Miniserie

North and South (Elizabeth Gaskell, 1855) und North & South (Sandy Welch, 2004)

Es ist so lange her, dass ich mir gar nicht erinnern kann, wann mich zuletzt ein Buch sowohl rational als auch emotional so sehr in seinen Bann zog wie Elizabeth Gaskells North and South. Ich MUSS euch davon erzählen!

Es vereint den sozialkritischen Sprengstoff Charles Dickens’ und die einnehmende, komplizierte Romantik Jane Austens, aber wahrhaftiger und tiefer. Es ist eine traurige, wütende, sozialkritische, wenn nicht gar sozialistische Liebesgeschichte, ein Culture-Clash-Drama, in dem wie üblich gegenseitige Annäherung die Lösung darstellt, doch prallen hier nicht nur Lebensgewohnheiten aufeinander, sondern moralische Einstellungen, ökonomische Paradigmen und sogar Zeitalter. Und bis zum Ende gelang es dem Roman, mich mit seiner Radikalität der Ideen zu überraschen – wenn man bedenkt, dass er 1855 entstand. Gaskell beschreibt diverse Herrschaftssysteme und die durchaus lebensbedrohlichen Folgen eines (trotzdem nötigen?) Aufbegehrens dagegen: die anglikanische Kirche, das Militär, der kapitalistische Industriebetrieb, aber auch die unnachgiebige Gewerkschaft. Sie klagt allumfassend empathielose, intolerante, Macht missbrauchende, abstrakte Doktrinen an, die menschliche Bedürfnisvielfalt und das Wohl des Einzelnen missachten – in allen Kreisen und Gesellschaftsschichten.

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Gaskell bezieht in eine kleine Liebesgeschichte die Umwälzungen eines ganzen Landes mit ein und Gedanken, die heute noch gültig sind. Allein die Konflikte, die Arbeitsmärkte bieten, scheinen sich in über 150 Jahren kaum verändert zu haben. Es ist immer noch ein Abwägen zwischen Armut oder der Unterstützung eines ausbeutenden, ungerechten Systems. Aber sogar noch darüber hinaus geht es um grundsätzliche Lebenseinstellungen, um Ansprüche an das Dasein und Formen von Erfolg. Heutzutage ist ja kaum vorstellbar, wie gewollt ereignislos man noch im 19. Jahrhundert lebte – zumindest der gemütlichere, noch landwirtschaftlich geprägte Süden. Da war kein Streben nach generellen Verbesserungen und Fortschritt des persönlichen Lebens. Margaret richtet sich in ihrem Leben wie in einem Zustand ein, statt eine Aneinanderreihung so vieler Erlebnisse und Erfahrungen wie möglich anzustreben. Vergönnt ist ihr diese Ruhe schließlich nicht, aber allein ihre Erwartung vom Leben spricht von einer Haltung, die heutzutage undenkbar wäre: Zufriedenheit mit Monotonie und Ereignislosigkeit (mit Abstrichen). Denn irgendwann siegte wohl die Einstellung des industrialisierten Nordens mit seinem Optimierungsdrang und der Gewinnmaximierung.

Doch wie in allem richtet Gaskell nicht über diese gegensätzlichen Vorstellungen. Sie lässt stets alle Parteien und vor allem Perspektiven zu Wort kommen und ihre Argumente so vortragen, dass man nicht anders kann, als zu verstehen. Jeder hat hier seine Gründe und jeder kommt in intelligenten, geschliffenen Dialogen zu Wort: nicht nur die reichen Londoner, auch die willensstarke Arbeiterklasse, und in jedem Personenkreis ist Mut, Intelligenz, Güte, aber auch Einfältigkeit und Ignoranz zu finden (allein diese Diversität ist schon erstaunlich). Selbst zum Schluss, nach dem Happy End, das so hart und schwer verdient wurde (die vielen Tode hallen noch lange nach und lassen auf Wesentliches konzentrieren), ist die Welt von North and South eine komplexe und voller Kompromisse. Die große Lehre ist eine der Annäherung und Toleranz – dass zumindest der Versuch gewagt werden sollte, zu verstehen, die Perspektive zu wechseln, auch wenn das Gegenüber ideell in noch so weit entfernten Sphären zu leben scheint.

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Und das, obwohl auch deutlich wird, wie schwierig Kommunikation im viktorianischen England war, nicht nur durch mangelnde Medien, auch durch gesellschaftliche Regeln und Erwartungen, die veranlassen, stets höflich, bedacht, vorsichtig und eher indirekt zu sprechen und generell selten über die grundlegenden Gedanken und Gefühle. Und wenn, dann knapp und konzentriert, sodass in einer kurzen Rede alles enthalten sein muss, wodurch Missverständnisse entstehen und das Bangen darüber, was mit den Worten gemeint war. Und so ist auch der Gefühlsaufruhr nachvollziehbar, der das designierte Paar Kapitel um Kapitel umtreibt ohne geäußert werden zu können. Gaskell gelingt es zudem sehr gut, diese Gefühle und die umtreibenden, wie besessenen Gedanken während des Verliebtseins zu schildern. Ihr Realismus ist lebendig und konzentriert sich weniger auf das Objektive (und wenn, dann um die Atmosphäre, Stimmungen, Lebensgefühle zu illustrieren), sondern auf Gedanken und Gefühle, auf das realistische Denken und Handeln der Charaktere, auf schwere Entscheidungen und Konsequenzen und die Aussagekraft auch unbedachten Tuns.

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Thornton verliebt sich so nicht etwa in Margarets Schönheit und Anstand, sondern erst in dem Moment, in dem sie über sich hinauswächst, ihren Mut und ihre Mitmenschlichkeit beweist und seinen Horizont erweitert. Und wer kann es ihm verdenken, wenn Gaskell den Nachmittag des Aufruhrs mit solcher Wucht und Bildhaftigkeit beschreibt? Und Margaret wiederum fühlt sich ihm erst durch seine Güte und Einsicht nah. Und selbst eine Heirat macht hier auf einer menschlichen Ebene so viel mehr Sinn als in anderen Romanen der Zeit. Eine Hochzeit ist hier nicht die Lösung, nicht eine rein wirtschaftliche Notwendigkeit (wobei dieser Umstand natürlich tragisch wäre), sondern vor allem eine Erleichterung und Verbesserung eines ereignislosen Lebens, das durch einen unterstützenden Partner, dem man sich anvertrauen kann, der aber auch herausfordert, schöner wird.

