Miniserie

Sonstige Filme im Februar und eine Serie

  • Pozitia copilului (Mutter & Sohn – Calin Peter Netzer, 2013): Komplizierte, eigentlich undurchschaubare Eltern-Kind-Beziehungen sehe ich spätestens seit Mildred Pierce sehr gerne. Dieser Film ist zwar etwas trocken inszeniert, aber spannend, weil nicht auszumachen ist, was hier genau schieflief bei der Erziehung, ob es an ihrer Anhänglichkeit oder seinem Egoismus liegt. Die Mutter ist Machtmensch und hilfloses Opfer ihrer Abhängigkeit zugleich. Mit den sozialen Zugehörigkeiten wird aber etwas plump umgegangen.

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  • What Maisie Knew (Das Glück der großen Dinge – Scott McGehee / David Siegel, 2012): Dieses arme kleine Mädchen. Der Film vermittelt Maisies Erfahrung, zwischen all den streitenden Erwachsenen hin- und hergezogen und -geschoben zu werden, hautnah, man fühlt ihre steigende Traurigkeit mit, weil Onata Aprile sie so erstaunlich gut vermittelt ohne dabei schauspielerisch viel investieren zu brauchen. Es bricht einem das Herz. Dennoch werden die Erwachsenen dabei nicht dämonisiert. Sie begehen natürlich Unachtsamkeiten und Fehler, Lieblosigkeit und ungenügende Bemühungen kann man ihnen jedoch größtenteils nicht vorwerfen. Es scheint eher so, als hätte ein Kind in dieser zeitgenössischen Selbstverwirklichungs- und Karrierewelt einfach keinen Platz, weil es eine Stetigkeit verlangt, die nicht mehr erfüllbar ist.
  • Welcome to the Punch (Enemies – Welcome to the Punch – Eran Creevy, 2013): Was für ein Blödsinn. Ein britischer Copthriller, der klischeeüberladen ist, dumm, unglaubwürdig, nicht mal besonders gut gespielt (da beben die Nasenflügel im Akkord). All sein Wissen über Verbrecher und Polizeiaktivitäten hat er sich wohl aus amerikanischen Filmen zusammengebastelt und seine Ästhetik aus The Dark Knight. Da sieht selbst London aus wie Gotham City. Verblüffend, dass Mark Strong, Peter Mullan und Andrea Riseborough bei so was mitmachen.

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  • Vous n’avez encore rien vu (Ihr werdet euch noch wundern – Alain Resnais, 2012): Der Film ist ein wunderbares Spiel – auf so vielen Ebenen. Meta, aber ohne einen Hauch trocken zu sein. Er spricht für mich vor allem von der vielfältigen Form, die Geschichten annehmen können, von Rollen, die von Schauspielern ganz unterschiedlich verkörpert werden können. Er feiert das Einfühlen von Darstellern, ihre Identifikation (und die des Publikums) mit der Rolle und die Vielgestaltigkeit filmischer Imagination. Schauspieler müssen nicht jung sein, um junges Verliebtsein darstellen zu können. Eine tolle Erkenntnis, die ich hier mitnehme. Neben den traumhaft-unwirklichen, bewusst künstlichen Bildern, die aber ganz anders sind als die von L’année dernière à Marienbad (mit dem ein Vergleich sicher sehr lohnt). Ich finde nur, der Film hätte durchaus noch etwas wilder mit den verschiedenen Schauspielern und ihren wechselnden Identitäten, mit den Realitätsebenen spielen können. Zwischendurch wird es nämlich fast schon konventionell.
  • Glomdalsbruden (Die Braut von Daalenhof – Carl Theodor Dreyer, 1926): Eine nette kleine Tragikomödie um ein verhindertes Liebespaar mit einem allerdings viel zu langen Showdown.
  • American Hustle (David O. Russell, 2013): Was für ein nerviger, überdrehter, vorhersehbarer, belangloser Film. Mit keiner der unsympathischen, inkonsequenten Figuren lässt sich mitfühlen oder -fiebern, sodass nie etwas auf dem Spiel zu stehen scheint. Die großen Vorbilder des gewitzten, verblüffenden Betrügerfilms werden meilenweit verfehlt. Nur Amy Adams lässt mich einfach nie kalt (die Arme hat bestimmt gefroren mit ihren Ausschnitten bis zum Bauchnabel – nur eine der vielen Übertreibungen und Fragwürdigkeiten).
  • Blue Jasmine (Woody Allen, 2013): Das ist ein sehr überraschungsfreier Film. Ich hatte das Gefühl, ihn schon gesehen zu haben. Jasmine hätte auch Woody Allen selbst sein können. Ich finde ihn zu poliert, zu sehr an der Oberfläche, ohne Erkenntnisse. Aber Cate Blanchett verkörpert die Rolle in allen erstaunlichen Facetten, ohne zu sehr zur Karikatur zu werden.

