen. Kino ist, wenn das Tote wieder lebendig wird. Eigentlich ziemlich gruselig.
  • Boyhood (Richard Linklater, 2014): Das Universale im Konkreten, das gewöhnliche Leben als Wohlfühlfilm.
  • Locke (No Turning Back – Steven Knight, 2013): Ein irrlichterner Traum, in dem Tom Hardy den Konflikten der modernen Welt mit Shakespearescher Erhabenheit entgegentritt.
  • The Immigrant (James Gray, 2013): Der schwere Filmteppich über Schuld und Güte und Wege in gelobtem Land.
  • Im Krieg (Nikolai Vialkowitsch, 2014): 3D als authentische Erfahrung einer anderen Zeit und ihrer Menschen.
  • Macbeth (Orson Welles, 1948): Der expressionistische, deterministische, müde Macbeth.
  • Macbeth (Roman Polanski, 1971): Der realistische, pragmatische, nagende Macbeth.
  • Frank (Lenny Abrahamson, 2014): Vom Scheitern. Und der unmöglichen Beziehung von Genie und Wahn und Ruhm. *welcoming smile*
  • The Boxtrolls (Die Boxtrolls – Graham Annable / Anthony Stacchi, 2014): Das Heldentum der Proletarier, der Hässlichen und Ängstlichen und Missverstandenen.

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… und bei diesen erleuchtenden Zweitsichtungen:

  • Straw Dogs (Wer Gewalt sät – Sam Peckinpah, 1971): DER Film über Gewalt als Basis der Zivilisation.
  • Bright Star (Jane Campion, 2009): DER Film über die Logik und den Schmerz der Liebe.
  • A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht – Elia Kazan, 1951): DER Film über Kontraste zwischen Menschen und zwischen Schauspielern.

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Serien:

Mein Filmjahr war also ganz gut, mein Serienjahr aber eindeutig eines der begeisterndsten, die ich je hatte. Eine großartige Entdeckung nach der anderen, darunter mindestens drei neue Lieblingsserien:

  • Enlightened (Laura Dern / Mike White, 2011-2013): Im gelben Kleid gegen das System.
  • Rectify, Staffel 1Staffel 2 (Ray McKinnon, 2013-2014): Über das Leben und die Zeit, das Staunen und Zweifeln, die Einsamkeit und Strafe, in poetisch schönen Bildern.
  • The FallStaffel 1 (Allan Cubitt, 2013): Eine feministische Kommissarin und ein Mörder als Objekt der Blicke.

Und:

  • Les RevenantsStaffel 1 (The Returned – Fabrice Gobert, 2012)
  • True DetectiveStaffel 1 (Nic Pizzolatto, 2014), mit all ihren Fehlern
  • und der hinreißende Frankenstein-Subplot des trashigen Penny DreadfulStaffel 1 (John Logan, 2014)

Und sonst so?

  • Zwei der lehrreichsten Werkschauen aller Zeiten! Durch Peckinpah verstehe ich nun Gewalt im Film, durch Macbeth filmische Interpretation.
  • Zuckersüßes: die Boxtrolls, Fassavoy
  • introvertierte, pessimistische, philosophische, suizidale Serienschwärme: Rust Cohle, Daniel Holden, Sophie in Behandlung
  • faszinierende, dominierende, schwierige Serienheldinnen am Rande des Sympathischen, fabulös vielschichtig dargestellt: Amy Jellicoe (Laura Dern), Stella Gibson (Gillian Anderson), Olive Kitteridge (Frances McDormand), Amantha Holden (Abigail Spencer), Vanessa Ives (Eva Green) – und das schmerzliche Fehlen dieser in anderen Serien
  • zum letzten Mal den Lieblingsserienvorspann (True Blood) gesehen, dafür einen neuen (Les Revenants) dazubekommen
  • eingebrannte, geniale letzte Einstellungen, die natürlich Spoiler sind, daher nur für die ganz Neugierigen zugänglich, nach Klick1 und Klick2 (zwar verrate ich nicht, um welche Filme es sich handelt, ist aber nicht schwer zu ermitteln)
  •  Lieblingsmomente:
  • Lieblingsmusik von:
    • Stephen Rennicks, der nicht nur die unterhaltsame begleitende Musik zu Frank beisteuerte, sondern auch die originelle Musik der Band selbst und meinen neuen Lieblingssong „I Love You All“
    • Mica Levi für Under the Skin, von einer verunsichernden Sorte, die ich gerne viel öfter hören würde
    • Michael Nyman für Chelovek s kino-apparatom
    • Mihály Vig für A torinói ló
    • Mogwai für Les Revenants
    • dem Veratnwortlichen für die Songauswahl für True Detective
    • Trent Reznor und Atticus Ross für Gone Girl, die ich immer raffinierter finde, je öfter ich sie höre – möge David Fincher noch viele Filme machen, damit Reznor und Ross uns noch viel solch innovative Filmmusik schenken können
    • Max Richter für The Congress
    • Clint Mansell für Noah
    • Christopher Spelman für The Immigrant
    • Dickon Hinchliffe für Locke
    • Alexander Ebert für All Is Lost
    • Mark Orton für Nebraska
  • Lieblingskameraarbeit von:
    • Fred Kelemen für A torinói ló
    • Darius Khondji für The Immigrant
    • diversen Kriegsfotografen für Im Krieg
    • Patrick Blossier für Les Revenants
    • Paul M. Sommers für Rectify
    • Adam Arkapaw für True Detective
    • John L. Russell für Macbeth (von Orson Welles)
    • Stefano Falivene für Still Life
    • Matthew Libatique für Noah
  • Lieblingsschauspieler:
    • Marlon Brando: sein Auftritt in A Streetcar Named Desire ist aus einer eigenen Welt, ach was, Galaxie!
    • Jesse Eisenberg, Tom Hardy und Matthew McConaughey, deren Können ich durch Night Moves bzw. Locke und True Detective endlich verstand (wobei ich mittlerweile finde, dass McConaugheys Habitus nicht besonders variationsreich ist)
    • Michael Fassbender in allen vier gesehenen Filmen, aber besonders überraschend charakterstark mit einem Pappkopf auf dem Kopf
    • Mia Wasikowska, die Zarte und gleichzeitig Starke und Einnehmende
    • Marion Cotillard, die große Leidende
    • Ian McKellen, der intensive Macbeth
    • Jon Finch, der verblüffend authentische Macbeth
    • Eddie Marsan, Mr. May
    • Rory Kinnear, die unscheinbare Kraft und emotionale Tiefe
    • Eva Green, die das Overacting in ihrer Gewalt hat
    • Jack O’Connell, das kluge Energiebündel
    • Onata Aprile, so jung und schon so exakt
    • Wes Bentley ist zurück

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Pläne:

Ich muss das Jahr bescheiden angehen. Die 2000 vollzumachen wäre doch schön. Und meine Situation akzeptieren zu lernen. Größere Filmprojekte werden also schwierig, eine Sparte im Blog möchte ich aber (auf Wunsch) gerne erweitern: Filmmusik. Ich bin sicher, dass nicht wenige der zu sehenden 100 Filme beschreibenswerte Musik enthalten. Ich liebe Filmmusik doch, und da es ja sonst niemand macht …

Monatsrückblick 01/2014

Keine Ahnung, ob mich diese willkürlichen Gesellschaftskonventionen konditioniert haben, aber ich brauche im neuen Jahr immer eine Weile, bevor ich Lust auf neue Projekte habe. Bis auf ein paar eher zufällig gewählte Filme und die dritte Staffel Sherlock habe ich also nicht viel gesehen im Januar. Im Februar nehme ich mir aber den Peckinpah vor.

Übrigens habe ich mal ein Film-Tumblelog erstellt. Eventuell mag ja jemand folgen, ich folge vielleicht sogar zurück.