Und wie sehr ich deswegen für die beiden bangte (obwohl ich doch wusste, wie es ausgeht). Von allen viktorianischen Liebespaaren, die ich bisher kenne, sind mir Margaret und Thornton das liebste und schönste und gehaltvollste, weil man weiß, dass sie sich nicht nur gegenseitig besser machen, sondern auch die Welt um sie herum ein ganz klein wenig. Sie tragen das Potenzial zu einer gesellschaftlichen Revolution in sich. Und damit ist North and South ein Roman, der mich auf allen denkbaren Ebenen begeisterte, dessen konzentrierten Stil ich schätzte, dessen Figuren ich verstand und zu mögen lernte, dessen Ideen ich mit vollem Herzen und Verstand unterstütze. Es ist ein wichtiger Roman und mir ist schleierhaft, warum er im Kanon weit zurücksteht hinter denen der Brontës oder Jane Austens, wo er doch so viel mehr zu sagen hat – und eine sanfte, starke, selbstbestimmte Heldin, die auch ihren Mann zu retten weiß statt umgekehrt!

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Und die BBC-Verfilmung in vier Folgen steht dem Roman im Vorbildcharakter tatsächlich in nichts nach. Sie kürzt und konzentriert an den nötigen Stellen, verändert so, dass eine eigene Logik entsteht und verschreibt sich dennoch ganz den Aussagen des Romans. Schon beim ersten Sehen war ich ja vollkommen eingenommen und mit dem neuen Hintergrund gewann die Serie sogar noch mehr. Es sind nur zwei Kleinigkeiten, die mich ein wenig störten: Die etwas gehetzte letzte Folge (dann besser noch eine anhängen) und dass Mr. Hales Motive, seinen Pfarrberuf niederzulegen, konkretisiert und etwas banalisisert werden, wo sie im Buch eher abstrakt und damit allumfassender bleiben. Doch davon abgesehen transportiert auch die Serie ein glaubwürdiges Epochenbild, komplexe Einstellungen, Tragik und Sehnsucht und einen wütenden, aufrührerischen Geist und hat noch dazu mit Richard Armitage einen Thornton gefunden, der mit seinem strengen Blick und der aristokratischen Nase die Knie weich werden lässt, auch wenn man seinem Schauspiel eine arge Anstrengung anmerkt. Darüber trägt die majestätische, tragische Musik aber hinweg, deren einprägsame, kurze Melodie, von verschiedenen Instrumenten gespielt, hoffentlich noch lang bei mir bleibt, um mich an diese beiden große Werke über Humanität zu erinnern und daran, dass nur Empathie die Welt retten kann.

Drei Serien

Mir ist gerade, als könnte ich ein Leben lang nichts anderes sehen als kurze BBC-Kriminalserien. Bevorzugt mit Protagonistinnen, die stark und durchsetzungsfähig sind und trotzdem genug Empathie und Selbstgewissheit haben, um auch mal Rotz und Wasser zu heulen. Und gerade The Fall und The Honourable Woman sind vorbildlich darin, einflussreiche und mächtige Positionen mit Frauen zu besetzen. Es ist geradezu eine Wohltat.

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  • The Fall – Staffel 2 (Allan Cubitt, 2014):
    The Fall entwickelt sich weiter zu genau der feministischen Krimiserie, die ich mir erhofft hatte (ohne dabei so männerfeindlich zu werden wie Top of the Lake). Es ist ganz deutlich (und manchmal sogar selbstreflexiv) eine Serie über Blicke, Subjekt und Objekt, Dominanzverhältnisse, die das Leid der weiblichen Opfer in den Mittelpunkt stellt, neben dem Mörder als leeres Objekt, das auf Distanz bleibt, so ausführlich man ihm auch folgt und etwas über seine schlimme Kindheit erfährt. Aber man sieht nie mit ihm, nur auf ihn. Er ist nicht viel mehr als eine Hülle, eine persönlichkeitsleerer, stoischer Klotz, dem Jamie Dornan nur gerade so ein wenig Charme abringt und der von der beeindruckenden Gillian Anderson beobachtet, gejagt, besiegt wird. Nicht selten geht Allan Cubitt, der alle elf Episoden schrieb, etwas grobschlächtig vor, aber wer einen Weg bahnen muss, braucht eben grobes Schuhwerk. Jede überkonstruierte Wendung hat ihren Sinn in diesem Traktat über die Geschlechter, und die Musik von Keefus Ciancia klingt gar manchmal wie vom kleinen Bruder von Trent Reznor und Atticus Ross. Und die kleinteilige, technische Seite der Polizeiarbeit ist interessant und bringt Authentizität. Allan Cubitt ist da ein Meilenstein gelungen, finde ich. Neben dem vermutlich genialsten denkbaren Kommentar zu Fifty Shades of Grey (“Enlighten me.”).

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  • Happy Valley – Staffel 1 (Sally Wainwright , 2014):
    Infolge dieses Artikels zu The Fall hineingesehen und nach anfänglich wahrgenommener Durchschnittlichtkeit dann doch, nicht stürmisch, aber schleichend davon einnehmen lassen. Es machte mich nicht so glücklich wie The Fall (eher im Gegenteil – *schnüff*) und ist längst nicht mit einer solchen Ernsthaftigkeit und Gewichtigkeit unterwegs, dafür realitätsnäher und umso erstaunlicher, wie dicht hinterher das Geflecht an Entwicklungen und zwischenmenschlichen Spannungen ist, obwohl der Personenkreis, um den sich Fall und Privatangelegenheiten drehen, überschaubar ist. Trotzdem ist alles wunderschön verbunden. Schuld und Verantwortung werden hin- und hergeschoben, bevor sie bei den Richtigen landen, aber nur so ist alles im Reinen. Andere finden das insgesamt übrigens auch sehr feministisch.

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  • The Honourable Woman (Hugo Blick, 2014):
    Wo soll man bloß anfangen, das zu beschreiben? Bei den vorzüglichen Schauspielern, die die geschliffenen, doppelbödigen Dialoge ruhig, manchmal fast flüsternd, aber stets mühelos vortragen? Bei der Kamera, die die Ereignisse weniger erzählt, sondern an Details beobachtend, zurückgenommen übermittelt? Bei der meisterlichen, leichtfüßigen, vielschichtigen Verbindung von intimem, psychologischem Mikrokosmos und politischem Makrokosmos, der immer feiner werdenden Verflechtung der Hintergründe, Motive und Ziele der Protagonisten, bis irgendwann alle Dichotomien aufgehoben scheinen? Bei der Inbrunst und Ernsthaftigkeit, mit denen sich die Serie basalem Idealismus und Terrorismus widmet? Oder einfach bei der Spannung, die sie trotz nicht auf Auflösung drängender, zögerlicher Erzählweise rein durch ihre Atmosphäre und durch das Involvieren in eine zunächst in ihrem Konflikt überschaubar erscheinende, dann aus unübersichtlich vielen Schichten von Geheimnissen bestehende Welt erzielt? Und doch hat man das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen. Ich bin verwirrt und atemlos.