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  • Le Passé (Le Passé – Das Vergangene – Asghar Farhadi, 2013): Faszinierend, wie es als der eine Film anfängt und dann zu einem ganz anderen Film wird (war das bei Jodaeiye Nader az Simin nicht auch schon so?). Da weiß man wirklich nicht, was als Nächstes passiert. Wunderbar, weil sonst viel zu selten, ist auch, wie vernünftig die Figuren sind. Die emotionalen Ausbrüche gibt es und sie sind auch gerechtfertigt, aber Mäßigung und Einsicht folgen schnell. Komplexe, erwachsen ausgetragene Beziehungen. Die Vergangenheit und ihre Verletzungen sind präsent, stehen aber nie aufdringlich im Raum herum. Ich glaube aber, bei einer zweiten Sichtung ist der Film schon sehr viel weniger spannend.
  • Barry Lyndon (Stanley Kubrick, 1975): Es ist neben Spartacus der Kubrick-Film, zu dem ich am wenigsten einen Zugang habe. Es ist zwar viel Kubrick-Typisches darin, das Formale wie die Geschichte selbst (mit ihren ständigen Folgen von Pech im Glück und Glück im Pech) und das Duell als zentrales Motiv sind faszinierend, der Film kommt mir aber nur wie eine Stilübung vor.
  • Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil – BBC, 1995): Warum diese BBC-Miniserie als Vorzeige-Verfilmung des Austen-Romans gilt, ist mir schon ein Rätsel. Zwar ist sie recht vorlagengetreu, aber meistens eher unspektakulär gefilmt, nicht immer überzeugend gespielt (Colin Firths anfängliche steinerne Ernsthaftigkeit wirkt beispielsweise sehr angestrengt) und schlägt (außer durch Austens Dialoge) keine Zwischentöne an. Es ist eine sehr offensichtliche Darstellung. Allerdings ist mir die Vorlage ja schon ein Graus.

Jekyll (BBC, 2007)

jekyll1Ich wusste wenig über Jekyll, bevor ich es sah, erwartete dem Cover nach aber eine Psycho-Horror-Serie. Bekommen habe ich dann allerdings etwas wie einen Wissenschaftsthriller voller Verschwörungstheorien. Es ist eine Art Jetztzeit-Fortsetzung der bekannten Erzählung über den persönlichkeitsgespaltenen Dr. Jekyll, der hier allerdings tatsächlich gelebt hat, und stellt einen Nachfahren, Dr. Jackman, der mit einem ebenso aggressiven, unkotrollierbaren Zweit-Ich zu kämpfen hat, in den Mittelpunkt. Beim Platzieren der Geschichten klassischer Stoffe in unsere Zeit können wunderbare Werke entstehen, die unter anderem die Universalität der Themen betonen, aber auch die Eigenheiten der Epochen. Ein gutes Beispiel ist die (von Jekyll-Autor Steven Moffat mitgeschriebene) Sherlock-Serie. Bei Jekyll schoss Moffat allerdings übers Ziel hinaus.

Es fängt zunächst etwas trashig, fast billig an (besonders durch die Musik) mit einigen Klischees und lächerlichen Horrormomenten, dann beginnen sich jedoch die überraschenden Enthüllungen, Wendungen und Unstimmigkeiten zu häufen. Alles ist Teil eines allumfassenden Plans eines ominösen Wissenschaftskonzerns. Aus Hyde (wie sich der böse Anteil der Buchvorlage gemäß nennt), dem Übermenschen, muss ja medizinisch einiges herauszuschlagen sein (wie allerdings – obwohl er sich doch auch nicht selbst heilen kann – wird nicht klar). Das ist zeitgemäß und eigentlich kein dummer Ansatz, die gesamte Darstellung von da an, besonders der Funktionsweisen des Konzerns, seiner Mitarbeiter, sogar der Räumlichkeiten, ist jedoch dermaßen abgedroschen, sensationsgierig, unlogisch und unbefriedigend erklärt, dass die typische Kritik an Profitgier, menschenverachtender Wissenschaft und blindem Fortschrittsstreben nie zündet.

