persönlich

Stöckchen: Liebster Award II

Nach denen für SchönerDenken, habe ich erneut die Ehre, 11 Fragen für einen “Liebster Award” beantworten zu dürfen/müssen/können, diesmal für Alex Matzkeit. Vielen Dank – gar nicht so leichte Fragen, aber ich versuche es mal.

1. Glaubst du, dass du in deiner Lebenszeit noch eine große Umwälzung erleben wirst, die dich unmittelbar betrifft (Krieg, Naturkatastrophe, Revolution etc.)?
Dass ich mal ein ikonisches Ereignis am eigenen Leib erlebe kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, aber wahrscheinlich nur deswegen, weil es mir noch nie passiert ist und ich auch nicht das Bedürfnis danach habe. Aber Mensch und Natur sind so verrückt und verblüffen immer wieder mit ihrer Niederträchtigkeit, dass ich alles für möglich halte. In Angst davor möchte ich aber nicht leben. Und an zum Positiven wendende Revolutionen in der deutschen Gesellschaft kann ich nur schwer glauben.

2. Was macht dich glücklicher, Dinge die gelungen enden, oder Dinge, die gelungen immer weitergehen?
Das kommt darauf an. Ich brauche immer wieder neue Herausforderungen, die am besten an bereits gelungen abgeschlossene anschließen. Andererseits brauche ich aber auch eine sichere, dauerhaft gelungene Basis im Leben (meine Ehe z.B., aber auch Filme), die mir die Freiheit für diese Herausforderungen erst ermöglicht.

3. Verbindest du Gerüche mit Erinnerungen?
Ja, allerdings bleiben mir vor allem eklige Gerüche in Erinnerung.

4. Wünscht du dir Ruhm oder Bekanntheit?
Nein, ein überschaubarer Kreis von Freunden und Bewunderern reicht mir. ;)

5. Was ist dein Lieblingsfilm und warum?
Eigentlich habe ich keinen. Denn ein Film, der komplett auf meiner Wellenlänge surft, trotzdem herausfordernd ist und atemberaubend schön, der mir so sehr ein Zuhause ist wie Virginia Woolfs Romane, ist mir noch nicht untergekommen. 2001: A Space Odyssey kommt jedoch am nächsten an mein Filmideal heran.

6. Hast du jemals versucht, selbst Musik zu schreiben und mit welchem Ergebnis?
Nein, nur Prosa. Ich spiele auch kein Instrument und Singen macht mir keinen Spaß.

7. Wen bewunderst du und warum?
Menschen, die mit offenen Augen und einem klugen, eigenständigen Verstand Dinge wahrnehmen und mit originären, poetischen und auf den Punkt treffenden Worten beschreiben können. Und Menschen, die trotz der Aussichtslosigkeit versuchen, die Welt zu verbessern.

8. Welche Dinge kannst du dir gut merken?
Film- und Buchplots jedenfalls nicht. Namen auch nicht. Äh, wie war die Frage?

9. Hast du ein Hobby oder besonderes Interessensfeld, über das du (noch) nicht schreibst?
Klar, ich bin eine Frau mit vielen Interessen. Wenn ich mich denn aufraffen kann. Aber es ist schon schwierig genug, in nur einem Feld ein ansatzweise fundiertes Wissen zu erlangen und zu halten. Und ein, zwei Blogs lasten mich genug aus.

10. Gibt es einen Filmsoundtrack, den du besonders magst?
Eine besonders bevorzugte Zusammenstellung bereits vor dem Film existierender Songs und Stücke habe ich nicht. Aber ich liebe Filmmusik und müsste ich mich jetzt in diesem Moment auf einen Favorit festlegen, wählte ich die zu The Draughtsman’s Contract von Michael Nyman.

11. Welches Buch würdest du gerne noch lesen, das du noch nicht gelesen hast und warum weißt du, dass du es noch lesen willst?
Es gibt grob geschätzt eine Million Bücher, die ich noch lesen will, aber als Nächstes habe ich mir North and South vorgenommen, weil ich am liebsten englische Klassiker lese und schon bei der BBC-Verfilmung öfter mal was im Auge hatte.