  • gesehene Filme: 19
  • im Kino: 5
  • Erstsichtungen: 17
  • Serienstaffeln: 1

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Am besten gefallen haben mir:

Ganz gut gefallen haben mir:

Eher enttäuscht haben mich:

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Fazit: Ein Monat der Mittelmäßigkeit. Er fing mit A torinói ló und All Is Lost stark an, dann hat mich aber nicht mal 12 Years a Slave, auf den ich mich so lang gefreut hatte, richtig überzeugen können. Selbst Sherlock war ein sehr gemischtes Erlebnis. Wenigstens ein paar Einzelleistungen sind mir im Gedächtnis geblieben: die Komponisten Mihály Vig und Michael Nyman, die Kameramänner Fred Kelemen, Edward Lachmann und Wolfgang Thaler, die Regisseure Béla Tarr und J.C. Chandor, die Schauspieler Robert Redford, Michael Fassbender und Will Forte und die paradiesischen Damen Margarete Tiesel, Maria Hofstätter und Melanie Lenz. Aber kein Grund zu verzweifeln, Jahr und Watchlist sind ja noch lang!

Sonstige Filme im Januar

  • Byzantium (Neil Jordan, 2012): Auch wenn ich die Ausgangssituation, die Figuren, die Schauspieler, das Setting mochte, war ich trotzdem unbefriedigt. Es ist eine Mischung aus Låt den rätte komma in und Interview with the Vampire ohne aber annähernd an die Klasse, die Geschlossenheit der beiden heranzukommen. Irgendwie machen Neil Jordan und Autor Moira Buffini nichts Interessantes daraus, obwohl der Genderkampf und die mythische Vampirentstehung neu sind. Es ist ja trotzdem vor allem ein Fluchtdrama und eine etwas lahme Liebesgeschichte (obwohl Caleb Landry Jones wieder so schön schnuffig zerrüttet ist). Ich war wohl auch noch zu sehr von Only Lovers Left Alive verwöhnt …

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  • La leggenda di Kaspar Hauser (The Legend of Kaspar Hauser – Davide Manuli, 2012): Ein seltsamer, episodenhafter Schwarz-Weiß-Film über einen ewig tanzenden Kaspar Hauser, der an einer italienischen Insel angespült wird und von den überschaubaren Inselbewohnern verschiedene Behandlungen und Vermutungen über sich ergehen lassen muss. Viel elektronische Musik und Vincent Gallo in einer Doppelrolle. Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber einen gewissen Charme hat der Film manchmal schon.
  • Alpeis (Alpen – Giorgos Lanthimos, 2011): Ich glaube, diese neue griechische Filmwelle ist nichts für mich. Diese Filme sind so glatt, ich kann mich an nichts festhalten, ich rutsche förmlich an ihnen ab. Und das ist auch schon alles, was mir dazu einfällt.
  • Chelovek s kino-apparatom (Der Mann mit der Kamera – Dziga Vertov, 1929): Michael Nyman hat 2002 eine neue Musik zu dem Film geschrieben, was (das gebe ich gerne zu) der Grund für meine Neusichtung war. Und ich finde: Die Musik macht den Film noch viel reicher, sie ist liebevoll und lebensfreudig. Ansonsten ist das natürlich ein Werk zum Staunen, das jeder Filmfreund gesehen haben sollte. Ich liebe vor allem die Gleichsetzung der Kamera mit einem voyeuristischen Auge.
  • Ha-shoter (Policeman – Nadav Lapid, 2011): Ein Film über zwei radikale Gruppen im heutigen Israel –  eine übermaskuline Spezialeinheit der Polizei und militante Weltverbesserer -, der allerdings sehr auf Distanz hält, auch dadurch, dass er die beiden Einblicke klar voneinander trennt, sodass er zwischendurch plötzlich eine ganz andere Geschichte erzählt. Auch gibt es keinen Sympathieträger, keine Psychologisierung, keinen Kontext. Die Herangehensweise ist spannend (indem man eben lange nicht erfährt, um was es eigentlich geht), die Ausführung bietet allerdings keine wirklichen Einsichten zum Thema Gewalt etwa – bestenfalls, dass sie immer übertrieben und sinnlos ist.

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  • Old Joy (Kelly Reichardt, 2006): Ich schätze Kelly Reichardts Fähigkeit sehr, das mühsame, unglamouröse Leben kleiner Leute in einem Film zu komprimieren und dadurch authentisch über ihr Land zu sprechen. Auch mit Old Joy ist ihr ein kurzes, aber treffendes, subtil mit Andeutungen arbeitendes Porträt einer bestimmten Generation gelungen, die anspruchslos ist, sich aber dennoch nach einer gewissen Harmonie und Unberührtheit sehnt, die im zeitgenössischen Amerika scheinbar nur in der Natur zu finden ist. In Wendy and Lucy und Meek’s Cutoff hat sie ihr Sozialdrama aber wesentlich besser und herzzereißender auf den Punkt gebracht, finde ich.
  • 12 Years a Slave (Steve McQueen, 2013): Ich war ja bereits nach seinem zweiten Film großer McQueen-Fan, aber dieser Film hat mich seltsamerweise kalt gelassen. Er bietet zwar eine Identifikationsfigur, hält den Zuschauer aber trotzdem die ganze Zeit auf Distanz. Das Gefühl einer 12-jährigen Tortur stellt sich auch nie ein. Dabei ist es ein erfreulich sachlicher Film darüber, was Sklaverei aus einem Menschen macht, alle (bis auf Brad Pitt vielleicht) sind perfekt gecastet (besonders Chiwetel Ejiofor und Lupita Nyong’o) und Michael Fassbender ist wie immer phänomenal. Kalt gelassen hat der Film mich aber trotzdem.
  • The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese, 2013): Ein überraschend konventioneller Aufstieg-und-Fall-Film, der schon arg lang ist und, ja, die Opfer außen vor lässt, doch sie sind nun mal kein Teil von Belforts Wahrnehmung, die wir hier teilen sollen. Schade finde ich schon eher, dass seine kriminellen Finanzaktivitäten nicht näher erklärt werden, sodass er gar nicht so sehr als Verbrecher dasteht. DiCaprio ist brillant, ebenso wie die letzte Szene und Einstellung, die doch eigentlich die ganze Kritik enthält, den Spiegel, den der Film und vor allem das Publikum braucht. Lesenswert

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  • Bastard (Carsten Unger, 2011): Ein Genrefilm aus Deutschland (ein Thriller mit überraschenden Wendungen nämlich), der aber leider, leider schon wieder zu angestrengt versucht, Genrefilm zu sein. Die Prämisse ist gar nicht so schlecht (zwei Jugendliche aus lieblosen Familien erpressen sich eine Ersatzfamilie), die Geschichte unvorehrsehbar und manche Szenen besonders schauspielerisch spannend. Aber dann ist die Musik so penetrant, werden visuelle Spielereien zum Selbstzweck und manche Entwicklungen sind fast ein wenig peinlich, da total abgenutzt. Schade. Aus diesen beiden jungen Protagonisten hätte man etwas machen können. We need to talk about Leon.
  • Quills (Quills – Macht der Besessenheit – Philip Kaufman, 2000): Da sind furchtbar spannende Ansätze zu Zweck und Verantwortung von Kunst und zur Macht von Pornografie und persönlichen Begierden enthalten, die allerdings irgendwann dem großen Drama geopfert werden. Die Aussagen bleiben daher bestenfalls widersprüchlich, wenn nicht sogar ein Vorwurf an alternatives Gedankengut, das die Schwachen korrumpiert. Es war aber schön, mal die ganz jungen und frischen Kate Winslet und Joaquin Phoenix wiederzusehen. Ich liebe Kates Begeisterungsfähigkeit und Resolutheit und Joaquins Güte.
  • Cutie and the Boxer (Zachary Heinzerling, 2013): Ein liebevoller Einblick in das nicht immer leichte Leben eines semi-erfolgreiches Künstlerpaars, der sich zu gleichen Teilen der Kunst und den Charakteren widmet. Nicht mehr und nicht weniger.
  • Dirty Wars (Rick Rowley, 2013): Eine als persönliche Reise des Filmemachers erzählte Doku über ungerechtfertigte Methoden und Unmenschlichkeiten, die die USA während ihren aktuellen Kriegen unter anderem anstell(t)en – mit großem atmosphärischem Stilwillen gedreht, was ab und zu leider etwas aufdringlich ist.