Bemerkenswert ist vielleicht nur, dass der Kampf zwischen Dr. Jackman und Mr. Hyde davon nicht an den Rand gedrängt wird. Diese Annäherung der beiden Persönlichkeiten und ihre Bedeutungen sind neben der sich entwickelnden Beziehung zu Jackmans Frau (die zu Anfang natürlich nichts von seinem Problem weiß) noch das interessanteste, involvierendste Element der Handlung, Letzteres führt immerhin zu einigen prickelnden Momenten, jedoch auch zu einem viel zu gefälligen Schluss. Eine stimmige psychologische Aussage lässt sich daraus auch nicht unbedingt ableiten. James Nesbitt nimmt man wenigstens tatsächlich sehr leicht beide Persönlichkeiten ab, mit nur wenigen Maskeneffekten (etwa schlecht angeklebten Ohrläppchen), er wirkt als Hyde sehr viel gefährlicher, unberechenbarer als der harmlose Durschnittsmensch Jackman. Ob einem das Hyde-Schauspiel zu affektiert ist, darüber muss wahrscheinlich der persönliche Geschmack entscheiden. Bis auf einige Lecter-Momente und unnatürliche Kopfhaltungen (was wohl tierisch erscheinen soll) fand ich es ganz unterhaltsam. Nesbitt hatte mit Sicherheit sehr viel Spaß dabei. Das trägt die übermäßig konstruierte, unglaubwürdige Handlung jedoch auch nicht. Ich hätte dann doch lieber eine Psycho-Horror-Serie gesehen …

Sonstige Serien im August

  • Mad Men – Staffel 6 (AMC, 2013): Die Staffel erzählt uns leider nichts Neues über Don und die Unmöglichkeit individuellen Glücks und Sinns in einer postmodernen Konsumwelt, weswegen ich sie für etwas überflüssig halte. Der Punkt, dass der Mensch sich trotz veränderter Umstände nicht ändern kann, ist doch längst gemacht. Es erscheint also immer noch wie Waiting for Godot als Soap für Erwachsene und tut tatsächlich so, als würde es niemals enden. Ich bin aber schon gespannt, wie das dann mit der 7. Staffel abgeschlossen wird, ob Don endlich fällt und alles verliert, was ihm wenigstens ein bisschen was bedeutet, ob er doch noch seinen inneren Frieden findet, oder ob es einfach endet, mittendrin, ohne Moral oder Lösungsvorschlag. (Lesenswert: “Beautiful and Claustrophobic: MAD MEN’s Inferno”)

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  • Mildred Pierce (HBO, 2011): Eine in den 30er-Jahren in L.A. angesiedete Miniserie um Aufstieg und Fall und eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung, die Bindung, Image, Arbeit, Würde, Arroganz, Verrat auf emotional vielschichtige Weise behandelt. Kate Winslet ist wieder unglaublich einnehmend und stark darin, Emotionen zu zeigen und alltägliche, aber über sich hinausweisende, grundlegende Kämpfe auszutragen. Man braucht etwas Geduld, dafür lässt sich die Serie aber angenehm viel Zeit, die Geschichte und Entwicklungen auszubreiten. Und obwohl die Epoche durch Kleidung, Dekor, Musik zurückhaltend, aber glaubhaft in Szene gesetzt wird, wirkt die Aufbereitung der Themen ganz modern und zeitgemäß. Nur zum Schluss wird es ein wenig sentimental und unglaubwürdig.