Drei Serien

  • In Treatment – Staffel 3 (Rodrigo García / Hagai Levi / Nir Bergman / Ori Sivan, 2011):
    Das Highlight der Staffel war für mich natürlich Dane DeHaan, der seine Paraderolle als wütender, verletzlicher Teenager spielte, und zwar perfekt. Daneben fand ich die Geschichten dieses Mal etwas zu konstruiert, ich war nicht ganz so involviert. Das mag auch daran liegen, dass es nun vor allem um Lebenssituationen und Entscheidungen ging. Doch wie für die gesamte Serie gilt: Der Handlungsbogen jeder Figur über die Sitzungen hinweg ist stimmig aufgebaut und jede Episode sanft und nachvollziehbar entwickelt. Selbst wenn manche Entwicklungen und Erkenntnisse sprunghaft kommen, ist das Fundament, auf dem sie stehen, glaubwürdig. Die Serie ist ein Strauß faszinierender Einzelschicksale, über das Ringen mit sich selbst, anderen Menschen und dem Leben an sich. Und Pauls Entwicklung wird dabei nie vergessen. Viel verändert sich für ihn über die Serie hinweg, er hat Selbstzweifel und -erkenntnisse, die ihn ein Stück weiterbringen, ohne die endgültige Lösung parat zu haben. Menschen und Leben sind zu komplex für Lösungen. Man kann nur kleine Schritte machen, einen nach dem anderen. Das nehme ich mit von In Treatment.

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  • True Blood – Staffel 7 (Alan Ball, 2014):
    Eine Staffel, die beinahe rückwärts erzählt wird. Olle Kamellen werden neu aufgerollt – das ist einerseits herzerweichend nostalgisch, andererseits aber sehr einfallslos. Dass der Feind diesmal eine Krankheit ist, ist sogar eine originelle Idee und konfrontiert die Vampire mit ungewohnter Sterblichkeit, mit der Finalität, der sich die Serie selbst zu stellen hat. Die gesamte Staffel fühlt sich aber eher an wie die allerletzten Episoden einer Serie, die sich von allen verabschieden und Harmonie herstellen will, allerdings eben ausgewalzt auf eine ganze Staffel, was viel Leerlauf, uninteressante Flashbacks usw. erzeugt. Das Finale ist dann sehr gefällig, aber doch irgendwie rund, lange nicht so verrückt, wie es hätte sein können. Ich denke aber, Alan Ball hätte aus dieser Staffel, die tatsächlich viele schöne zwischen”menschliche” Momente enthält, einiges mehr machen können, ohne sich ständig im Kreis zu drehen, mit interessanterem Konfliktpotenzial. Traurig war es dennoch, Abschied zu nehmen. Kaum eine andere Serie habe ich tatsächlich sieben Jahre lang verfolgt. Und die Charaktere und ihre grandiosen Schauspieler, die aus diesen Stereotypen so viel gemacht haben, waren immer ein Grund für mich, weiterzuschauen.

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  • Olive Kitteridge (Jane Anderson / Elizabeth Strout, 2014):
    Zwischen Liebe und Hass liegt eine ganze Welt, wie zwischen Fühlen und Zeigen, Sympathie und Antipathie. Selten so eine komplexe Ehe und Mutter-Kind-Beziehung gesehen, die kein binäres Schuld- und Handlungssystem errichtet, sondern von den Nuancen erzählt, die Beziehungen ausmachen, von Prägung und Einfluss und unbewusst angerichtetem Schaden und von einer wohlmeinenden, aber zynischen Frau, die Frances McDormand eine Bühne gibt zum Glänzen. Die Zwanglosigkeit der Aneinanderreihung der einzelnen andeutungsreichen Episoden der Handlung spiegelt außerdem die Ziellosigkeit und die Vielfalt des Lebens an sich. Und Carter Burwells Musik ist konzentriert und traurig schön.

Sonstige Filme im Februar und eine Serie

  • Pozitia copilului (Mutter & Sohn – Calin Peter Netzer, 2013): Komplizierte, eigentlich undurchschaubare Eltern-Kind-Beziehungen sehe ich spätestens seit Mildred Pierce sehr gerne. Dieser Film ist zwar etwas trocken inszeniert, aber spannend, weil nicht auszumachen ist, was hier genau schieflief bei der Erziehung, ob es an ihrer Anhänglichkeit oder seinem Egoismus liegt. Die Mutter ist Machtmensch und hilfloses Opfer ihrer Abhängigkeit zugleich. Mit den sozialen Zugehörigkeiten wird aber etwas plump umgegangen.

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  • What Maisie Knew (Das Glück der großen Dinge – Scott McGehee / David Siegel, 2012): Dieses arme kleine Mädchen. Der Film vermittelt Maisies Erfahrung, zwischen all den streitenden Erwachsenen hin- und hergezogen und -geschoben zu werden, hautnah, man fühlt ihre steigende Traurigkeit mit, weil Onata Aprile sie so erstaunlich gut vermittelt ohne dabei schauspielerisch viel investieren zu brauchen. Es bricht einem das Herz. Dennoch werden die Erwachsenen dabei nicht dämonisiert. Sie begehen natürlich Unachtsamkeiten und Fehler, Lieblosigkeit und ungenügende Bemühungen kann man ihnen jedoch größtenteils nicht vorwerfen. Es scheint eher so, als hätte ein Kind in dieser zeitgenössischen Selbstverwirklichungs- und Karrierewelt einfach keinen Platz, weil es eine Stetigkeit verlangt, die nicht mehr erfüllbar ist.
  • Welcome to the Punch (Enemies – Welcome to the Punch – Eran Creevy, 2013): Was für ein Blödsinn. Ein britischer Copthriller, der klischeeüberladen ist, dumm, unglaubwürdig, nicht mal besonders gut gespielt (da beben die Nasenflügel im Akkord). All sein Wissen über Verbrecher und Polizeiaktivitäten hat er sich wohl aus amerikanischen Filmen zusammengebastelt und seine Ästhetik aus The Dark Knight. Da sieht selbst London aus wie Gotham City. Verblüffend, dass Mark Strong, Peter Mullan und Andrea Riseborough bei so was mitmachen.