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  • Paradies: Liebe (Ulrich Seidl, 2012): Der Film zeigt die ganze Bandbreite, die das Verhalten dieser anerkennungsbedürften Frau ausmacht: Das aus Enttäuschung geborene Bedürfnis, den Rassismus, die Abgebrühtheit und Naivität, die Widersprüchlichkeit (während sie die Oberflächlichkeit der Männer beklagt, behandelt sie die Afrikaner auch nur wie ein Stück Fleisch) und schließlich die Ernüchterung ob der fehlenden wirklichen Zuwendung. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, hier ein noch ganz unaufbereitetes Thema und einen bisher unbekannten Einblick in die menschliche Natur erhalten zu haben.
  • Paradies: Glaube (Ulrich Seidl, 2012): So prägnant wie Paradies: Liebe ist der Film jedenfalls nichts, er zieht sich im Gegenteil sehr und ist alles andere als subtil und überraschend. Interessanter hätte ich ein Porträt moderner, auf den ersten Blick angepasster Gläubiger gefunden.
  • Paradies: Hoffnung (Ulrich Seidl, 2013): Ich bin froh, dass die Reihe wenigstens EINE durchweg sympathische, wenn auch nicht fehlerfreie Hauptfigur enthält. Wohl und Wehe der Jugend werden sehr authentisch dargestellt, dabei ein sehr positives Körperbild vermittelt und die Romanze bleibt bei einer ambivalenten Andeutung. Gut gemacht, aber auch nicht so geschlossen wie Paradies: Liebe.
  • Here (Braden King, 2011): Ein amerikanischer Kartograf und eine armenische Fotografin reisen durch armenische Landschaft. Es ist ganz angenehm, dass der Film zunächst kein erkennbares Anliegen hat, keine Culture-Clash-Analyse oder Selbstfindungsodyssee ist, und die Antriebe der beiden Protgaonisten nur andeutet. Auch zeichnet er kein verklärt-harmonisches Bild von Land und Liebe. Zum Schluss wird es dann aber doch etwas zu üblich und die Filmessay-Passagen (die mir an sich gut gefielen) fügen sich nicht in den Rest ein, wollen nur angestrengt Bedeutung herstellen.

Stöckchen: Mein Leben in 15 Songs

Huch, ein Musik-Stöckchen von ERGO. Dabei spielt Musik in meinem Leben doch schon eine geringere Rolle als bei vielen anderen. Wenn ich darüber nachdenke, welche Songs bestimmte Epochen in meinem Leben besonders prägten oder repräsentieren, fällt mir auf, dass ich zwar vieles und Vielseitiges gehört habe, die meisten Bands und Alben aber eher rasch und spurlos an mir vorbeizogen. Es gibt nur wenige Musiker und Musikstücke, die deutlich hervorragen. Mal sehen, ob ich überhaupt 15 zusammenbekomme. Mehr oder weniger chronologisch nach Entdeckungszeitpunkt:

Pink Floyd: „Another Brick in the Wall“

The Wall und der The Blues Brothers-Soundtrack waren die Lieblingsplatten meines Vaters. Sie stehen also für meine Kindheit (passt ja auch sehr gut).

Meat Loaf: „I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)“

Mein erster richtiger Lieblingssong. Da muss ich 10 gewesen sein. Könnte schlimmer sein, denke ich. Irgendwie finde ich ihn sogar immer noch großartig und das Video ist ja wohl echt stark! Nachher hatte ich allerdings nie mehr etwas mit Meat Loaf zu tun (abgesehen vom einen oder anderen Film). Auf epische Rockmusik stehe ich allerdings heute noch, nur anders.

Savage Garden: „Truly Madly Deeply“

Beginn der Pop-Phase. Könnte auch schlimmer sein, oder? Außerdem fand ich Darren Hayes süß.

Danach folgte tatsächlich noch eine Boygroup- und Popsternchen-Phase, die aber keine Spuren hinterlassen hat, deswegen überspringe ich sie.

Dido: „Here With Me“

No Angel lief damals in Dauerrotation und das verstehe ich heute noch sehr gut. Perfekte düstere Popmusik.

Thomas Newman: „Any Other Name“

American Beauty war der Film meiner Adoleszenz und Thomas Newmans Score daher die Musik dazu. Dieses Stück treibt mir aber auch jetzt noch sofort die Tränen in die Augen und ich muss sehnsüchtig an meine erste große Liebe, Ricky Fitts, denken.

3 Doors Down: „Duck and Run“

Mit 16 fand ich dann aber glücklicherweise doch auch zur Rockmusik (wenn auch erst mal zu recht konventioneller). 3 Doors Down verdanke ich meine erste Konzert- und einzige Festivalerfahrung (Rock im Park 2000). Wichtig war zu der Zeit auch z.B. Staind mit „It’s Been Awhile“. Zumindest 3 Doors Down finde ich heute aber ziemlich schrecklich (die Texte, oh je).

Aimee Mann: „Humpty Dumpty“

Klar, Paul Thomas Anderson ist schuld. Ich war einige Jahre auch wirklich sehr großer Fan, Lost in Space ist eine der meistgespielten CDs in meiner Sammlung.

Michael Nyman: „The Heart Asks Pleasure First / The Promise“

Für viele Jahre das allerschönste Stück Musik, das mich vollkommen ausdrückt. Aber das wisst ihr ja.

Tori Amos: „Precious Things“ / „Space Dog“

Tori Amos ist meine Musikgöttin. Und das liegt gar nicht zuallererst an ihrer Musik, obwohl ich unendlich bewundere, wie es ihr gelingt, seit über 20 Jahren in absoluter Regelmäßigkeit Musik zu veröffentlichen, die sich nie wiederholt, die immer wieder eine neue Facette ihres auf den ersten Blick überschaubaren künstlerischen Könnens zeigt. Aber vor allem hat mich bisher kein Konzert so begeistert, wie ihres 2007 in Nürnberg. Sie sitzt zwar „nur“ die ganze Zeit hinter ihrem Flügel, aber sie spielt ihre Musik nicht nur herunter, sie macht sie erst verständlich und erfahrbar, sie fühlt sie nach außen. Das ist gelebte Musik auf der Bühne, was ich so bei noch keinem anderen Musiker erlebt habe. Und genau dafür liebe ich sie.

Philip Glass: „Escape!“

The Hours ist auf vielen Ebenen ein wichtiger Film für mich, der auch irgendwie einen meiner Lebensabschnitte repräsentiert. Er führte mich nicht nur zu meiner verwandten Seele Virginia Woolf, sondern auch zu Philip Glass – ein Komponist, den ich seither fast so sehr schätze wie Michael Nyman. Ich habe ihn sogar schon mal live spielen sehen, bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden 2010, als er mit dem Kronos Quartet Dracula (von Tod Browning) begleitete (was mich wiederum stets an mein halbes Jahr im Erzgebirge erinnert).

Nine Inch Nails: „Mr. Self Destruct“

Jeder an der Welt und den Menschen leidende Teenager muss ja wohl irgendwann bei Nine Inch Nails landen. Ich war halt schon ein bisschen klischeehaft. Was Trent Reznor heute so macht, finde ich aber wieder interessant, seine Filmmusik und How To Destroy Angels etwa.

Slut: „Global Cut“

Die Musik zu den ersten Studienjahren.

A Perfect Circle: „The Outsider“

Die sah ich zufällig auf MTV – was es damals noch alles gab! Welcher Song es genau war, weiß ich zwar leider nicht mehr, das ist aber auch nicht so wichtig, da sie für mich vor allem die Brücke zu Tool darstellten.

Tool: „Schism“ / „Roseta Stoned“

Und Tool ist seither meine absolute Lieblingsband. Keine andere Musik lässt mich so Großes und Tiefes fühlen. Daher kann ich sie auch nur in einer besonderen Stimmung hören. Und in Maynard James Keenans Karamell-Stimme möchte ich am liebsten baden. (Puscifer mag ich übrigens auch sehr.)