Southcliffe

  • Southcliffe (Channel 4, 2013): Eine weitere pessimistische kalt-graue Serie um ein Verbrechen, diesmal ein Amoklauf eines Ex-Soldaten in einer kleinen englischen Stadt, inszeniert von Sean Durkin (dessen Debüt Martha Marcy May Marlene ja fantastisch war). Es ist jedoch kein Krimi, ein Whodunit schon gar nicht, sondern ein Drama, das sich ganz den Beteiligten widmet und viele Fragen offen lässt. Die Geschehnisse vor, am und nach dem Amoklauf werden aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt, von Tätern, Opfern, Angehörigen, einem TV-Reporter, allerdings nicht ganz linear, immer wieder werden Episoden aus der Vergangenheit oder bereits gezeigte Szenen aus einer anderen Perspektive eingestreut, was oft zunächst verwirrend, desorientierend wirkt. Es bleiben wohldosierte Leerstellen, so manche Antwort wird vorenthalten, lässt sich nur erahnen. Das ist beunruhigend und auch der Schluss ist kein Abschluss, er bringt keine Erlösung, der Mensch bleibt undurchschaubar. So radikal wie in Martha Mary May Marlene ist das allerdings nicht umgesetzt, außerdem sind nicht alle Erzählstränge gleich interessant. Am reizvollsten und nuanciertesten sind die des Amokläufers und des Reporters (der wie Robin in Top of the Lake ein Heimkehrer mit unguten Erinnerungen ist), andere kommen einem leider schon etwas zu bekannt, schematisch vor. Gespielt ist das von Sean Harris über Shirley Henderson bis zu Rory Kinnear aber natürlich vollkommen überzeugend, und von trostlosen, aber stimmungsvollen Bildern englischer Landschaft kann ich persönlich nie genug bekommen.

Monatsrückblick 01/2013

Es tut mir leid, dass ich so wenig gebloggt habe im Januar. Ich habe eine Weile gebraucht, um in dieses Jahr generell und auch ins Filmjahr reinzufinden. Aber jetzt habe ich mich wieder eingerichtet und es läuft wie am Schnürchen. Mit den Greenaway- und Hitchcock-Werkschauen habe ich auch schon begonnen.

  • gesehene Filme: 20
  • im Kino: 6
  • Erstsichtungen: 12

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Am besten gefallen haben mir:

  • Fa yeung nin wa (In the Mood for Love – Wong Kar-Wai, 2000)
  • 2046 (Wong Kar-Wai, 2004)
  • The Draughtsman’s Contract (Der Kontrakt des Zeichners – Peter Greenaway, 1982): Ein Film, der sich erst richtig entfaltet, wenn man seine Deutungen liest und Greenaways generelles Anliegen kennt. Dann aber ist es tatsächlich etwas vom Klügsten, was es so gibt in Filmform – und macht wahnsinnig Spaß, besonders auch durch Michael Nymans fantastische Musik.
  • Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922): Mit Livemusikbegleitung, immer wieder schön, kann ich nur empfehlen. Aber obwohl einige im Publikum diese alte Darstellung Draculas wohl lächerlich fanden, kann man immer noch dieses Grauen spüren, das der Film vermittelt – wenn man sich darauf einlässt. Er ist und bleibt meisterlich, auch nach mehrmaligem Sehen. Und ich liebe dieses Bild der Schattenhand, die das Herz (oder die Seele?) ergreift.
  • Frankenweenie (Tim Burton, 2012)
  • Punch-Drunk Love (Paul Thomas Anderson, 2002): Es gibt Liebesfilme, die selbst mich völlig dahinschmelzen lassen – so wie dieser. Und das mit einem absolut perfekten Adam Sandler, was für ein Kunststück! Die Feindseligkeit von Barrys Umfeld bedrängt geradezu nervenzerrend. Doch dann kommt eine hübsche Lena und macht alles gut. Hach …
  • The Searchers (Der schwarze Falke – John Ford, 1956): Die Worte eines Kulturwissenschaftlers ließen mich dieses zwiespältige Werk tatsächlich ein wenig bewundern. Selbst John Wayne (den ich sonst verabscheue) erschien mir zum ersten Mal sehr angemessen in seiner Art. Und die herrlichen Türeinstellungen waren auf der “großen” Leinwand für mich Binnenkadrierungsfan natürlich genial.
  • Cesare deve morire (Cäsar muss sterben – Paolo Taviani / Vittorio Taviani, 2012): Einer der interessantesten Shakespeare-Filme, die ich bisher gesehen habe. Die verschiedenen Örtlichkeiten des Gefängnisses werden ganz toll in Schwarz-Weiß-Bildern instrumentalisiert und geben durch den Wirklichkeitsbezug eine gewisse Bedeutung. Die Häftlinge spielen um ihr Leben, weil sie sonst nichts haben. Außerdem gibt Italienisch den Sätzen Shakespeares eine wundervolle Dramatik.
  • Like Crazy (Drake Doremus, 2011): Ein elliptischer, vergleichsweise realitätsnaher Liebesfilm, der mir sehr viel besser gefallen hat als z.B. Blue Valentine, der mir überspitzt und unglaubwürdig erschien (jetzt ist es raus). Hier hingegen tut die Entfremdung tatsächlich weh.
  • Die Vermissten (Jan Speckenbach, 2012): In seiner Geschichte und Aufmachung ein ganz typischer deutscher Film, beachtenswert ist jedoch, wie die Apokalypse am Protagonisten und am Zuschauer vorbeischleicht und dabei in ihrer Unerklärbarkeit überzeugend bleibt, und André Hennicke, der nach jedem weiteren Film nur vielseitiger und großartiger erscheint.
  • The Door (Hinter der Tür – István Szabó, 2012): Ein Film über eine komplizierte Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Frauen, den ich zwar an sich nicht sehr herausragend fand, wenn auch in seinem Hang zur punktuellen Überspitzung schön gefilmt, aber das Zusammentreffen zweier so großartiger europäischer Charakterköpfe wie Martina Gedeck und Helen Mirren ist fantastisch und so spannend zu beobachten!