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  • Vous n’avez encore rien vu (Ihr werdet euch noch wundern – Alain Resnais, 2012): Der Film ist ein wunderbares Spiel – auf so vielen Ebenen. Meta, aber ohne einen Hauch trocken zu sein. Er spricht für mich vor allem von der vielfältigen Form, die Geschichten annehmen können, von Rollen, die von Schauspielern ganz unterschiedlich verkörpert werden können. Er feiert das Einfühlen von Darstellern, ihre Identifikation (und die des Publikums) mit der Rolle und die Vielgestaltigkeit filmischer Imagination. Schauspieler müssen nicht jung sein, um junges Verliebtsein darstellen zu können. Eine tolle Erkenntnis, die ich hier mitnehme. Neben den traumhaft-unwirklichen, bewusst künstlichen Bildern, die aber ganz anders sind als die von L’année dernière à Marienbad (mit dem ein Vergleich sicher sehr lohnt). Ich finde nur, der Film hätte durchaus noch etwas wilder mit den verschiedenen Schauspielern und ihren wechselnden Identitäten, mit den Realitätsebenen spielen können. Zwischendurch wird es nämlich fast schon konventionell.
  • Glomdalsbruden (Die Braut von Daalenhof – Carl Theodor Dreyer, 1926): Eine nette kleine Tragikomödie um ein verhindertes Liebespaar mit einem allerdings viel zu langen Showdown.
  • American Hustle (David O. Russell, 2013): Was für ein nerviger, überdrehter, vorhersehbarer, belangloser Film. Mit keiner der unsympathischen, inkonsequenten Figuren lässt sich mitfühlen oder -fiebern, sodass nie etwas auf dem Spiel zu stehen scheint. Die großen Vorbilder des gewitzten, verblüffenden Betrügerfilms werden meilenweit verfehlt. Nur Amy Adams lässt mich einfach nie kalt (die Arme hat bestimmt gefroren mit ihren Ausschnitten bis zum Bauchnabel – nur eine der vielen Übertreibungen und Fragwürdigkeiten).
  • Blue Jasmine (Woody Allen, 2013): Das ist ein sehr überraschungsfreier Film. Ich hatte das Gefühl, ihn schon gesehen zu haben. Jasmine hätte auch Woody Allen selbst sein können. Ich finde ihn zu poliert, zu sehr an der Oberfläche, ohne Erkenntnisse. Aber Cate Blanchett verkörpert die Rolle in allen erstaunlichen Facetten, ohne zu sehr zur Karikatur zu werden.

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  • Le Passé (Le Passé – Das Vergangene – Asghar Farhadi, 2013): Faszinierend, wie es als der eine Film anfängt und dann zu einem ganz anderen Film wird (war das bei Jodaeiye Nader az Simin nicht auch schon so?). Da weiß man wirklich nicht, was als Nächstes passiert. Wunderbar, weil sonst viel zu selten, ist auch, wie vernünftig die Figuren sind. Die emotionalen Ausbrüche gibt es und sie sind auch gerechtfertigt, aber Mäßigung und Einsicht folgen schnell. Komplexe, erwachsen ausgetragene Beziehungen. Die Vergangenheit und ihre Verletzungen sind präsent, stehen aber nie aufdringlich im Raum herum. Ich glaube aber, bei einer zweiten Sichtung ist der Film schon sehr viel weniger spannend.
  • Barry Lyndon (Stanley Kubrick, 1975): Es ist neben Spartacus der Kubrick-Film, zu dem ich am wenigsten einen Zugang habe. Es ist zwar viel Kubrick-Typisches darin, das Formale wie die Geschichte selbst (mit ihren ständigen Folgen von Pech im Glück und Glück im Pech) und das Duell als zentrales Motiv sind faszinierend, der Film kommt mir aber nur wie eine Stilübung vor.
  • Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil – Andrew Davies, 1995): Warum diese BBC-Miniserie als Vorzeige-Verfilmung des Austen-Romans gilt, ist mir schon ein Rätsel. Zwar ist sie recht vorlagengetreu, aber meistens eher unspektakulär gefilmt, nicht immer überzeugend gespielt (Colin Firths anfängliche steinerne Ernsthaftigkeit wirkt beispielsweise sehr angestrengt) und schlägt (außer durch Austens Dialoge) keine Zwischentöne an. Es ist eine sehr offensichtliche Darstellung. Allerdings ist mir die Vorlage ja schon ein Graus.

Jekyll (Steven Moffat, 2007)

jekyll1Ich wusste wenig über Jekyll, bevor ich es sah, erwartete dem Cover nach aber eine Psycho-Horror-Serie. Bekommen habe ich dann allerdings etwas wie einen Wissenschaftsthriller voller Verschwörungstheorien. Es ist eine Art Jetztzeit-Fortsetzung der bekannten Erzählung über den persönlichkeitsgespaltenen Dr. Jekyll, der hier allerdings tatsächlich gelebt hat, und stellt einen Nachfahren, Dr. Jackman, der mit einem ebenso aggressiven, unkotrollierbaren Zweit-Ich zu kämpfen hat, in den Mittelpunkt. Beim Platzieren der Geschichten klassischer Stoffe in unsere Zeit können wunderbare Werke entstehen, die unter anderem die Universalität der Themen betonen, aber auch die Eigenheiten der Epochen. Ein gutes Beispiel ist die (von Jekyll-Autor Steven Moffat mitgeschriebene) Sherlock-Serie. Bei Jekyll schoss Moffat allerdings übers Ziel hinaus.

Es fängt zunächst etwas trashig, fast billig an (besonders durch die Musik) mit einigen Klischees und lächerlichen Horrormomenten, dann beginnen sich jedoch die überraschenden Enthüllungen, Wendungen und Unstimmigkeiten zu häufen. Alles ist Teil eines allumfassenden Plans eines ominösen Wissenschaftskonzerns. Aus Hyde (wie sich der böse Anteil der Buchvorlage gemäß nennt), dem Übermenschen, muss ja medizinisch einiges herauszuschlagen sein (wie allerdings – obwohl er sich doch auch nicht selbst heilen kann – wird nicht klar). Das ist zeitgemäß und eigentlich kein dummer Ansatz, die gesamte Darstellung von da an, besonders der Funktionsweisen des Konzerns, seiner Mitarbeiter, sogar der Räumlichkeiten, ist jedoch dermaßen abgedroschen, sensationsgierig, unlogisch und unbefriedigend erklärt, dass die typische Kritik an Profitgier, menschenverachtender Wissenschaft und blindem Fortschrittsstreben nie zündet.