Aphex Twin: „Cilonen“

Die Musik zum Auslandssemester in Nordirland. Damit auf den Ohren durch die vielseitige, raue irische Landschaft zu fahren, war einer der schönsten Momente meines Lebens. Das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen, aber seine Musik ist doch sehr rein.

Porcupine Tree: „Fear of a Blank Planet“

Gegen Mitte 20 hatte ich dann ein Jahr, in dem ich extrem viel Musik gehört habe (auch unterwegs, ständig mit Stöpseln in den Ohren, was ich heute kaum noch mache), vor allem Prog- und Post-Rock. Das ist auch im Großen und Ganzen die Musikrichtung, mit der ich mich am meisten identifiziere. Sie ist doch ein sehr gutes Äquivalent zu den epischen, handlungsarmen Filmen, die ich so mag, oder? Und hier schließt sich auch der Kreis zum ersten Song – schön. (Fürs Protokoll: Die Texte von Porcupine Tree sind manchmal leider sehr plump.)

Die beiden Lieder, die mein Freund für mich schrieb

Natürlich.

Danach folgten hauptsächlich ganz musikfreie Phasen, Wiederholungen oder eher kurze Affären (Dredg, Patrick Wolf, Godspeed You! Black Emperor, Editors, Bat for Lashes, Florence + The Machine, The Jezabels, The Boxer Rebellion und Agnes Obel etwa). Ich kaufe mir aber auch kaum noch CDs, beschäftige mich nicht mehr wochenlang nur mit einem Album. So hat Musik ja gar keine Chance, sich einzubrennen. Eigentlich schade.

Und jetzt sinds doch sogar ein paar mehr als 15 Songs geworden. Macht nichts, oder? Ich werfe nicht weiter, obwohl mich die Antworten von Sonja, Sebastian und Annika schon brennend interessieren würden.

Michael Nyman, Filmkomponist

Filmmusik ist schon besondere Musik – sie kann das Filmerlebnis aufwerten, für sich allein stehend funktionieren, oder, gerade umgekehrt, durch das Filmerlebnis aufgewertet werden. Ich höre prozentual schon sehr viel Filmmusik und schätze diverse Filmkomponisten, bei den 31 Filmen habe ich ja schon einmal darüber geschrieben. Aber es gibt einen Filmmusiker, der für mich persönlich heraussticht, der mir näher geht als alle anderen. Und das ist nicht Bernard Herrmann oder John Williams oder Hans Zimmer. Nicht mal Ennio Morricone.

Michael Nyman begleitet mich schon eine ganze Weile. Es war wohl die Musik in Gattaca, die mich dazu brachte, mit 16 etwa, eine Best-of-CD von Michael Nyman zu kaufen, die bis dato die meistgespielte CD in meiner Sammlung ist. Und seither schaue ich manche Filme allein, weil sie seine Musik enthalten – was allerdings leider nicht allzu oft möglich ist. Er ist zwar sehr fließig (IMDB zählt 102 musikalische Beiträge zu Filmen) und hat durchaus schon mit bekannten Regisseuren zusammengearbeitet, wie eben Andrew Niccol, Patrice Leconte, Jane Campion, Michael Winterbottom, Neil Jordan und natürlich vor allem Peter Greenaway, seine Scores zieren aber doch mehrheitlich obskure Filmprojekte, von denen selbst ich noch nie gehört habe und die wahrscheinlich auch nicht alle zugänglich sind. Den Grund dafür kann ich mir schon vorstellen, denn obwohl er anerkannter Komponist ist, auch Kammermusik, Konzerte und Opern schreibt, ist seine Filmmusik nicht wirklich angepasst, unauffällig, anschmiegsam, konform, gewohnt. Sie ist zwar auch nicht zwangsläufig sperrig und betont unkonventionell, hat aber schon einen eigenen Klang und damit Charakter, der auch ganz deutlich den betreffenden Film prägt. Dass das nicht jedem Filmemacher passt, wurde erst kürzlich deutlich, als die Produzenten seinen Score zu Spike Lees Oldboy ablehnten. Zu schade, ich hätte sehr gerne gehört, zu was für einer Musik ihn ein vergleichweise actionlastiger Film inspiriert.

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Was macht die Musik von Michael Nyman aber nun aus und so besonders für mich? Es ist schwierig für mich, das genau festzumachen, auch, weil mir das musikanalytische Beschreibungsinstrumentarium fehlt. Aber sogar mir ist bewusst, dass sich da grob zwei Tendenzen in seinen musikalischen Ausformungen erkennen lassen. Interessanterweise lässt sich die Trennlinie ungefähr zwischen den Scores zu Peter Greenaways Filmen und allen anderen ziehen.

Zu den meisten frühen Filmen Greenaways steuerte Nyman die Musik bei, bis sie sich bedauerlicherweise bei Prospero’s Books überwarfen. Dabei waren sie ein wunderbares Gespann, wie die Faust aufs Auge. Für Greenaways ironisches Spiel mit formalen Systematiken fand Nyman die treffende ironische minimalistische Musik, die wie Greenaways Filme mit Wiederholungen und Variationen spielt und den Zuschauer nicht emotional leiten und involvieren will, sondern ihn durch ihre Klarheit und Bewusstheit auf Abstand hält. Sie sind beide auf eine gewisse Künstlichkeit bedacht und sogar beide vom Barock inspiriert. Greenaway hält sie zwar manchmal recht leise im Hintergrund, dennoch ist es nie nur begleitende Hintergrundmusik, sondern Musik, die bricht, die wie ein kichernder Kommentar wirkt, die die Absurdität der dargestellten rationalen Systeme, narrativen Konstruktionen und strengen Form noch deutlicher macht. Trotzdem ist es keine mechanische Musik, keine hässliche, kalte, böse Musik. Sie ergeht sich zwar schon mal in endlosen Wiederholungen, in Strukturen, bleibt aber immer leicht und spielerisch dabei. Da verbinden sich verschiedene Ebenen aus unterschiedlichen Tonhöhen, sie tanzen miteinander, reißen aus, vereinen sich wieder, Homophonie wird zu Polyphonie. Oder da ist eine klare Melodie, die sich durch das Stück zieht, getragen von dumpferen Akkorden. Manche Instrumente und Klänge können beim ersten Hören ein wenig unangenehm sein, die Form zu repetitiv, aber wenn man mehrmals und genau hinhört, dann merkt man, wie fein diese Stücke gestrickt sind. Und sie machen glücklich, sind also gar nicht so emotionslos. Besonders die Scores zu The Draughtsman’s Contract und Drowning by Numbers enthalten so wunderschön positive, elegant-leichte, obwohl komplexe, ungezügelte, obwohl streng komponierte, geradezu feiernde, jauchzende Stücke, die meine Stimmung wie keine andere Musik sofort heben und mich ganz beschwingt fühlen lassen, leicht und frei. Es ist Musik, die deutlich von Minimal Music beeinflusst ist, aber auch ganz deutlich Nymans Handschrift trägt. Es ist unverkennbare Musik. Selbst Philip Glass ist damit nicht vergleichbar.

Das ist also der ironisch-spielerische, manchmal aber durchaus auch tragische Michael Nyman. Daneben gibt es den sentimentalen Michael Nyman, der die schönste Musik für Melodramen schreiben kann, sogar mit Streicherlastigkeit und klassichem großem Orchester, wo er sonst Holzbläser bevorzugt und ihm ein Kammerorchester genügt, um sich auszudrücken. Diese Musik ist im Gegensatz zu der für Greenaway deutlich Emotionen steuernd – und wie! Manche dieser Stücke sind zwar zäh und fast altmodisch pathetisch. Nicht alles trifft bei mir ins Schwarze. Aber wenn, dann ruft seine Musik nicht nur eine Emotion auf einmal auf, sie spielt mehrere gleichzeitig an. Enttäuschung und Wut zugleich. Überschwängliche Freude und Sehnsucht. Leidenschaft und Schmerz. Hoffnung und Angst. Euphorie und Verzweiflung. Frieden und Ernüchterung. Und in ganz besonderen Stücken alles gemeinsam, wie in „The Heart Asks Pleasure First“. Das klingt ungenau, und es ist auch selten eindeutig, was Nyman im Zuschauer hervorrufen will, welche Gemütslage er evozieren will, dennoch ist es magischerweise immer auf den Punkt. Und so lässt er dem Hörer Freiheit. Seine Musik ist kraftvoll, aber sie ist nicht einfach, nicht vorhersehbar. Vieles davon erschließt sich erst nach mehrmaligem Hören, weswegen sie doch am besten abseits der Filme zur Geltung kommt, für sich allein, ohne dass etwas ablenkt, damit sich alle Feinheiten, alle sanften oder plötzlichen Stimmungswechsel und Intensivierungen entfalten können.