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Kaum zu ertragen war:

  • Snowtown (Justin Kurzel, 2011): Ein Film, der ganz tief hineinzieht in eine Welt aus Missbrauch, Folter, Mord, aus der es kein Entrinnen gibt. Ein grausamer, furchterregender Mensch, der mit völliger Selbstgewissheit zum Morden erzieht. Erschütternd.

Mehr Mut hätte ich mir gewünscht von:

  • Silver Linings Playbook (Silver Linings – David O. Russell, 2012): Er bleibt in seiner Struktur halt doch eine simple romantische Komödie und damit ein Wohlfühlfilm, auch wenn die energische Darstellung von Pats Krankheit dagegen angeht. Die Liebesgeschichte und dieser dämliche Tanzwettbewerb erschienen mir arg erzwungen und das Ende ist wie ein hübsches, aber bestenfalls schützendes, nicht heilendes Pflaster auf der Wunde. Als ob so alle Probleme gelöst wären! Bradley Cooper erschafft tatsächlich einen Charakter, bleibt aber trotzdem flach. Nur Jennifer Lawrence ist eine Wucht. Was für ein Glück, dass es sie gibt!
  • Lincoln (Steven Spielberg, 2012): Wie froh ich war, eigentlich einen Politfilm zu sehen im Mantel des Historienfilms (und vor allem kein Biopic), der die Mühen und Kleinteiligkeit zeigt, die zu dieser historischen Umwälzung führten, der auch die moralisch fragwürdigen Schachzüge und die Müdigkeit dieser amerikanischen Ikone nicht außen vor lässt. Leider erzählt Spielberg das jedoch, zwar nur ab und zu pathetisch, aber in langweilig makellosen Bildern, so langatmig und routiniert, dass es mir ungeheuer rückständig erscheint.

Serie:

  • Cranford (BBC, 2007/2009): Von einer BBC-Miniserie mit Judi Dench und Imelda Staunton nach einer Vorlage von Elizabeth Gaskell (von der auch North & South stammt) hatte ich mir doch ein wenig mehr versprochen. Das spätere, zweiteilige Christmas Special macht zwar einiges wett, aber es bleibt, trotz einiger sozialkritischer Nebenhandlungen, prinzipiell eine Kuppel-Show und Geschichte verpasster Chancen, noch dazu sehr betulich erzählt. Judi Dench ist mit ihrer überraschend naiv-sehnsüchtigen Art aber das unbedingte Highlight!

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Fazit: Was mich beeindruckt hat, lasse ich jetzt mal aus, das ist, glaube ich, recht gut herauszulesen (Sparky!). Jedenfalls habe ich viele Lieblingsfilme gesehen, viele Meisterwerke, die mich größtenteils immer noch sehr beeindruckten – was ganz toll ist, aber ich habe jetzt doch wieder ein bisschen mehr Hunger auf Neues. Außerdem war ich oft im Kino (übrigens nur in einem Film, der nicht in Originalsprache war), was ich wohl meinem Geldbeutel zuliebe leider so nicht weiterführen kann.