Monatsrückblick 12/2014

Ich glaube, ich habe den Anschluss verloren. Und das bereits nach drei Monaten. In drei Monaten können aber doch einige Filme zusammenkommen, die man nicht gesehen hat. Dazu noch die verpassten Filme der vorhergehenden Monate, die ich im Normalfall auch schon nachgeholt hätte. Ich habe das Gefühl, dass mir mindestens das halbe Filmjahr fehlt (jedenfalls wenn ich diese allgegenwärtigen, verwerflichen Top Ten betrachte). Und die Regisseur_innen dieser Welt halten ja nicht mal eben für mich inne, damit ich auch dazu komme, alles in Ruhe nachzuholen, nein, sie werden auch in den kommenden Jahren fleißig Filme machen, sodass ich ganz sicher niemals wieder auf dem neuesten Stand sein werde. Dazu fährt mir logischerweise auch der Zug des aktuellen (deutschen) Filmblogosphärendiskurses davon. Und dabei ist er doch ein so wichtiger Teil meiner Freude am Film geworden.

Das ist scheiße. Ein essenzieller, nicht ersetzbarer Teil meines Lebens geht da verloren. Und die Welt wird so klein, wenn man nur sieben Filme pro Monat sieht – winzig klein und langweilig! Ich weiß wirklich nicht, wie andere Leute das aushalten.

  • gesehene Filme: 7
  • im Kino: 0
  • Erstsichtungen: 7
  • Serienstaffeln: 0

Fassbeth2

Vollständig überzeugt hat mich im Dezember eigentlich kein Film, der eine Macbeth (Rupert Goold, 2010) und Starred Up (Mauern der Gewalt – David Mackenzie, 2013) haben aber immerhin positive Assoziationen hinterlassen.

Zusätzlich wurde auch noch der deutsche Kinostart des Filmereignisses des Jahrhunderts zurückgezogen. Wer weiß, ob man ihm überhaupt noch ein Leben auf öffentlichen Leinwänden zugesteht oder ihn wieder nur irgendwann heimlich, still und leise für private Bildschirme verheizt, damit auch ja niemand, der nicht selbst darauf kommt, auf Hochkultur (und hoffentlich eine wunderbar ungewohnt unbequeme Reflexion über Ehrgeiz, Gewalt und Wahn) gestoßen wird. Man geht wohl davon aus, dass das Interesse nicht allzu groß ist und hat womöglich noch recht damit. Das macht mich an der Angelegenheit am traurigsten und wütendsten (neben der Ungewissheit). Früher hätte man eine Shakespeare-Verfilmung mit dieser Besetzung doch nicht versteckt.

Stöckchen: One Lovely Blog Award

Die emsige Stöckchenwurfmeisterin GO*rana hat wieder zugeschlagen. Dieses Mal gibt es sogar einen Award (vielen Dank!) – aber leider nicht umsonst. Ich soll dafür 7 persönliche Fakten über mich aufschreiben, und dabei bin ich doch so langweilig …

  1. Ich habe noch niemanden aus meiner Twitter-Timeline persönlich getroffen, dafür habe ich meinen Mann im einst heimeligen studiVZ kennengelernt. Ich glaube, das studiVZ war überhaupt der Einstieg in mein Online-Leben und damit war ich wohl generell etwas spät dran.
  2. Nach allerlei Medien, Künsten und generell Inhalten und Auswüchsen des menschlichen Geistes, sind meine liebste Beschäftigung Gesellschaftsspiele, bevorzugt, Brett-, aber auch Kartenspiele, gerne auch anspruchsvollere strategische. Ich bin eine schlechte Verliererin, rege mich aber auch schnell wieder ab.
  3. Meine ganze Jugend und junge Erwachsenenzeit über war ich überzeugt davon, mal Schriftstellerin zu werden. Bis ich irgendwann Fähigkeit und Ideen verlor. Manchmal fehlt es mir sehr, aber ich kann es ja nicht erzwingen. Die Lücke muss nun eben das Bloggen füllen.
  4. Ich war noch nie so richtig betrunken und bisher vermisse ich nichts (zumindest DAS nicht – da gibt es ganz andere Sachen). Es ist allerdings schon paradox, dass Alkoholverzicht einer Rechtfertigung bedarf und das Gegenteil nicht. Aber Gesellschaftskonventionen sind ja generell komisch.
  5. Rein ästhetisch und die Geisteshaltung betreffend, bin ich zur falschen Zeit geboren. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sind meine Heimat: Jugendstil! Kate Winslets Kleider in Titanic! Ontologie, Modernismus, Skeptizismus, Subjektivismus! Urbanisierung! Die Geburtsstunde des Kinos und der Psychologie! Andererseits würde ich die Privilegien und das Internet dieser unserer Zeit nicht missen wollen. Und Weltkriege finde ich auch nicht so erquickend.
  6. Ich bin ein unsteter Mensch. Ständig brauche ich eine neue Herausforderung. Nicht nur, aber auch deswegen studiere ich jetzt mit 30 bereits zum zweiten Mal. Umso erstaunlicher ist es, dass ich doch eine Konstante habe im Leben: Film.
  7. Ich mag Toffifee, Schwarzwälder Kirschtorte, Oliven, Zucchini und würzigen Käse (nicht zwangsläufig in Kombination). Außerdem schwarzen Tee mit Milch, Irland, Prag und New York City, Schafe und Meerschweinchen, Nebel (aber doch nicht wochenlang!), Gewitter in der Nacht, grüne, etwas dunstig wirkende Gemälde (musste ich zumindest feststellen, als ich meine Drucke im neuen Zimmer verteilte), besonders “Hope” von George Frederic Watts, Kleider im 60er-Jahre-Schnitt, Spitze, Tweed, Schnürstiefel, rosenholzfarbenen Lippenstift, mein Smartphone und mein Bett. Und dann noch das Zweifeln und das Staunen.