Ein paar Stücke stelle ich euch mal vor, chronologisch angeordnet:


„An Eye For Optical Theory“ ist ein perfektes Beispiel für Nymans Greenaway-Musik, es ist repetitiv, aber variantenreich, es ist ungewohnt instrumentiert, im ersten Moment vielleicht anstrengend und redundant, aber je öfter man es hört, desto genauer versteht man die einzelnen Stimmen, die sich hier gleichberechtigt umkreisen, sich in den Vordergrund drängen, dann wieder zurückstehen, miteinander tanzen quasi. Es ist ein Streitgespräch, eine Diskussion zwischen Akkorden, reinsten Ausdrücken. Es scheint gleich zu bleiben, verändert sich aber ständig. Es ist streng und trotzdem leicht, beschwingt und hat trotzdem eine tragische Note. Ich habe das Stück schon unzählige Male gehört und trotzdem wirkt es jedes Mal frisch. „Sheep and Tides“ ist ein Stück, das mich augenblicklich glücklicher macht. Es ist wesentlich klarer und übersichtlicher strukturiert, mit relativ einfacher, treibender Melodie und ¾-Takt, der daraus einen Sommerwalzer auf Schafswiese macht. Und dass es recht kurz ist, beweist, dass Nyman nur einen Moment braucht, um etwas Vollkommenes, Durchdringendes entstehen zu lassen.


„Fish Beach“ ist schon etwas anders. Wieder repetitiv, aber verträumter, sanft, schwingend. Es kommt nicht nur in Drowning by Numbers vor, sondern ist auch das Motiv der Liebenden in The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover und trägt besonders hier zu den friedlichen, zärtlichen Momenten zwischen den beiden schweigenden Verliebten bei. Der Film wäre ein anderer ohne dieses Stück. „Crematorium Conspiracy“ ist dann ein wunderbares Beispiel dafür, wie Nyman Motive variiert, hier eben das von „Fish Beach“, und etwas ganz anderes daraus macht, einen ganz anderen Ton anschlägt, ohne die Kraft der Melodie zu verlieren.


Und hier sind auch schon die beiden Stücke, die mich emotional am meisten treffen. Etwas aus The Piano, Nymans wahrscheinlich bekanntestem Score, darf natürlich nicht fehlen. Nachdem ich wohl nichts öfter gehört habe als die Klaviermelodie von „The Promise“, fällt mir kaum noch etwas dazu zu sagen ein, nur wieder, dass es alle Gefühle zu beinhalten scheint, die ich haben kann. Es ist das absolute Stück Musik. „The Other Side“ ist vergleichsweise konventionell, verursacht aber immer wieder eine ungeheure Traurigkeit und Sehnsucht in mir – vor allem auch deswegen, weil es die schönste, berührendste Szene in Gattaca begleitet und damit den gesamten Film beinhaltet, der wiederum für mich für ein bestimmtes Prinzip steht, für Aussichtslosigkeit und Sehnsucht. Dieses Stück zieht einen Rattenschwanz an Assoziationen und Emotionen hinter sich her.


„Diary of Hate“ ist schließlich einfach großes Melodram, ganz fein, aber trotzdem intensiv. Ich finde, man spürt den titelgebenden Hass sehr gut, Vorwürfe, aber auch, dass es ein von Schmerz getragener Hass ist. „History of the Insipid“ zuletzt ist vor allem Beweis dafür, dass Nyman auch mit ganz sanften, geradlinigen Tönen arbeiten kann, eine einsame wunderschöne Melodie schreiben kann.

Michael Nymans Musik kann wirklich sehr gut für sich selbst stehen, sie wird aber auch angereichert durch die Erfahrung des Films, für den sie geschrieben wurde, und sie macht vor allem jeden Film besonders. Manchmal hat die Musik gar mehr Charakter und Größe als der Film selbst (The End of the Affair ist ein gutes Beispiel). Die Musik kann einen Film nicht retten, aber sie kann ihm einen Ton, ein Gefühl verleihen, der ihn wachsen lässt. Michael Nymans Musik ist Aussage- oder Emotionsmusik, eher selten Atmosphärenmusik, finde ich. Atmosphäre zu evozieren ist nicht schwer, das hat die Filmmusik über die Jahrzehnte perfektioniert, aber so fein wie Michael Nyman kann kaum ein anderer auf meiner Gefühlsklaviatur spielen. Dadurch ist natürlich nicht unbedingt gesagt, dass diese Musik bei jedem so intensiv wirkt, dass sich jeder auf die gleiche Weise von ihr angesprochen fühlt. Denn ich habe schon das Gefühl, dass ich eine besondere Verbindung dazu habe, die möglicherweise nicht so leicht nachvollziehbar ist. Michael Nymans Musik spielt mit mir, sie macht mich glücklich oder traurig. Es ist Musik, die immer und immer schöner wird, immer mehr Tiefe erhält, je öfter ich sie höre, die ganz rein und klar wirkt, aber die ganz großen Emotionen anschlägt.

Monatsrückblick 11/2013

Der Plan war, dieses Jahr keine neuen Projekte oder Serien mehr zu beginnen, dafür ein bisschen die Watchlist zu reduzieren und auch am Wiedersehensfreudeprojekt zu arbeiten. Das ging ganz gut. Vielleicht habe ich einfach das Bedürfnis nach wieder etwas mehr Vielfalt. Davor habe ich aber noch mal Carnivàle gesehen, was sich glücklicherweise als meine Vize-Lieblingsserie bestätigte, und meine Greenaway-Werkschau beendet, die ja eigentlich schon seit eineinhalb Jahren läuft. Insgesamt 20 Filme habe ich nun von ihm gesehen. Das sind längst nicht alle, aber die entscheidenden sind darunter und die vielen (dokumentarischen) Kurzfilme werden mir auch nicht großartig neue Eindrücke vermitteln. Daneben habe ich drei Bücher über ihn gelesen. Es fehlt also nur noch, die vielen Eindrücke, Erkenntnisse und Zitate in geordnete Schriftform zu bringen. Ein Beitrag wird da nicht reichen. Aber auch wenn ich wirklich sehr gerne viel über diesen besonderen Regisseur, der zu wenig Aufmerksamkeit erhält, schreiben möchte, habe ich vor der Arbeit etwas Angst. Und dann ist da die Frage, wofür ich es eigentlich tun soll. Mein Wissen zu konservieren ist mir schon Grund genug. Dennoch ist die Aussicht, dass man vermutlich der einzige Leser der eigenen Artikel sein wird, nicht unbedingt motivierend.

  • gesehene Filme: 18
  • im Kino: 2
  • Erstsichtungen: 16
  • Serienstaffeln: 3

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Am besten gefallen haben mir:

Enttäuscht haben mich:

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Gefreut habe ich mich über:

  • Carnivàle und dass es mich trotz dem Serienvergleich, den ich nun anstellen kann, abermals so überzeugt hat. Dennoch bin ich wieder traurig, dass ich nie erfahren werde, wie es weitergeht mit Ben Hawkins und Sofie.
  • Lady Edith Crawley.
  • Michael Nyman: Irgendwann muss ich ja doch mal etwas über ihn schreiben und dazu brauche ich die ultimative Playlist. Also höre ich und höre ich.
  • Holly Hunter, Anna Paquin und dass die Academy manchmal doch (in meinen Augen) richtige Entscheidungen trifft.
  • The Circus mit Live-Orchester. Live-Orchester ist das bessere 3D.
  • Peter Greenaways Genie in Sachen (farbige) Lichtsetzung.
  • einen neuen Film in meiner Jahresfavoritenliste.
  • wunderschönen anachronistischen Expressionismus.
  • eine Judi Dench, die zwischen staunender Kindlichkeit und Altersweisheit balanciert.
  • faszinierende Geschichten um komplizierte Beziehungen zwischen Frauen.
  • dass das verschriene deutsche Kino auch ganz eigenartige und positive Filme hervorbringen kann. Dieses Jahr vor allem: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht und Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel.
  • die Quantität (und Qualität) der gesehenen Filme insgesamt.