Serielles Sehen

Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Fernsehserie als Kunstform erst in den letzten Jahren richtig aufgeblüht ist. Es ist zwar noch nicht ganz meine Materie, doch mir scheint, dass es früher nicht so viele Hypes um und auch Erwartungen an neue Serienformate gab, vor allem amerikanischer Produktion (für die deutsche Serie hat wohl keiner mehr Hoffnungen).

Ich hinke dem Hype sogar ausnahmsweise etwas hinterher und habe erst vor Kurzem gelernt, Serien ernstzunehmen und mich darauf einzulassen (als endgültig entscheidendes Jahr würde ich 2010 nennen). Klar saß ich als Teenager auch regelmäßig zum Serientermin vor der Glotze (z.B. für Verbotene Liebe, Gegen den Wind, Großstadtrevier), aber da ging es tatsächlich rein um Unterhaltung mit gewissem Ritualcharakter. Niemals hätte ich behauptet, dass diese Serien kunstvoll seien. Aber dann kam 2004 Six Feet Under – und die Bemerkung einer Kommilitonin, einem Serienjunkie (wie man heute so sagt), im ersten Semester, in Bezug auf den großen Vorteil der Serie gegenüber dem Film, der nicht genug Zeit habe, um Charaktere wirklich herauszubilden, um ihnen Raum zur Entfaltung und Entwicklung zu geben. So hatte ich das noch gar nicht gesehen – und tatsächlich sollte ich diese Einsicht in den nächsten vier Jahren von Six Feet Under bestätigt sehen.

Alan Balls Serie setzte für mich dann einen Standard, der praktisch von keiner anderen Show mehr zu erreichen ist. Hier waren Charaktere, die an Menschlichkeit, Vielschichtigkeit, Entwicklungspotenzial und Tiefe nicht zu übertreffen waren. Keiner war zum Schluss mehr der, der er zu Anfang gewesen war. Oh Gott, hatte ich die alle ins Herz geschlossen, jeden einzelnen, sogar jemanden wie den zickigen Rico. Sie waren in den vier Jahren Laufzeit so ein bisschen wie eine zweite Familie, die neben meinem ihr Leben lebten. Wie weise und groß und umfassend diese Serie war, nicht immer perfekt, für mich in ihrer Gesamtheit aber doch. So bitterlich wie hier habe ich noch nie über ein Ende geweint, beinahe tagelang. Es war unerträglich, unerträglich schön und traurig zugleich – besonders die berühmten letzten Minuten, die unglaublich perfektesten, wunderschönsten, herzzerreißendsten, abschließendsten sechs Minuten, die es überhaupt geben kann. Diese unkontrollierbare Gefühlsintensität ob eines Kunstwerks war mir selbst vollkommen neu.

So wurde dann also die Serie als Kunstform für mich geboren (Twin Peaks hat sicherlich noch nachgeholfen). Aber auch gleichzeitig die Bedingung, die eine Serie erfüllen muss, um mir zu gefallen: Story, Erzählweise und Visualität sind da längst nicht so entscheidend wie beim Film, am wichtigsten sind mir vielmehr Charaktere, die mich faszinieren, interessieren, die ich mögen kann, deren Weg ich unbedingt weiterverfolgen will. Im Film muss die Charakterdarstellung und -entwicklung tatsächlich eher kondensiert sein, in der Serie kann sie subtiler und damit eindringlicher vonstattengehen. Wenn ich keiner der Figuren einer Serie Sympathie entgegenbringen kann (ich habe allerdings auch eine ausgeprägte Schwäche für Bösewichte), wenn es mir egal ist, wie ihr Schicksal verläuft, dann hat sie tatsächlich keine Chance bei mir, so überzeugend auch alles andere sein mag. So habe ich nicht mehr als eine Staffel 24 durchgehalten, von Lost gar nur eine Folge und gelegentliches Reinzappen. Hand in Hand damit geht wohl auch meine eindeutige Vorliebe für Fortsetzungsserien, denn nur hier ist stete Weiterentwicklung wirklich möglich. Episodenserien ertrage ich nur als Sitcoms. Eine fortlaufende Handlung brauche ich dann doch, um die Dringlichkeit eines Weitersehens zu verspüren. Wenn ich etwas Abgeschlossenes sehen möchte, wende ich mich lieber an einen Film.