Stöckchen: Film-/Serienrollen, die meinen Frauengeschmack beeinflussten

Oder so ähnlich. Tatsächlich ließ mir das Thema keine Ruhe, bis die Liste an Frauenrollen, die mich besonders beeindruckten, in meinem Kopf komplett war (sofern sie das je sein kann). Manche Frauenrollen, die ich toll finde, funktionieren schon ähnlich den Männerrollen, die ich toll finde – indem ich gerne mit ihnen befreundet wäre. Andere der genannten Frauenrollen bewundere ich schlicht und in wieder anderen erkenne ich mich selbst. Noch deutlicher als bei den Männern läuft es in vielen Fällen allerdings eher auf generelle Schauspielerinnen-Crushes hinaus, was nicht direkt der Aufgabe entspricht, aber was solls?

Anna Paquin als Flora McGrath in The Piano:

Ich kann nicht oft genug von ihr schwärmen, von dieser echten, lebendigen, temperamentvollen, eigenständigen kleinen Figur, deren Handlungsweisen mich an mein eigenes Kindsein erinnern.

Julianne Moore als Linda Partridge in Magnolia und als Laura Brown in The Hours:

Ich bewundere ihre vollständige Entblößung menschlicher Hilflosigkeit und Verzweiflung, aber auch ihre Kampfbereitschaft dabei, die eigene Schwäche anzuerkennen und einen Weg zu finden, auch wenn er unkonventionell ist. (Außerdem sind rote Haare die schönsten Haare.)

Nicole Kidman als Virginia Woolf in The Hours (aber auch beispielsweise in Dogville und Birth):

Ihre Darstellung unterscheidet sich deutlich von der Virginia Woolf, die in meinem Kopf lebt und sehr wahrscheinlich auch von der realen. Was sie jedoch gut zu vermitteln vermag, ist eine Ängstlichkeit, Zaghaftigkeit und Morbidität, aber gleichzeitig eine unbändige Lust zu erfahren und zu empfinden. Generell liebe ich Nicole Kidmans Zartheit und Verletzlichkeit, die aber auch ungeahnte Niedertracht verbergen kann.

Alexis Bledel als Rory Gilmore in Gilmore Girls:

Der perfekte Mensch (imho). Unverschämt beliebt, hübsch, klug, sensibel, fleißig, schlagfertig, begeisterungs- und durchsetzungsfähig, mit perfekten Haaren und einem klassischen College-Stil zum Niederknien. Es gab eine Zeit, da hätte ich viel gegeben, um wie sie zu sein.

Jean Seberg als Patricia Franchini in À bout de souffle:

Es ist mir ein bisschen unangenehm, aber da ich mich an die Rolle selbst nur noch wenig erinnern kann, muss ich sie auf ihr bezauberndes Äußeres reduzieren. Sie ist nun mal das perfekte Beispiel dafür, wie zart und elegant ein Pixie-Cut mit schlankem Hals aussehen kann. (Tatsächlich finde ich, dass jede Schauspielerin den Höhepunkt ihrer Schönheit erreichte, wenn sie ihre Haare so raspelkurz trug – ob Nicole Kidman, Michelle Williams, Natalie Portman, Emma Watson, Charlize Theron oder Anne Hathaway. Aber das ist natürlich Geschmackssache.) Und um ihren Lidstrich beneide ich sie sowieso.

Grace Kelly als Lisa Fremont in Rear Window:

Schöner wirds nicht. Vollkommene Klarheit, Anmut und Eleganz, gepaart mit Selbstbewusstsein, Mut und einem Hang zu Sturheit und Neckereien. Jefferies ist verrückt, dass er sich lieber mit den Nachbarn beschäftigt als mit ihr.