Sonstige Filme im November und eine Serie

  • Jack the Giant Slayer (Jack and the Giants – Bryan Singer, 2013): Ein holpriger, einfallsloser Film ohne wirkliche Charaktere, der auch keine fantastische, geschweige denn märchenhafte Stimmung aufkommen lässt. Ich bin sehr enttäuscht von Bryan Singer.
  • Attenberg (Athina Rachel Tsangari, 2010): Trostloses Griechenland, ein sterbender Vater, sexuelle Verwirrung und seltsame Tänze. Kühl und distanziert. Die Protagonistin fand ich irgendwie interessant, ansonsten hat es mich, na ja, kaltgelassen.

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  • The Tulse Luper Suitcases, Part 1: The Moab Story / The Tulse Luper Suitcases, Part 2: Vaux to the Sea / The Tulse Luper Suitcases, Part 3: From Sark to the Finish (Peter Greenaway, 2003/2004/2004): Ein transmediales Projekt, das für mehrere Spielfilme, ein Onlinespiel, eine Serie, Bücher, mehrere CD-Roms und eine Ausstellung mit Lupers 92 Koffern konzipiert war, wobei nicht alles davon umgesetzt wurde. Wie soll man das beschreiben? Greenaways Idiosynkrasien auf eine ganze Lebensgeschichte angewandt, die eines Künstlers, Sammlers, Katalogisierers, von Tulse Luper, Greenaways Alter Ego. Bilder über Bilder, Narration über Narration. Der Film repräsentiert vielleicht ganz gut, wo Greenaway als Filmemacher, Künstler heute steht, ist vor allem zuerst unterhaltsam, irgendwann aber überfordernd, redundant und bietet nicht besonders viel künstlerischen Mehrwert zu seinen anderen Filmen.
  • The Piano (Das Piano – Jane Campion, 1993): Was mich bei dieser (vierten? fünften?) Sichtung besonders beeindruckt hat, ist die Klarheit des Films, in seiner Figurenzeichnung (in Bezug auf Aussehen und Charakter), in seinen Symbolen (Urwald, Schlamm, Korsett, das Piano, Tasten und Finger) und in seinen Dichotomien: Wildnis und Zivilisation, das Weibliche und das Männliche, der edle Wilde und der gewalttätige Patriarch, Liebe und Gewalt, Mutter und Tochter. Mittendrin ein schwarzer Schwan, der durch den Schlamm torkelt (eine der großen Ikonen des Kinos für mich) und meine liebste, da so komplexe und wahrhaftige Kinderrolle, gespielt von einer umwerfend authentischen Anna Paquin, die die Fantasie, das Spiel, die Anhänglichkeit und das frühe Verständnis, aber auch den Egoismus und damit Grausamkeit und die Kurzsichtigkeit des Kindes darstellt. Es ist ein Film wie nach einem viktorianischen Roman, aber mit doch ganz singulären, entsättigten, trotzdem aussdrucksstarken Bildern, der die Zärtlichkeit und Verletzlichkeit des menschlichen Fleisches und die Macht der (stillen) Leidenschaft porträtiert – auch durch Michael Nymans sagenhaft schöne Musik.
  • The Circus (Der Zirkus – Charles Chaplin, 1928): Ein sehr lustiger Film von Chaplin, bis oben gefüllt mit gelungenen Gags, dafür aber leider mit wesentlich weniger emotionaler Tiefe und gesellschaftlichem Belang wie seine besten Filme. Da wird einem aber immerhin bewusst, das Chaplin doch so viel mehr war als ein Clown.

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  • Nightwatching / Rembrandt’s J’Accuse…! (Peter Greenaway, 2007/2008): Ein Spielfilm und eine Doku über die Entstehung und Bedeutung von Rembrandts Gemälde Die Nachtwache, die man auch beide sehen sollte, um sich überhaupt zurechtzufinden, denn natürlich ist Greenaway beim Spielfilm wieder nicht an deutlich erklärender Dramaturgie interessiert, auch nicht an Psychologisierung und Emotionalisierung, obwohl sich Martin Freeman als Rembrandt Mühe gibt, menschlich zu erscheinen. Eigentlich weiß ich gar nicht, woran Greenaway hier überhaupt genau interessiert ist. Die Doku weist darauf hin, dass er das Erzählen in und Lesen von Bildern für vernachlässigt hält und bietet schon eine faszinierende, detailgenaue Lesart des Gemäldes und beweist, dass es sich lohnt, genau hinzusehen und zu recherchieren. Der Spielfilm lässt die Kraft von Momentaufnahmen erahnen, bietet bis auf visuelle Nachahmung von Rembrandts Ästhetik, was traumhaft ausgeleuchtete Anordnungen auf Bühnen ergibt, aber leider nicht viel Reizvolles. Seine späteren Filme scheinen schon ein bisschen das Besondere verloren zu haben.
  • Akira (Katsuhiro Ohtomo, 1988): Der legendäre Anime hat visuell und inhaltlich tatsächlich einiges zu bieten, erinnert an Blade Runner und Watchmen, nimmt die Zerstörungsorgien des zeitgenössischen Actionkinos vorweg und reflektiert die Atombombe. Geschichten, in denen Figuren ungeheure Macht haben und lernen müssen, damit umzugehen, faszinieren mich ja schon sehr.

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  • Dupa dealuri (Jenseits der Hügel – Cristian Mungiu, 2012): Zwei ungesunde Besessenheiten, die nicht mal versuchen, einander zu verstehen und sich so nur hochschaukeln. Sehr langatmig, dafür aber meisterhaft nachvollziehbar erzählt. Verurteilt werden auch weniger einzelne Personen (bis auf den Priester vielleicht), da sie sich ja eigentlich nur nach Frieden im Leben sehnen, als das Prinzip der orthodoxen Kirche an sich, die zum Schluss auch auf befriedigende Weise mit der modernen Welt kollidiert.
  • The End of the Affair (Das Ende einer Affäre – Neil Jordan, 1999): Was kann bei DEN Beteiligten eigentlich schief gehen? Leider fast alles. Das versprochene große Melodram ist zunächst völlig unsinnlich, fast aseptisch und verläuft sich dann in einem sentimentalen Gottesbeweis. Man spürt Graham Greene schon hindurch, aber die eigentlich interessante Geschichte wird leider sehr banal erzählt. Einzig Michael Nymans Musik hat ganz, ganz große Momente.
  • The Iceman (Ariel Vromen, 2012): Diesen stets mit aggressiver Energie aufgeladenen Michael Shannon sehe ich mir zwar wahnsinnig gerne an, der Film an sich funktioniert aber weder als Charakterstudie noch als Mafiathriller, weil er seine Konflikte oberflächlich hält und wenig packend erzählt. Schade irgendwie, die 70er-Jahre-Optik hat was.