Bemerkenswert ist vielleicht nur, dass der Kampf zwischen Dr. Jackman und Mr. Hyde davon nicht an den Rand gedrängt wird. Diese Annäherung der beiden Persönlichkeiten und ihre Bedeutungen sind neben der sich entwickelnden Beziehung zu Jackmans Frau (die zu Anfang natürlich nichts von seinem Problem weiß) noch das interessanteste, involvierendste Element der Handlung, Letzteres führt immerhin zu einigen prickelnden Momenten, jedoch auch zu einem viel zu gefälligen Schluss. Eine stimmige psychologische Aussage lässt sich daraus auch nicht unbedingt ableiten. James Nesbitt nimmt man wenigstens tatsächlich sehr leicht beide Persönlichkeiten ab, mit nur wenigen Maskeneffekten (etwa schlecht angeklebten Ohrläppchen), er wirkt als Hyde sehr viel gefährlicher, unberechenbarer als der harmlose Durschnittsmensch Jackman. Ob einem das Hyde-Schauspiel zu affektiert ist, darüber muss wahrscheinlich der persönliche Geschmack entscheiden. Bis auf einige Lecter-Momente und unnatürliche Kopfhaltungen (was wohl tierisch erscheinen soll) fand ich es ganz unterhaltsam. Nesbitt hatte mit Sicherheit sehr viel Spaß dabei. Das trägt die übermäßig konstruierte, unglaubwürdige Handlung jedoch auch nicht. Ich hätte dann doch lieber eine Psycho-Horror-Serie gesehen …

Sonstige Serien im August

  • Mad Men – Staffel 6 (Matthew Weiner, 2013): Die Staffel erzählt uns leider nichts Neues über Don und die Unmöglichkeit individuellen Glücks und Sinns in einer postmodernen Konsumwelt, weswegen ich sie für etwas überflüssig halte. Der Punkt, dass der Mensch sich trotz veränderter Umstände nicht ändern kann, ist doch längst gemacht. Es erscheint also immer noch wie Waiting for Godot als Soap für Erwachsene und tut tatsächlich so, als würde es niemals enden. Ich bin aber schon gespannt, wie das dann mit der 7. Staffel abgeschlossen wird, ob Don endlich fällt und alles verliert, was ihm wenigstens ein bisschen was bedeutet, ob er doch noch seinen inneren Frieden findet, oder ob es einfach endet, mittendrin, ohne Moral oder Lösungsvorschlag. (Lesenswert: “Beautiful and Claustrophobic: MAD MEN’s Inferno”)

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  • Mildred Pierce (James M. Cain / Todd Haynes / Jonathan Raymond, 2011): Eine in den 30er-Jahren in L.A. angesiedete Miniserie um Aufstieg und Fall und eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung, die Bindung, Image, Arbeit, Würde, Arroganz, Verrat auf emotional vielschichtige Weise behandelt. Kate Winslet ist wieder unglaublich einnehmend und stark darin, Emotionen zu zeigen und alltägliche, aber über sich hinausweisende, grundlegende Kämpfe auszutragen. Man braucht etwas Geduld, dafür lässt sich die Serie aber angenehm viel Zeit, die Geschichte und Entwicklungen auszubreiten. Und obwohl die Epoche durch Kleidung, Dekor, Musik zurückhaltend, aber glaubhaft in Szene gesetzt wird, wirkt die Aufbereitung der Themen ganz modern und zeitgemäß. Nur zum Schluss wird es ein wenig sentimental und unglaubwürdig.

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  • Southcliffe (Tony Grisoni, 2013): Eine weitere pessimistische kalt-graue Serie um ein Verbrechen, diesmal ein Amoklauf eines Ex-Soldaten in einer kleinen englischen Stadt, inszeniert von Sean Durkin (dessen Debüt Martha Marcy May Marlene ja fantastisch war). Es ist jedoch kein Krimi, ein Whodunit schon gar nicht, sondern ein Drama, das sich ganz den Beteiligten widmet und viele Fragen offen lässt. Die Geschehnisse vor, am und nach dem Amoklauf werden aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt, von Tätern, Opfern, Angehörigen, einem TV-Reporter, allerdings nicht ganz linear, immer wieder werden Episoden aus der Vergangenheit oder bereits gezeigte Szenen aus einer anderen Perspektive eingestreut, was oft zunächst verwirrend, desorientierend wirkt. Es bleiben wohldosierte Leerstellen, so manche Antwort wird vorenthalten, lässt sich nur erahnen. Das ist beunruhigend und auch der Schluss ist kein Abschluss, er bringt keine Erlösung, der Mensch bleibt undurchschaubar. So radikal wie in Martha Mary May Marlene ist das allerdings nicht umgesetzt, außerdem sind nicht alle Erzählstränge gleich interessant. Am reizvollsten und nuanciertesten sind die des Amokläufers und des Reporters (der wie Robin in Top of the Lake ein Heimkehrer mit unguten Erinnerungen ist), andere kommen einem leider schon etwas zu bekannt, schematisch vor. Gespielt ist das von Sean Harris über Shirley Henderson bis zu Rory Kinnear aber natürlich vollkommen überzeugend, und von trostlosen, aber stimmungsvollen Bildern englischer Landschaft kann ich persönlich nie genug bekommen.

Media Monday #36

1. Christopher Lee gefiel mir am besten in Tim Burtons Filmen, weil ich diese Fanhaltung des Regisseurs einfach schön finde.

2. David Cronenberg hat mit A History of Violence seine beste Regiearbeit abgelegt, weil es so ein verdammt kluger, weitsichtiger Film ist. Am meisten assoziiere ich aber Naked Lunch mit ihm.

3. Tilda Swinton gefiel mir am besten in Orlando, aber eigentlich immer. Sie ist ja nicht von dieser Welt.

4. Zu einem guten Film ist bei diesem schönen Wetter Picknick und Lektüre auf Wiese mit Blick auf Schwarzwaldhügel die beste Alternative, denn aber das mache ich ja nicht abends, also besteht gar keine Konkurrenz.

5. Den tragischsten Serientod ist jemand in Six Feet Under gestorben, weil bei dieser originellen Vielfalt an Toden einer tragischer ist als der andere. Aber es wird schon auch unter den Hauptfiguren gestorben und das ist dann, ach, so schlimm!

6. Ich würde mir wünschen, dass mal jemand einen Historienfilm dreht, der sich mit der Aufklärung befasst. Na ja, spontane Antwort, eigentlich habe ich da keine konkreten Bedürfnisse. Aber ein Historienfilm, der epochenübergreifend von einem Thema erzählt, wäre doch mal interessant, der mehr Wert auf Inhalte statt die Ausstattung legt.