Tilda Swinton als Orlando:

Orlando und Tilda Swinton, das ist die schicksalhafteste Romanfigur-Schauspieler-Paarung, die ich kenne – und längst nicht nur wegen Tildas androgynem Äußeren, das ihr erst ermöglicht, beide Geschlechter so leichtfüßig darzustellen. Sie trägt auch Orlandos Reinheit und kindliches Staunen, die Fähigkeit zu großer Liebe und großem Leid, die Freude am Leben und an der Vielfalt und nicht zuletzt zeitlose Züge. Wer, wenn nicht Tilda Swinton, kann ewig leben?

Kate Winslet als April Wheeler in Revolutionary Road:

In meinen Augen eine der stärksten und ikonischsten weiblichen Darstellungen diesseits der 2000. In jedem Moment steckt vollste Ausdruckskraft, eine willensstarke, stolze, verletzliche, sehnsüchtige Persönlichkeit mit bewundernswerter Kompromisslosigkeit.

Mia Wasikowska als Sophie in In Treatment:

Sie weckte in mir zu gleichen Teilen Identifikation (obwohl ihr Charakter meinem nur wenig ähnelt), Mitgefühl und einen Beschützerinstinkt. Sie war mir einfach nah und vertraut, und Mia Wasikowska ist eine so interessante, eigenständige (obwohl auf den ersten Blick unscheinbare) junge Schauspielerin.

Judi Dench in der Gesamtheit ihrer Rollen:

Es ist ein Wunder, wie sie zwischen unbarmherziger, durchsetzungsfähiger Matriarchin und kindlicher, naiver, sensibler Dame oszillieren kann. Dabei ruht sie stets so wundervoll in sich selbst. Wenn ich groß bin, möchte ich eine Haltung haben wie Judi Dench.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich zudem Audrey Hepburn, Thora Birch, Michelle Williams und Cate Blanchett, wobei ich aber nicht genau wusste, woher und wohin mit ihnen. Und Michelle Dockery und Laura Carmichael. Und natürlich die Damen aus Six Feet Under. Und und und …

Monatsrückblick 10/2014

Wie befürchtet, hielten mich Umzug und Studienbeginn im Oktober vom Filmschauen ab. Allerdings macht es auch nicht den Eindruck, als könnte sich das bessern. Das Studierendenleben ist nicht mehr, was es (bei mir) mal war, und an einer FH schon gar nicht. Für Müßiggang und Selbstentfaltung bleibt weder Zeit noch Energie, und so habe ich abends keine Lust, noch einen Film einzuschieben, bevor ich um zehn ins Bett falle. Und wenn es doch mal gelingt, fehlt der Antrieb, meine Gedanken zum Film dann auch noch in niederschreibenswürdige Sätze zu formen. Mein Energietank ist einfach generell schnell leer und füllt sich nur langsam wieder.

Noch finde ich diese Filmsituation nicht allzu bedauerlich, da mein Leben eben anderweitig gut gefüllt ist, aber ich merke bereits, das mir der Reichtum an Eindrücken und Erfahrungen, die Filme bieten, fehlt. Filme sind kein Ersatz für reale Erlebnisse und Kontakte, sie bieten vielmehr eine zusätzliche Welt, eine Vielfalt an Begegnungen, Gedankenanstößen und Schönheiten, die wiederum von der Realität nicht zu ersetzen oder auch nur nachzuahmen ist. Ich brauche beides in meinem Leben, damit es sich komplett anfühlt.

  • gesehene Filme: 5
  • im Kino: 2
  • Erstsichtungen: 5
  • Serienstaffeln: 0

TheBoxtrollsSnap

Ungefähr nach Grad des Zusagens geordnet:

  • The Boxtrolls (Die Boxtrolls – Graham Annable / Anthony Stacchi, 2014): Die erschaffene Welt zieht sofort hinein und verzaubert, die Themen sind düster und sozialpolitisch und die Figuren optisch ungewohnt hässlich statt anbiedernd niedlich, trotzdem aber in ihren Eigenarten unheimlich putzig und sympathisch. Nur den Bösewicht finde ich überproportional und undifferenziert (außerdem bleibt seine Nebentätigkeit unerklärt). Dennoch ein weiteres Stop-Motion-Filmwunder, das glücklich macht. Danke, Laika, dass es dich gibt.
  • The Quiet Earth (Quiet Earth – Das letzte Experiment – Geoff Murphy, 1983)
  • Gone Girl (David Fincher, 2014): Wäre der Film mal so faszinierend wie die Gender-Diskussion, die er auslöste.
  • Somersault (Cate Shortland, 2004)
  • Macbeth (Jack Gold, 1983)