So haben es Serien nicht unbedingt leicht bei mir. Andererseits kann ich auch von einer gefesselt werden, die eigentlich nicht meinem Genre entspricht (z.B. das schon sehr zuckerwattige Gilmore Girls). Zum Glück gibt es aber ein nicht auf Werbegelder angewiesenes HBO und damit ein Serienniveau, das Türen geöffnet hat (wage ich mal nachzuplappern). Carnivàle war absolut genial und verdammt noch mal viel zu kurz, Band of Brothers und Angels in America auch nicht zu verachten, True Blood und Game of Thrones verdammt unterhaltsam und nach wie vor spannend. Doch auch andere Sender können was: Pushing Daisies habe ich so wahnsinnig gerne gesehen, Twin Peaks und The Prisoner waren feine Geniestreiche, Mad Men hat seine Mängel, mich aber weiterhin am Haken, und BBC liefert natürlich auch immer wieder literarische oder historische Schmankerl, wie der allseits beliebte Sherlock oder North & South.

Und nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich zeitweise meine Filmsucht vernachlässige, um mir eine Serienstaffel nach der anderen reinzuziehen. Denn es macht tatsächlich so Spaß, Figuren über eine lange Zeit zu folgen. Und da ich mich ja gerade erst auf diese Kunstform eingelassen habe, gibt es so viel zu erkunden, unüberschaubar viel nachzuholen (z.B. The Wire, Deadwood, The West Wing, evtl. The Sopranos) und Aktuelles auszuprobieren (z.B. Breaking Bad, Boardwalk Empire, Homeland, Downton Abbey).

Man merkt aber: Dramatisch muss es bei mir immer sein, auch wenn ich ab und zu nichts gegen ein wenig Sitcom-Unterhaltung habe. Nur Krimiserien, die langweilen mich nach wie vor zu Tode (kein Wunder: Episodenserien!).

An weiteren Tipps bin ich immer brennend interessiert. An welchen Serien seid ihr gerade dran?

Media Monday #7

Migränebedingt einen Tag zu spät …

1. Der beste Film mit Guy Pearce ist für mich das Meisterwerk Memento, doch L.A. Confidential und The Proposition sind auch verdammt gut.

2. Paul Thomas Anderson hat mit Magnolia seine beste Regiearbeit abgelegt, weil so viele tragische Figuren in einem Film mein Herz einfach zum Schmelzen bringen, aber eigentlich sind alle seine fünf Langfilme wirklich sehr gut.

3. Der beste Film mit Mila Kunis ist für mich gezwungenermaßen Black Swan, auch wenn selbst dieser alles andere als herausragend ist.

4. Gibt es einen Film, der geplant und bereits im Gespräch war, letztlich – oder bisher – noch nicht produziert worden ist, auf den ihr euch aber sehr gefreut hättet?
Alle nicht verwirklichten Projektideen von Stanley Kubrick natürlich. Unheimlich gefreut hätte ich mich allerdings auch über eine filmische Verwirklichung von Miltons Paradise Lost. Daraus könnte man mit Sicherheit einen Film machen, der an Wucht alles Dagewesene übertrifft. Da die geplante Crew daraus jedoch vermutlich nur einen mittelmäßigen Film à la Clash of the Titans gemacht hätte, ohne jegliche Tiefe und Tragweite, kann ich ob der Einstellung des Projekts glatt froh sein. Dazu bräuchte es schon einen Regisseur ganz anderen Kalibers als Alex Proyas. Und Bradley Cooper als Satan? Im Ernst?

5. In sich abgeschlossene Miniserien sehe ich sehr gerne. Sie sind nicht so ausufernd wie offene Serien (was ich natürlich auch mag), haben aber doch wesentlich mehr Zeit als ein Film, um Charaktere zu entwickeln und eine Geschichte zu erzählen. Positiv in Erinnerung geblieben sind mir beispielsweise Band of Brothers, Angels in America und North & South. Als Nächstes würde ich gerne Mildred Pierce sehen.

6. Filme mit mehreren Episoden und Erzählsträngen können gelungen sein, da sie verschiedene Perspektiven, größere Komplexität für ein Thema oder eine Geschichte erlauben. Beispiele wären eben Magnolia, oder The Hours. Was ich allerdings nicht besonders mag, sind Kompilationsfilme wie Paris, je t’aime.