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  • The Sound of Insects: Record of a Mummy (Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie – Peter Liechti, 2009): Das (mehr oder weniger?) reale Sterbetagebuch von einem, der auszog, sich zu Tode zu hungern, einsam unter einer Plane im Wald, die Gründe ungewiss. Der Film ist durch das monotone, pragmatische, aber auch einsichtsvoll poetische Voice-over hochgradig absorbierend, die vielfältigen, sich aber oft wiederholenden, assoziativ gestalteten Bilder erschaffen zusätzlich eine weltfremde Stimmung, ebenso wie die teils natürliche, teils abstrakte Klangwolke. Der Film vermittelt ein ganz durchdringendes, beklemmendes, fremdes Gefühl, man driftet mit dem Sterbenden in eine andere Welt, ohne dass dabei der Akt des Selbstmords beschönigt wird. Dieser lange, schmerzhafte Tod, der einem Kampf gegen das Leben gleicht, macht vielmehr froh, etwas zu haben, wofür es sich im Gegenteil lohnt, gegen den Tod zu kämpfen.
  • The Best Exotic Marigold Hotel (The Best Exotic Marigold Hotel – John Madden, 2011): Ein überraschend nuancierter Film in der Darstellung seiner Hauptpersonen, der zwar eher als Wohlfühlfilm denn Sozialdrama angelegt ist, sich aber selbst beim Porträt der indischen Gesellschaft um Problembewusstsein statt nur Exotismus bemüht (auch wenn es nicht ganz gelingt). Judi Dench und ihre Kollegen erschaffen ganz herzerwärmende, entzückende persönliche Momente. Nur das Ende ist viel zu süßlich.
  • Mildred Pierce (Solange ein Herz schlägt – Michael Curtiz, 1945): Nach der Miniserie mit Kate Winslet hat mich natürlich interessiert, wie der Stoff damals im Klassiker umgesetzt wurde. Tatsächlich ist die Geschichte hier ein wenig anders, natürlich auch zugespitzter und komprimierter. Mir gefielen beide Versionen auf ihre Weise eigentlich gleich gut, und so wurde noch deutlicher, was für eine großartige Geschichte das ist, mit einer fantastischen, eigenwilligen weiblichen Hauptfigur (von Joan Crawford ebenso überzeugend gespielt) und komplizierten, vielschichtigen Beziehungen, besonders die zwischen Mutter und Tochter, die extrem ist, aber (zumindest für mich) glaubwürdig. Es ist ein Band wie kein anderes. Und die Männer kommen hier erfrischend schlecht weg.
  • The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers – Charles Laughton, 1955): Ein Film wie ein Märchen, in dem zwei tapfere Kinder gegen das Böse, das sich als Gutes verkleidet, antreten müssen. Auch durch die künstliche Darstellung, durch die Bühnenhaftigkeit selbst der Außenszenen und durch die klaren Schatten erhält der Film einen exemplarischen Charakter. Am Anfang fand ich ihn etwas holprig geschnitten, aber das trägt eigentlich nur zur verschobenen Atmosphäre bei. Und Robert Mitchum und sein Böses ist wie eine Urgewalt, ein schwarzes Etwas, das die heile Welt der Kinder zu verschlingen droht. Ich glaube aber, ich muss ihn noch mal sehen, um ihn wirklich würdigen zu können.

KohlhaasoderdieVerhältnismäßigkeitderMittel

  • Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Aron Lehmann, 2012): Ein beglückender Film über eine Filmproduktion mit Geldmangel, aber Fantasieüberschuss – ja, ein deutscher Film über die Kraft der Fantasie, die auch das Scheitern überlebt, das Sterben des Traums und Willkür von Obrigkeiten (ein Seitenhieb auf Filmförderpolitik). Am Anfang ist die Vorstellungkraft, dann kommt der Film. Es braucht auch nicht immer die konkrete Abbildung, Zeichen – Ikonen, Indizes, Symbole – können genügen. Film ist mehr als das, was er darstellt. Robert Gwisdek (von dem ich schon seit Grüne Wüste Fan bin) ist wundervoll als idealistischer Filmemacher, als Träumer unter Kleingeistern, als Don Quijote. „Wenn dus fühlst, ist es nicht lächerlich.“ Dem Film selbst gelingt auch tatsächlich die Gratwanderung, finde ich, das Lustige in der absurden deutschen Provinz zu finden, ohne sie preiszugeben und lächerlich zu machen.
  • Downton Abbey – Staffel 4 (Julian Fellowes, 2013): Auf der einen Seite hat die Serie mittlerweile fast Soap-Niveau erreicht, da kaum noch andere als zwischenmenschliche Konflikte im Mittelpunkt stehen, wirkt sehr weichgekocht und auch durch die kurzen, abgehackten Szenen, die fast willkürlich aneinandergeschnitten sind, amateurhaft. Auf der anderen Seite verströmt sie immer noch eine so heimelige Atmosphäre und hat durch Edith, Anna/Bates und Rose sogar einige interessante und epochengemäße Plotelemente. Besonders Edith stellt sich wieder als kluge, der Realität ins Auge sehende und Phrasen durchschauende charakterstarke Person heraus. Mary wird hingegen leider verschenkt. Die Serie muss jedenfalls dringend wieder den Blick weiten, sich nicht nur auf Liebeleien und die neuen wirtschaftlichen Herausforderungen konzentrieren. Es braucht einen wirklichen Konflikt.

Monatsrückblick 09/2013

Der September war ein schöner, zwar übersichtlicher, aber sehr vielfältiger Filmmonat. Besonders, aber leider nicht rundherum zufriedenstellend war die Tarkowskij-Werkschau. Ein weiterer Regisseur in meiner Sammlung, dessen Welt ich nun kenne und verstehe. Daneben habe ich einige überzeugende aktuellere Filme gesehen – auf die ich allein durch Kritiken aufmerksam wurde. Im zeitgenössischen Kino gibt es so viele kaum beachtete frische, kluge Filme. Man MUSS Kritiken lesen, um sie zu finden (oder mein Blog ;)). Und dann habe ich mit einer weiteren gefeierten Serie begonnen: Breaking Bad. Noch kann sie nicht mit meinen anderen Lieblingsserien mithalten, aber das kann ja noch kommen. Außerdem bin ich mir nun sicher, dass ich danach meine dritte Runde Six Feet Under starten werde. Da ich mittlerweile viel mehr qualitativ sehr hochwertige Serien kenne, interessiert mich brennend, wie sie sich im Vergleich schlägt.

  • gesehene Filme: 16
  • im Kino: 3
  • Erstsichtungen: 14
  • Serienstaffeln: 3

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Am besten gefallen haben mir:

Enttäuscht haben mich:

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Filmmenschen des Monats:

  • Schauspieler_innen: Aylin Tezel, Bryan Cranston, Alexander Kaidanowskij, Margarita Terechowa, James Nesbitt, Nicole Kidman
  • Regisseure: Andrej Tarkowskij, Peter Greenaway
  • Kameramenschen: Alexander Knjaschinskij, Wadim Jussow, Georgij Rerberg, Inti Briones
  • Musiker: Michael Nyman (nicht in einem speziellen Film, aber sehr viel bei Spotify), Philip Glass, Eduard Artemjew
  • Die Ausstatter_innen von Darwin

Monatsrückblick 08/2013

Ich weiß nicht, ob das vielleicht doch ein zu film- und kinoreicher Juli war, jedenfalls hatte ich im August weniger Lust auf beides. Dafür habe ich Serien geschaut, The Wire zu Ende, zwei Miniserien, und alle „meine“ aktuellen Serien auf den neuesten Stand gebracht. Vielleicht fange ich dann mit Breaking Bad an.