Stöckchen: Film-/Serienrollen, die meinen Männergeschmack beeinflussten

In der ERGOThek habe ich mal wieder ein Stöckchen gesehen, das ich mir diesmal sogar ganz freiwillig geklaut habe – weil ich mich zumindest früher (als es noch am realen Traummann mangelte) unheimlich gerne vor Leinwand und Mattscheibe für ein paar Stündchen verliebt habe. Es hat schon (auch immer noch) seinen Reiz, eine Weile einen Mann passiv und voyeuristisch zu begleiten, der anziehend ist, aber in der Realität viel zu anstrengend (oder einschüchternd) wäre. Deswegen haben mir diese Rollen auch nichts verdorben, weil mir meist doch klar war, dass ich jemand anderen brauche. Aber träumen und fantasieren darf man ja.

Ich würde das Stöckchen allerdings etwas anders formulieren: Film-/Serienrollen, die mir meinen Männergeschmack erst richtig bewusst gemacht und ausformuliert haben. Denn ich denke, dass die Vorliebe definitiv vor den Filmen da war.

Dazu sagen muss ich, dass die meisten dieser Schwärmereien lange her sind und ich den ersten genannten Kerlen heute sicher nicht mehr so verfallen würde. Ein Muster erkenne ich persönlich dennoch, und generell lassen sich diese Rollen leicht herunterbrechen: Sie sind allesamt kluge, traurige Einzelgänger. Solche gehen mir einfach nah, die entfachen etwas in mir. Und tatsächlich habe ich so einen dann auch geheiratet.

Louis de Pointe du Lac (Brad Pitt) aus Interview with the Vampire:

Ein sensibler, an Weltschmerz leidender Unsterblicher, der mit seinem Dasein hadert und zu herzensgut ist, um Menschenleben zu nehmen. Er verbindet damit wunderbar Unnahbarkeit, Sinnlichkeit, Empfindsamkeit und Empathie.

Vincent Anton Freeman (Ethan Hawke) aus Gattaca:

Gattaca ist ja eines der ganz wenigen “Du-kannst-alles-schaffen-wenn-du-nur-an-dich-glaubst-und-hart-arbeitest-Märchen”, das ich akzeptiere. Das liegt an der differenzierten Ausarbeitung dieser Aussage, am generell pessimistischen Weltbild und am sehnsüchtigen Träumer Vincent (schon der Name!), dessen Traum von Verzweiflung angetrieben scheint, von einem wesenhaften Zwang und von dem Wunsch, diese grausame Welt zu verlassen und eine andere Heimat zu finden.

Männergeschmack3.1

Ricky Fitts (Wes Bentley) aus American Beauty:

Diese Besessenheit war groß und lang, obwohl mir schon damals bewusst gewesen sein muss, dass er viel zu selbstbewusst ist, als dass ich mich mit ihm hätte wohlfühlen können. Was machte ihn für mich aus? Eine Andersartigkeit, die pathologisch ist, Unvorhersehbarkeit und Abgründe, die Aggression und damit Macht zulassen, aber gleichzeitig ein empfindsames, schwarzromantisches Gespür, Erhabenheit, der Eindruck, dass er über allem steht und alles und jeden mit einem Blick durchschaut (und somit auch innere Schönheit sofort erkennt und sich gar nicht von Äußerlichkeiten blenden lässt – Balsam für die unsichere Teenagerseele) und schließlich eine Wahrnehmung, die schnöder bürgerlicher Durchschnittlichkeit entkommt. Und das in der perfekten Hülle des attraktiven, aber geheimnisvollen Wes Bentley mit den durchdringenden Augen. Sein benevolentes Weltbild hat mich tatsächlich einige Jahre geprägt, heute könnte er mich damit aber wohl nicht mehr hinterm Ofen vorlocken. Als ganz eigentümlich erdachte und gespielte Figur empfinde ich ihn aber immer noch.