7. Meine zuletzt gesehene Serienstaffel war Parade’s End und die war tadellos ausgestattet und gemacht, weil man das wohl erwarten kann, wenn sich BBC und HBO zusammentun. Ansonsten war es vor allem von Rebecca Hall sehr gut gespielt und auf der Charakterebene bisweilen ganz interessant, aber im Ganzen doch recht gediegen, gemächlich, und das Thema der Liebe, die ob der Konventionen der Zeit nicht sein darf, und daraus resultierender schmerzhafter Sehnsucht ist etwas, was ich langsam nicht mehr unbedingt sehen muss.

von Medienjournal

Monatsrückblick 04/2013

Wenige Filme gesehen, wenig gebloggt, und auch dieser Monatsrückblick fällt sehr einfallslos aus. Keine Ahnung, was los war. Jedenfalls bin ich in Hitchcocks amerikanischen Jahren angelangt (langsam wird es aber schwer, manche Themen kann ich einfach nicht mehr sehen) und habe mit The Secret of Kells, Oslo, 31. august und der ersten Staffel von The Wire drei definitive Jahreshighlights gesehen.

  • gesehene Filme: 14
  • im Kino: 3
  • Erstsichtungen: 13 (wobei ich mir bei Rebecca nicht sicher bin, wie auch bei vielen späteren Hitchcock-Filmen)

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Erwähnenswert waren:

  • The Secret of Kells (Das Geheimnis von Kells – Tomm Moore / Nora Twomey, 2009): Selbst auf meinem kleinen Fernseher hat mich diese Formen-, Farben- und Bewegungsvielfalt dermaßen gebannt und überwältigt, dass ich einige Pausen einlegen musste, um diese Fülle an Details und Eindrücken sacken zu lassen. Eine berührende Geschichte über einen irischen Jungen und ein Buch, über Fantasie, Magie, Freundschaft, Ängste und das Böse, die die volle Ausdruckskraft der Bilder nutzt, Motive in abstrakte, aber komplexe und andeutungsreiche Formen herunterbricht und in jedem Einzelbild Kunstwerk zum Bestaunen ist. Wow.
  • The Messenger (Oren Moverman, 2009): Diese Konzentration auf die Mikro-Auswirkungen von Krieg, auf den Einzelnen (auch den, der sich gar nicht beteiligt), finde ich immer noch sehr erstaunlich. Es ist ein so persönlicher Film, der nicht mit dem Zaunpfahl eine pazifistische Botschaft verkündet, aber im Kleinen doch aus einem ganz neuen Blickwinkel auf Krieg blicken lässt. Und Ben Foster ist punktgenau.
  • Oslo, 31. august (Joachim Trier, 2011): Es ist das Porträt einer Generation, deren hohe Erwartungen an das Leben, an das Glück nicht erfüllt werden können, die Kultur intellektuell zu ergründen, aber den Alltag, die praktischen Dinge des Lebens nicht zu bewältigen weiß. Der Film macht das durch feine Beobachtungen menschlicher Momente deutlich, nicht nur der überzeugend verloren gespielten Hauptfigur, sondern vor allem auch der episodenhaft auftauchenden Nebenfiguren und sogar der Statisten. Besonders die Dialoge sind wunderbar austariert.
  • Down to the Bone (Debra Granik, 2004): Ich mag diese Filme, die das andere Amerika zeigen. Sie sind so erfrischend handfest und vorstellbar. Debra Granik zeigt hier Drogenabhängigkeit als Alltäglichkeit, nicht ohne Dramatik, aber vor allem durch Vera Farmiga immer geerdet.
  • Der Schatz (Georg Wilhelm Pabst, 1923): Am Anfang etwas gemächlich, später dann aber ein richtig spannender Stummfilm über die zerstörende Macht der Gier.
  • Rampart (Oren Moverman, 2011): Ein erstaunlich ambivalenter Film ohne Lösungsansatz mit erstaunlich ambivalenten Charakteren, deren Motive und Ziele sich teilweise kaum einordnen lassen. Gerade deswegen bleibe ich dennoch etwas unschlüssig. Woody Harrelson habe ich allerdings noch nie so nuanciert gesehen, glaube ich, und Ben Fosters kleine Rolle zeigt eine neue Facette seines Könnens.
  • Rebecca (Alfred Hitchcock, 1940): Währenddessen habe ich mich zwar über schmalzige Musik und Dialoge beschwert (so wie man sie eben kennt aus Melodramen jener Zeit), im Nachhinein muss ich aber doch die interessante Geschichte und atmosphärischen Bilder loben. Es ist ein ungewöhnlicher Hitchcock-Film, aber vielleicht gerade deswegen interessant und vorausweisend.
  • Ginger & Rosa (Sally Potter, 2012): Alle 60er-Jahre-Anti-Themen liegen in Trümmern, wenn es um das Persönliche geht. Da stehen abstrakte Prinzipien hinten an. Ansonsten fand ich den Film aber schwer greifbar, Elle Fanning zwar sehr überzeugend, ihr Gesicht aber ein bisschen zu oft in Großaufnahme.
  • Your Sister’s Sister (Lynn Shelton, 2011): Sehr authentische Gespräche (im Gegensatz leider zu den zahlreichen aufeinandertreffenden Konflikten).

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Serie:

  • The Wire – Staffel 1 (David Simon, 2002)
  • Top of the Lake (Jane Campion / Gerard Lee, 2013): Obwohl mich einiges stört an dieser Miniserie von Jane Campion (v.a. die absolute Allgegenwart männlicher Gewalt und einige Klischees), konnte ich mich dem Sog der archaischen Atmosphäre doch nicht entziehen. Es ist denn auch weniger Krimi als Drama, Charakterentblößung, Hervorzerren von Verborgenem, keiner ist verschont von Traumata. Das wirkt vielleicht nur deswegen authentisch, weil es so urwüchsig verankert scheint in dieser grandiosen, Unterschlupf bietenden, aber auch gänzlich mitleidlosen neuseeländischen Landschaft. Der Vorspann ist wunderschön und Peter Mullan wie immer eine Wucht mit seiner Kombination aus gütigem Gesicht und unberechenbarer Aggressivität.

Monatsrückblick 01/2013

Es tut mir leid, dass ich so wenig gebloggt habe im Januar. Ich habe eine Weile gebraucht, um in dieses Jahr generell und auch ins Filmjahr reinzufinden. Aber jetzt habe ich mich wieder eingerichtet und es läuft wie am Schnürchen. Mit den Greenaway- und Hitchcock-Werkschauen habe ich auch schon begonnen.