7. Mein zuletzt gelesenes Buch war July’s People von Nadine Gordimer und das war bezüglich der Idee faszinierend, psychologisch fein beobachtet, aber letztlich doch unbefriedigend, weil die südafrikanische Nobelpreisträgerin im Detail überinterpretiert und in der übergreifenden Aussage uneindeutig bleibt.

von Medienjournal

North & South (BBC, 2004)

North & South erzählt eine Geschichte vom Kontrast zwischen landwirtschaftlichem, idyllischem Süden und industriellem, verschlossenem Norden Englands, vom Konflikt zwischen Moral und Profit/Erfolg, in dessen Verlauf eine aus dem Süden stammende, auf moralische Tugenden bestehende Pfarrerstochter und der mürrische, aber eigentlich aufgeschlossene Besitzer einer Baumwollverarbeitungsfabrik nach langen Differenzen zueinanderfinden. In der Zwischenzeit kommt es zum Streik der Fabrikarbeiter (deren soziales Elend nicht ausgespart wird) und damit zu einem Aufeinanderprallen zweier Überzeugungen, die sich später nur gezwungen, aber letztlich doch friedlich annähern.

Bedauerlich, dass ich Elizabeth Gaskells Romanvorlage noch nicht gelesen habe, hat mich diese Geschichte doch unerwartet sehr ergriffen. Während der letzten beiden (von insgesamt vier) Folgen hatte ich fast permanent Tränen in den Augen. Das liegt an der stets von Traurigkeit und Unglück(lichsein) getränkten, grauen Stimmung, aber auch an der gekonnt ausgewogenen Moralisierung neben nachvollziehbaren, bemitleidenswerten Einzelschicksalen. Gaskells Roman war revolutionär sozialkritisch und das merkt man der Serie an. Auch wenn die Damen hübsche große Kleider tragen, ist das hier keine Welt wie bei Jane Austen. Hier geht es ums Überleben, um Gerechtigkeit, um bittere Konsequenzen des eigenen Handelns.

Dennoch ist es natürlich keine dokumentarische Geschichtsstunde, sondern eine stilistische und dramaturgisch durchdachte, mit etwas zu vielen Zufällen gespickte Erzählung, die über die vier Stunden hinweg nicht an Spannung verliert. BBC hat hier wieder eine vollkommene Welt erschaffen, stimmig, ästhetisch und doch authentisch.

Selbst an der Liebesgeschichte, die meist für mich der Schwachpunkt ist, finde ich wenig auszusetzen. Sie verläuft zum Glück eher nebenbei, steht nicht im Vordergrund. Und die viktorianische Literatur hat doch vermutlich die interessantesten, da mysteriös-vielschichtigen männlichen Liebesparts zu bieten: hier der Thornton, dort ein Rochester, ja, selbst Darcy hat was. Der zynische Thornton wird hier von Richard Armitage zwar mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck gespielt, aber mit was für einem durchdringenden! Mit dem weiblichen Gegenpart sieht es dann oft anders aus: Aufrechte Wesen wie Margaret Hale (und z.B. Jane Eyre) können mich nämlich eigentlich nicht erreichen, doch ihr wohnt hier eine solche stille, würdevolle Verzweiflung inne, dass ich ihr doch ein bisschen Seelenfrieden, ein Zuhause wünschte. Die Liebesgeschichte selbst ist nun zwar durch Missverständnisse schon ein bisschen verkompliziert (was ich normalerweise hasse), aber entwickelt sich doch glaubhaft. Natürlich braucht es Zeit, bis sich zwei so verschiedene Charaktere aufeinander einlassen können. Zwar ist es schade, dass die Liebesgeschichte mit dem ersten Kuss endet, als wäre sie damit erzählt, aber die Geschichte ist dann eben zu Ende.

Trotz allem kann ich gar nicht ganz genau festmachen, was mich an North & South so begeistert hat. Es muss das Zusammenspiel sein, die stimmige, bedrückende, aber doch hoffnungsvolle Atmosphäre, die wunderbare Musik, die berührenden Schicksale, die mich glauben lassen, dass es das Beeindruckendste ist, was ich bisher von BBC gesehen habe (wobei sich das wahrscheinlich an einer Hand abzählen lässt).