Commodus (Joaquin Phoenix) aus Gladiator:

Commodus ist vielleicht mein Loki. Eine Zeit lang waren die kaputten Bösewichte eben die Attraktivsten. Die kann man retten und die Guten sind sowieso langweilig. Und Commodus braucht doch eigentlich nur ein bisschen Liebe (was ich heutzutage natürlich nicht mehr für eine akzeptable Rechtfertigung von Gewalt halte). Entscheidend ist aber eigentlich nur, dass ich eben seit Gladiator, seit dem Jahr 2000, Fan von Joaquin Phoenix bin, alle seine Filme und Karriereschlenker verfolgt habe und unheimlich glücklich darüber bin, dass er sein Talent nicht verschenkt hat und heute in einem für ihn idealen Arbeitsumfeld angelangt ist, das ihm erlaubt zu zeigen, was für ein einmaliger, starker Schauspieler er ist. Außerdem ist er der zweitschönste Mann der Welt, auch gerade durch sein unperfektes, komplexes Gesicht, in dessen Tiefe und Ernsthaftigkeit man vollkommen versinken kann. Er kann mit seiner Kopfbehaarung anstellen, was er will, die Augen sind und bleiben seelendurchbohrend.

Jess Mariano (Milo Ventimiglia) auf Gilmore Girls:

Er ist vielleicht etwas arg eifersüchtig und maulfaul, aber als intellektueller, wütender, verletzter Rebell doch einfach zu schnucklig. Ein kluger Bad Boy!

Russell Corwin (Ben Foster) aus Six Feet Under:

Der unsichere, einsame, etwas verwirrte Künstler. Eine Schande, dass Claire ihm nicht noch eine Chance gegeben hat (obwohl ich ihre Flucht vor seiner Abhängigkeit verstehe). Und Ben Foster entwickelte sich seither ja auch zu einem Lieblingsschauspieler. Er hat das süßeste Lächeln, während seine Augen stets traurig sind (immer diese Augen!).

Ben Hawkins (Nick Stahl) aus Carnivàle:

Ein widerspenstiger, unbeholfener Superheld, dem ich nur allzu gerne dabei geholfen hätte, sich selbst und seinen Platz in der Welt zu finden.

Rochester (Michael Fassbender) aus Jane Eyre:

Dürfte ich nur eine Rolle des fabulösen Herrn Fassbender behalten, dann wäre es Rochester, auch wenn sie kleiner ist als viele seiner anderen. Aber dieser Rochester geht mir durch Mark und Bein. Er ist vielleicht für mich, was für viele Colin Firths Darcy ist. Der edle Ritter mit harter Schale und weichem Kern – und Fassbender ist natürlich härter und weicher als alle anderen! Mit durchdringender Direktheit und Charisma und einer herzerweichenden Verlorenheit.

Rustin Cohle (Matthew McConaughey) aus True Detective:

Der pessimistische Byronic Hero in engen Hemden. Vielleicht ein Anti-Ricky-Fitts. Anzufangen wäre mit ihm auf Dauer nichts, aber ich habe Matthew McConaughey (erstaunlich!) gerne dabei zugesehen, wie er sich im Leid suhlt und es gleichzeitig aus anderen Sphären heraus kommentiert.

Irgendwo dazwischen gehört eigentlich auch noch eine Rolle von Kevin Spacey, da mich seine Coolness einige Zeit schon sehr angemacht hat – ich weiß nur nicht, welche. Und ob ich in Edward Scissorhands und Cal Trask (James Dean) genug verliebt war, um ihnen hier einen eigenen Platz zu widmen, weiß ich leider nicht mehr, aber eine Nennung sind sie allemal wert. Wäre ich außerdem zur Zeit von The Place Beyond the Pines jünger gewesen, hätte ich mich auch sehr in Jason (Dane DeHaan) verknallt.

Eine solche Liste könnte ich übrigens auch für weibliche Rollen erstellen, auch wenn das Verliebtsein da ein bisschen anders funktioniert.

Stöckchen: Mein Leben in 15 Songs

Huch, ein Musik-Stöckchen von ERGO. Dabei spielt Musik in meinem Leben doch schon eine geringere Rolle als bei vielen anderen. Wenn ich darüber nachdenke, welche Songs bestimmte Epochen in meinem Leben besonders prägten oder repräsentieren, fällt mir auf, dass ich zwar vieles und Vielseitiges gehört habe, die meisten Bands und Alben aber eher rasch und spurlos an mir vorbeizogen. Es gibt nur wenige Musiker und Musikstücke, die deutlich hervorragen. Mal sehen, ob ich überhaupt 15 zusammenbekomme. Mehr oder weniger chronologisch nach Entdeckungszeitpunkt:

Pink Floyd: “Another Brick in the Wall”

The Wall und der The Blues Brothers-Soundtrack waren die Lieblingsplatten meines Vaters. Sie stehen also für meine Kindheit (passt ja auch sehr gut).