  • gesehene Filme: 10
  • im Kino: 1
  • Erstsichtungen: 8
  • Serienstaffeln: 6

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Am besten gefallen haben mir:

  • The Wire !!!
  • Lore (Cate Shortland, 2012)
  • Spring Breakers (Harmony Korine, 2012): Den Rummel darum halte ich für gerechtfertigt. Es ist mit Sicherheit einer der wichtigsten, reflektiertesten, am interesstesten inszenierten Filme von 2012.
  • Prospero’s Books (Prosperos Bücher – Peter Greenaway, 1991): Auch wenn er es einem schwer macht, es gibt nichts Vergleichbares!
  • Shotgun Stories (Jeff Nichols, 2007)
  • Mildred Pierce (James M. Cain / Todd Haynes / Jonathan Raymond, 2011)
  • Southcliffe (Tony Grisoni, 2013)
  • The Lone Ranger (Lone Ranger – Gore Verbinski, 2013)
  • Oh Boy (Jan Ole Gerster, 2012)
  • The Baby of Mâcon (Das Wunder von Macon – Peter Greenaway, 1993)
  • The Pillow Book (Die Bettlektüre – Peter Greenaway, 1996)

Enttäuscht haben mich:

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Filmmenschen des Monats:

  • Schauspieler_innen: Kate Winslet, Saskia Rosendahl, Kai Malina, John Gielguds Stimme, James Franco (seine Gangster-Karikatur ist wirklich super), Michael Shannon, Armie Hammer und der gesamte Cast von The Wire
  • Regisseur_innen: das höchste Niveau hatten natürlich Peter Greenaway und Harmony Korine, aber auch Cate Shortland, Sean Durkin und Jeff Nichols
  • Kameramenschen: Adam Arkapaw, Benoît Debie, Sacha Vierny, Philipp Kirsamer, Mátyás Erdély
  • Musiker: Michael Nyman, Max Richter, Cliff Martinez

Monatsrückblick 01/2013

Es tut mir leid, dass ich so wenig gebloggt habe im Januar. Ich habe eine Weile gebraucht, um in dieses Jahr generell und auch ins Filmjahr reinzufinden. Aber jetzt habe ich mich wieder eingerichtet und es läuft wie am Schnürchen. Mit den Greenaway- und Hitchcock-Werkschauen habe ich auch schon begonnen.

  • gesehene Filme: 20
  • im Kino: 6
  • Erstsichtungen: 12

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Am besten gefallen haben mir:

  • Fa yeung nin wa (In the Mood for Love – Wong Kar-Wai, 2000)
  • 2046 (Wong Kar-Wai, 2004)
  • The Draughtsman’s Contract (Der Kontrakt des Zeichners – Peter Greenaway, 1982): Ein Film, der sich erst richtig entfaltet, wenn man seine Deutungen liest und Greenaways generelles Anliegen kennt. Dann aber ist es tatsächlich etwas vom Klügsten, was es so gibt in Filmform – und macht wahnsinnig Spaß, besonders auch durch Michael Nymans fantastische Musik.
  • Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922): Mit Livemusikbegleitung, immer wieder schön, kann ich nur empfehlen. Aber obwohl einige im Publikum diese alte Darstellung Draculas wohl lächerlich fanden, kann man immer noch dieses Grauen spüren, das der Film vermittelt – wenn man sich darauf einlässt. Er ist und bleibt meisterlich, auch nach mehrmaligem Sehen. Und ich liebe dieses Bild der Schattenhand, die das Herz (oder die Seele?) ergreift.
  • Frankenweenie (Tim Burton, 2012)
  • Punch-Drunk Love (Paul Thomas Anderson, 2002): Es gibt Liebesfilme, die selbst mich völlig dahinschmelzen lassen – so wie dieser. Und das mit einem absolut perfekten Adam Sandler, was für ein Kunststück! Die Feindseligkeit von Barrys Umfeld bedrängt geradezu nervenzerrend. Doch dann kommt eine hübsche Lena und macht alles gut. Hach …
  • The Searchers (Der schwarze Falke – John Ford, 1956): Die Worte eines Kulturwissenschaftlers ließen mich dieses zwiespältige Werk tatsächlich ein wenig bewundern. Selbst John Wayne (den ich sonst verabscheue) erschien mir zum ersten Mal sehr angemessen in seiner Art. Und die herrlichen Türeinstellungen waren auf der „großen“ Leinwand für mich Binnenkadrierungsfan natürlich genial.
  • Cesare deve morire (Cäsar muss sterben – Paolo Taviani / Vittorio Taviani, 2012): Einer der interessantesten Shakespeare-Filme, die ich bisher gesehen habe. Die verschiedenen Örtlichkeiten des Gefängnisses werden ganz toll in Schwarz-Weiß-Bildern instrumentalisiert und geben durch den Wirklichkeitsbezug eine gewisse Bedeutung. Die Häftlinge spielen um ihr Leben, weil sie sonst nichts haben. Außerdem gibt Italienisch den Sätzen Shakespeares eine wundervolle Dramatik.
  • Like Crazy (Drake Doremus, 2011): Ein elliptischer, vergleichsweise realitätsnaher Liebesfilm, der mir sehr viel besser gefallen hat als z.B. Blue Valentine, der mir überspitzt und unglaubwürdig erschien (jetzt ist es raus). Hier hingegen tut die Entfremdung tatsächlich weh.
  • Die Vermissten (Jan Speckenbach, 2012): In seiner Geschichte und Aufmachung ein ganz typischer deutscher Film, beachtenswert ist jedoch, wie die Apokalypse am Protagonisten und am Zuschauer vorbeischleicht und dabei in ihrer Unerklärbarkeit überzeugend bleibt, und André Hennicke, der nach jedem weiteren Film nur vielseitiger und großartiger erscheint.
  • The Door (Hinter der Tür – István Szabó, 2012): Ein Film über eine komplizierte Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Frauen, den ich zwar an sich nicht sehr herausragend fand, wenn auch in seinem Hang zur punktuellen Überspitzung schön gefilmt, aber das Zusammentreffen zweier so großartiger europäischer Charakterköpfe wie Martina Gedeck und Helen Mirren ist fantastisch und so spannend zu beobachten!

TheSearchers

Kaum zu ertragen war:

  • Snowtown (Justin Kurzel, 2011): Ein Film, der ganz tief hineinzieht in eine Welt aus Missbrauch, Folter, Mord, aus der es kein Entrinnen gibt. Ein grausamer, furchterregender Mensch, der mit völliger Selbstgewissheit zum Morden erzieht. Erschütternd.

Mehr Mut hätte ich mir gewünscht von:

  • Silver Linings Playbook (Silver Linings – David O. Russell, 2012): Er bleibt in seiner Struktur halt doch eine simple romantische Komödie und damit ein Wohlfühlfilm, auch wenn die energische Darstellung von Pats Krankheit dagegen angeht. Die Liebesgeschichte und dieser dämliche Tanzwettbewerb erschienen mir arg erzwungen und das Ende ist wie ein hübsches, aber bestenfalls schützendes, nicht heilendes Pflaster auf der Wunde. Als ob so alle Probleme gelöst wären! Bradley Cooper erschafft tatsächlich einen Charakter, bleibt aber trotzdem flach. Nur Jennifer Lawrence ist eine Wucht. Was für ein Glück, dass es sie gibt!
  • Lincoln (Steven Spielberg, 2012): Wie froh ich war, eigentlich einen Politfilm zu sehen im Mantel des Historienfilms (und vor allem kein Biopic), der die Mühen und Kleinteiligkeit zeigt, die zu dieser historischen Umwälzung führten, der auch die moralisch fragwürdigen Schachzüge und die Müdigkeit dieser amerikanischen Ikone nicht außen vor lässt. Leider erzählt Spielberg das jedoch, zwar nur ab und zu pathetisch, aber in langweilig makellosen Bildern, so langatmig und routiniert, dass es mir ungeheuer rückständig erscheint.

Serie:

  • Cranford (Sue Birtwistle / Susie Conklin, 2007/2009): Von einer BBC-Miniserie mit Judi Dench und Imelda Staunton nach einer Vorlage von Elizabeth Gaskell (von der auch North & South stammt) hatte ich mir doch ein wenig mehr versprochen. Das spätere, zweiteilige Christmas Special macht zwar einiges wett, aber es bleibt, trotz einiger sozialkritischer Nebenhandlungen, prinzipiell eine Kuppel-Show und Geschichte verpasster Chancen, noch dazu sehr betulich erzählt. Judi Dench ist mit ihrer überraschend naiv-sehnsüchtigen Art aber das unbedingte Highlight!

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Fazit: Was mich beeindruckt hat, lasse ich jetzt mal aus, das ist, glaube ich, recht gut herauszulesen (Sparky!). Jedenfalls habe ich viele Lieblingsfilme gesehen, viele Meisterwerke, die mich größtenteils immer noch sehr beeindruckten – was ganz toll ist, aber ich habe jetzt doch wieder ein bisschen mehr Hunger auf Neues. Außerdem war ich oft im Kino (übrigens nur in einem Film, der nicht in Originalsprache war), was ich wohl meinem Geldbeutel zuliebe leider so nicht weiterführen kann.