  • gesehene Filme: 20
  • im Kino: 6
  • Erstsichtungen: 12

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Am besten gefallen haben mir:

  • Fa yeung nin wa (In the Mood for Love – Wong Kar-Wai, 2000)
  • 2046 (Wong Kar-Wai, 2004)
  • The Draughtsman’s Contract (Der Kontrakt des Zeichners – Peter Greenaway, 1982): Ein Film, der sich erst richtig entfaltet, wenn man seine Deutungen liest und Greenaways generelles Anliegen kennt. Dann aber ist es tatsächlich etwas vom Klügsten, was es so gibt in Filmform – und macht wahnsinnig Spaß, besonders auch durch Michael Nymans fantastische Musik.
  • Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922): Mit Livemusikbegleitung, immer wieder schön, kann ich nur empfehlen. Aber obwohl einige im Publikum diese alte Darstellung Draculas wohl lächerlich fanden, kann man immer noch dieses Grauen spüren, das der Film vermittelt – wenn man sich darauf einlässt. Er ist und bleibt meisterlich, auch nach mehrmaligem Sehen. Und ich liebe dieses Bild der Schattenhand, die das Herz (oder die Seele?) ergreift.
  • Frankenweenie (Tim Burton, 2012)
  • Punch-Drunk Love (Paul Thomas Anderson, 2002): Es gibt Liebesfilme, die selbst mich völlig dahinschmelzen lassen – so wie dieser. Und das mit einem absolut perfekten Adam Sandler, was für ein Kunststück! Die Feindseligkeit von Barrys Umfeld bedrängt geradezu nervenzerrend. Doch dann kommt eine hübsche Lena und macht alles gut. Hach …
  • The Searchers (Der schwarze Falke – John Ford, 1956): Die Worte eines Kulturwissenschaftlers ließen mich dieses zwiespältige Werk tatsächlich ein wenig bewundern. Selbst John Wayne (den ich sonst verabscheue) erschien mir zum ersten Mal sehr angemessen in seiner Art. Und die herrlichen Türeinstellungen waren auf der “großen” Leinwand für mich Binnenkadrierungsfan natürlich genial.
  • Cesare deve morire (Cäsar muss sterben – Paolo Taviani / Vittorio Taviani, 2012): Einer der interessantesten Shakespeare-Filme, die ich bisher gesehen habe. Die verschiedenen Örtlichkeiten des Gefängnisses werden ganz toll in Schwarz-Weiß-Bildern instrumentalisiert und geben durch den Wirklichkeitsbezug eine gewisse Bedeutung. Die Häftlinge spielen um ihr Leben, weil sie sonst nichts haben. Außerdem gibt Italienisch den Sätzen Shakespeares eine wundervolle Dramatik.
  • Like Crazy (Drake Doremus, 2011): Ein elliptischer, vergleichsweise realitätsnaher Liebesfilm, der mir sehr viel besser gefallen hat als z.B. Blue Valentine, der mir überspitzt und unglaubwürdig erschien (jetzt ist es raus). Hier hingegen tut die Entfremdung tatsächlich weh.
  • Die Vermissten (Jan Speckenbach, 2012): In seiner Geschichte und Aufmachung ein ganz typischer deutscher Film, beachtenswert ist jedoch, wie die Apokalypse am Protagonisten und am Zuschauer vorbeischleicht und dabei in ihrer Unerklärbarkeit überzeugend bleibt, und André Hennicke, der nach jedem weiteren Film nur vielseitiger und großartiger erscheint.
  • The Door (Hinter der Tür – István Szabó, 2012): Ein Film über eine komplizierte Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Frauen, den ich zwar an sich nicht sehr herausragend fand, wenn auch in seinem Hang zur punktuellen Überspitzung schön gefilmt, aber das Zusammentreffen zweier so großartiger europäischer Charakterköpfe wie Martina Gedeck und Helen Mirren ist fantastisch und so spannend zu beobachten!

TheSearchers

Kaum zu ertragen war:

  • Snowtown (Justin Kurzel, 2011): Ein Film, der ganz tief hineinzieht in eine Welt aus Missbrauch, Folter, Mord, aus der es kein Entrinnen gibt. Ein grausamer, furchterregender Mensch, der mit völliger Selbstgewissheit zum Morden erzieht. Erschütternd.

Mehr Mut hätte ich mir gewünscht von:

  • Silver Linings Playbook (Silver Linings – David O. Russell, 2012): Er bleibt in seiner Struktur halt doch eine simple romantische Komödie und damit ein Wohlfühlfilm, auch wenn die energische Darstellung von Pats Krankheit dagegen angeht. Die Liebesgeschichte und dieser dämliche Tanzwettbewerb erschienen mir arg erzwungen und das Ende ist wie ein hübsches, aber bestenfalls schützendes, nicht heilendes Pflaster auf der Wunde. Als ob so alle Probleme gelöst wären! Bradley Cooper erschafft tatsächlich einen Charakter, bleibt aber trotzdem flach. Nur Jennifer Lawrence ist eine Wucht. Was für ein Glück, dass es sie gibt!
  • Lincoln (Steven Spielberg, 2012): Wie froh ich war, eigentlich einen Politfilm zu sehen im Mantel des Historienfilms (und vor allem kein Biopic), der die Mühen und Kleinteiligkeit zeigt, die zu dieser historischen Umwälzung führten, der auch die moralisch fragwürdigen Schachzüge und die Müdigkeit dieser amerikanischen Ikone nicht außen vor lässt. Leider erzählt Spielberg das jedoch, zwar nur ab und zu pathetisch, aber in langweilig makellosen Bildern, so langatmig und routiniert, dass es mir ungeheuer rückständig erscheint.

Serie:

  • Cranford (Sue Birtwistle / Susie Conklin, 2007/2009): Von einer BBC-Miniserie mit Judi Dench und Imelda Staunton nach einer Vorlage von Elizabeth Gaskell (von der auch North & South stammt) hatte ich mir doch ein wenig mehr versprochen. Das spätere, zweiteilige Christmas Special macht zwar einiges wett, aber es bleibt, trotz einiger sozialkritischer Nebenhandlungen, prinzipiell eine Kuppel-Show und Geschichte verpasster Chancen, noch dazu sehr betulich erzählt. Judi Dench ist mit ihrer überraschend naiv-sehnsüchtigen Art aber das unbedingte Highlight!