Meat Loaf: “I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)”

Mein erster richtiger Lieblingssong. Da muss ich 10 gewesen sein. Könnte schlimmer sein, denke ich. Irgendwie finde ich ihn sogar immer noch großartig und das Video ist ja wohl echt stark! Nachher hatte ich allerdings nie mehr etwas mit Meat Loaf zu tun (abgesehen vom einen oder anderen Film). Auf epische Rockmusik stehe ich allerdings heute noch, nur anders.

Savage Garden: “Truly Madly Deeply”

Beginn der Pop-Phase. Könnte auch schlimmer sein, oder? Außerdem fand ich Darren Hayes süß.

Danach folgte tatsächlich noch eine Boygroup- und Popsternchen-Phase, die aber keine Spuren hinterlassen hat, deswegen überspringe ich sie.

Dido: “Here With Me”

No Angel lief damals in Dauerrotation und das verstehe ich heute noch sehr gut. Perfekte düstere Popmusik.

Thomas Newman: “Any Other Name”

American Beauty war der Film meiner Adoleszenz und Thomas Newmans Score daher die Musik dazu. Dieses Stück treibt mir aber auch jetzt noch sofort die Tränen in die Augen und ich muss sehnsüchtig an meine erste große Liebe, Ricky Fitts, denken.

3 Doors Down: “Duck and Run”

Mit 16 fand ich dann aber glücklicherweise doch auch zur Rockmusik (wenn auch erst mal zu recht konventioneller). 3 Doors Down verdanke ich meine erste Konzert- und einzige Festivalerfahrung (Rock im Park 2000). Wichtig war zu der Zeit auch z.B. Staind mit “It’s Been Awhile”. Zumindest 3 Doors Down finde ich heute aber ziemlich schrecklich (die Texte, oh je).

Aimee Mann: “Humpty Dumpty”

Klar, Paul Thomas Anderson ist schuld. Ich war einige Jahre auch wirklich sehr großer Fan, Lost in Space ist eine der meistgespielten CDs in meiner Sammlung.

Michael Nyman: “The Heart Asks Pleasure First / The Promise”

Für viele Jahre das allerschönste Stück Musik, das mich vollkommen ausdrückt. Aber das wisst ihr ja.

Tori Amos: “Precious Things” / “Space Dog”

Tori Amos ist meine Musikgöttin. Und das liegt gar nicht zuallererst an ihrer Musik, obwohl ich unendlich bewundere, wie es ihr gelingt, seit über 20 Jahren in absoluter Regelmäßigkeit Musik zu veröffentlichen, die sich nie wiederholt, die immer wieder eine neue Facette ihres auf den ersten Blick überschaubaren künstlerischen Könnens zeigt. Aber vor allem hat mich bisher kein Konzert so begeistert, wie ihres 2007 in Nürnberg. Sie sitzt zwar “nur” die ganze Zeit hinter ihrem Flügel, aber sie spielt ihre Musik nicht nur herunter, sie macht sie erst verständlich und erfahrbar, sie fühlt sie nach außen. Das ist gelebte Musik auf der Bühne, was ich so bei noch keinem anderen Musiker erlebt habe. Und genau dafür liebe ich sie.

Philip Glass: “Escape!”

The Hours ist auf vielen Ebenen ein wichtiger Film für mich, der auch irgendwie einen meiner Lebensabschnitte repräsentiert. Er führte mich nicht nur zu meiner verwandten Seele Virginia Woolf, sondern auch zu Philip Glass – ein Komponist, den ich seither fast so sehr schätze wie Michael Nyman. Ich habe ihn sogar schon mal live spielen sehen, bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden 2010, als er mit dem Kronos Quartet Dracula (von Tod Browning) begleitete (was mich wiederum stets an mein halbes Jahr im Erzgebirge erinnert).

Nine Inch Nails: “Mr. Self Destruct”

Jeder an der Welt und den Menschen leidende Teenager muss ja wohl irgendwann bei Nine Inch Nails landen. Ich war halt schon ein bisschen klischeehaft. Was Trent Reznor heute so macht, finde ich aber wieder interessant, seine Filmmusik und How To Destroy Angels etwa.

Slut: “Global Cut”

Die Musik zu den ersten Studienjahren.

A Perfect Circle: “The Outsider”

Die sah ich zufällig auf MTV – was es damals noch alles gab! Welcher Song es genau war, weiß ich zwar leider nicht mehr, das ist aber auch nicht so wichtig, da sie für mich vor allem die Brücke zu Tool darstellten.