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Fazit: Was mich beeindruckt hat, lasse ich jetzt mal aus, das ist, glaube ich, recht gut herauszulesen (Sparky!). Jedenfalls habe ich viele Lieblingsfilme gesehen, viele Meisterwerke, die mich größtenteils immer noch sehr beeindruckten – was ganz toll ist, aber ich habe jetzt doch wieder ein bisschen mehr Hunger auf Neues. Außerdem war ich oft im Kino (übrigens nur in einem Film, der nicht in Originalsprache war), was ich wohl meinem Geldbeutel zuliebe leider so nicht weiterführen kann.

Serielles Sehen

Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Fernsehserie als Kunstform erst in den letzten Jahren richtig aufgeblüht ist. Es ist zwar noch nicht ganz meine Materie, doch mir scheint, dass es früher nicht so viele Hypes um und auch Erwartungen an neue Serienformate gab, vor allem amerikanischer Produktion (für die deutsche Serie hat wohl keiner mehr Hoffnungen).

Ich hinke dem Hype sogar ausnahmsweise etwas hinterher und habe erst vor Kurzem gelernt, Serien ernstzunehmen und mich darauf einzulassen (als endgültig entscheidendes Jahr würde ich 2010 nennen). Klar saß ich als Teenager auch regelmäßig zum Serientermin vor der Glotze (z.B. für Verbotene Liebe, Gegen den Wind, Großstadtrevier), aber da ging es tatsächlich rein um Unterhaltung mit gewissem Ritualcharakter. Niemals hätte ich behauptet, dass diese Serien kunstvoll seien. Aber dann kam 2004 Six Feet Under – und die Bemerkung einer Kommilitonin, einem Serienjunkie (wie man heute so sagt), im ersten Semester, in Bezug auf den großen Vorteil der Serie gegenüber dem Film, der nicht genug Zeit habe, um Charaktere wirklich herauszubilden, um ihnen Raum zur Entfaltung und Entwicklung zu geben. So hatte ich das noch gar nicht gesehen – und tatsächlich sollte ich diese Einsicht in den nächsten vier Jahren von Six Feet Under bestätigt sehen.

Alan Balls Serie setzte für mich dann einen Standard, der praktisch von keiner anderen Show mehr zu erreichen ist. Hier waren Charaktere, die an Menschlichkeit, Vielschichtigkeit, Entwicklungspotenzial und Tiefe nicht zu übertreffen waren. Keiner war zum Schluss mehr der, der er zu Anfang gewesen war. Oh Gott, hatte ich die alle ins Herz geschlossen, jeden einzelnen, sogar jemanden wie den zickigen Rico. Sie waren in den vier Jahren Laufzeit so ein bisschen wie eine zweite Familie, die neben meinem ihr Leben lebten. Wie weise und groß und umfassend diese Serie war, nicht immer perfekt, für mich in ihrer Gesamtheit aber doch. So bitterlich wie hier habe ich noch nie über ein Ende geweint, beinahe tagelang. Es war unerträglich, unerträglich schön und traurig zugleich – besonders die berühmten letzten Minuten, die unglaublich perfektesten, wunderschönsten, herzzerreißendsten, abschließendsten sechs Minuten, die es überhaupt geben kann. Diese unkontrollierbare Gefühlsintensität ob eines Kunstwerks war mir selbst vollkommen neu.

So wurde dann also die Serie als Kunstform für mich geboren (Twin Peaks hat sicherlich noch nachgeholfen). Aber auch gleichzeitig die Bedingung, die eine Serie erfüllen muss, um mir zu gefallen: Story, Erzählweise und Visualität sind da längst nicht so entscheidend wie beim Film, am wichtigsten sind mir vielmehr Charaktere, die mich faszinieren, interessieren, die ich mögen kann, deren Weg ich unbedingt weiterverfolgen will. Im Film muss die Charakterdarstellung und -entwicklung tatsächlich eher kondensiert sein, in der Serie kann sie subtiler und damit eindringlicher vonstattengehen. Wenn ich keiner der Figuren einer Serie Sympathie entgegenbringen kann (ich habe allerdings auch eine ausgeprägte Schwäche für Bösewichte), wenn es mir egal ist, wie ihr Schicksal verläuft, dann hat sie tatsächlich keine Chance bei mir, so überzeugend auch alles andere sein mag. So habe ich nicht mehr als eine Staffel 24 durchgehalten, von Lost gar nur eine Folge und gelegentliches Reinzappen. Hand in Hand damit geht wohl auch meine eindeutige Vorliebe für Fortsetzungsserien, denn nur hier ist stete Weiterentwicklung wirklich möglich. Episodenserien ertrage ich nur als Sitcoms. Eine fortlaufende Handlung brauche ich dann doch, um die Dringlichkeit eines Weitersehens zu verspüren. Wenn ich etwas Abgeschlossenes sehen möchte, wende ich mich lieber an einen Film.

So haben es Serien nicht unbedingt leicht bei mir. Andererseits kann ich auch von einer gefesselt werden, die eigentlich nicht meinem Genre entspricht (z.B. das schon sehr zuckerwattige Gilmore Girls). Zum Glück gibt es aber ein nicht auf Werbegelder angewiesenes HBO und damit ein Serienniveau, das Türen geöffnet hat (wage ich mal nachzuplappern). Carnivàle war absolut genial und verdammt noch mal viel zu kurz, Band of Brothers und Angels in America auch nicht zu verachten, True Blood und Game of Thrones verdammt unterhaltsam und nach wie vor spannend. Doch auch andere Sender können was: Pushing Daisies habe ich so wahnsinnig gerne gesehen, Twin Peaks und The Prisoner waren feine Geniestreiche, Mad Men hat seine Mängel, mich aber weiterhin am Haken, und BBC liefert natürlich auch immer wieder literarische oder historische Schmankerl, wie der allseits beliebte Sherlock oder North & South.

Und nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich zeitweise meine Filmsucht vernachlässige, um mir eine Serienstaffel nach der anderen reinzuziehen. Denn es macht tatsächlich so Spaß, Figuren über eine lange Zeit zu folgen. Und da ich mich ja gerade erst auf diese Kunstform eingelassen habe, gibt es so viel zu erkunden, unüberschaubar viel nachzuholen (z.B. The Wire, Deadwood, The West Wing, evtl. The Sopranos) und Aktuelles auszuprobieren (z.B. Breaking Bad, Boardwalk Empire, Homeland, Downton Abbey).

Man merkt aber: Dramatisch muss es bei mir immer sein, auch wenn ich ab und zu nichts gegen ein wenig Sitcom-Unterhaltung habe. Nur Krimiserien, die langweilen mich nach wie vor zu Tode (kein Wunder: Episodenserien!).

An weiteren Tipps bin ich immer brennend interessiert. An welchen Serien seid ihr gerade dran?