Tool: “Schism” / “Roseta Stoned”

Und Tool ist seither meine absolute Lieblingsband. Keine andere Musik lässt mich so Großes und Tiefes fühlen. Daher kann ich sie auch nur in einer besonderen Stimmung hören. Und in Maynard James Keenans Karamell-Stimme möchte ich am liebsten baden. (Puscifer mag ich übrigens auch sehr.)

Aphex Twin: “Cilonen”

Die Musik zum Auslandssemester in Nordirland. Damit auf den Ohren durch die vielseitige, raue irische Landschaft zu fahren, war einer der schönsten Momente meines Lebens. Das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen, aber seine Musik ist doch sehr rein.

Porcupine Tree: “Fear of a Blank Planet”

Gegen Mitte 20 hatte ich dann ein Jahr, in dem ich extrem viel Musik gehört habe (auch unterwegs, ständig mit Stöpseln in den Ohren, was ich heute kaum noch mache), vor allem Prog- und Post-Rock. Das ist auch im Großen und Ganzen die Musikrichtung, mit der ich mich am meisten identifiziere. Sie ist doch ein sehr gutes Äquivalent zu den epischen, handlungsarmen Filmen, die ich so mag, oder? Und hier schließt sich auch der Kreis zum ersten Song – schön. (Fürs Protokoll: Die Texte von Porcupine Tree sind manchmal leider sehr plump.)

Die beiden Lieder, die mein Freund für mich schrieb

Natürlich.

Danach folgten hauptsächlich ganz musikfreie Phasen, Wiederholungen oder eher kurze Affären (Dredg, Patrick Wolf, Godspeed You! Black Emperor, Editors, Bat for Lashes, Florence + The Machine, The Jezabels, The Boxer Rebellion und Agnes Obel etwa). Ich kaufe mir aber auch kaum noch CDs, beschäftige mich nicht mehr wochenlang nur mit einem Album. So hat Musik ja gar keine Chance, sich einzubrennen. Eigentlich schade.

Und jetzt sinds doch sogar ein paar mehr als 15 Songs geworden. Macht nichts, oder? Ich werfe nicht weiter, obwohl mich die Antworten von Sonja, Sebastian und Annika schon brennend interessieren würden.

Media Monday #49

Erst mal ein bisschen Werbung: Mein Film-Leuchtturm hat nun auch eine Facebook-Seite, auf der ich – versprochen – nicht nur Links zum Blog teilen werde. “Gefällt mir” klicken lohnt also bestimmt. ;)

1. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind/(gerade-noch-)Teenager den Film Dogville sah und daran, dass die Wirkung und Aussage trotz der Kargheit des Sets und generellen Einfachheit der Inszenierung mich tief beeindruckt hat.

2. Das hatte nicht nur zur Folge, dass ich konzentrierte und verquere Filme (da hatte ich wahrscheinlich auch gerade meine Fellini-Phase) ohne großen Schnickschnack für die einzig wahre Filmkunst hielt, sondern auch, dass ich Bombast, Spezialeffekte und dergleichen ablehnte.

3. In den darauffolgenden Jahren habe ich diese seltsame Meinung aber ganz schnell abgelegt zugunsten der Ansicht, dass Film auf alle nur denkbaren Weisen sein darf und gelingen kann. Außerdem liebe ich visuell durchdachte, opulent und malerisch gestaltete Bilder (auch gerne mit Spezialeffekten) nun schon eine ganze Weile über alles.

4. Deshalb verwundert mich meine naive jungendliche Engstirnigkeit noch heute.

5. Aber vielleicht musste ich diese Phase dennoch durchmachen, um da anzukommen, wo ich jetzt stehe. Dogville war zwar keiner der Filme aus meiner Jugend, die auf mich persönlich eine große Wirkung hatten (wie American Beauty, Gattaca, The Hours), in Sachen Filmrezeption war er so gesehen aber möglicherweise doch eines der prägendsten Filmerlebnisse für mich.

von Medienjournal

Monatsrückblick 07/2013

Was für ein Monat! Nicht nur habe ich die ausladendste Werkschau beendet, die ich vermutlich jemals machen werde, ich habe auch die erste intensive Filmfest-Erfahrung gemacht und war damit in einem Monat so oft im Kino, wie manchmal in einem halben Jahr nicht. Dazu habe ich hier so viel geschrieben wie nie, worauf ich schon ein bisschen stolz bin, insbesondere darauf, dass ich es geschafft habe, zu jedem Filmfestfilm einen ganzen Absatz zu hinterlassen (trotz oftmaliger Müdigkeit). Denn ich möchte besser werden  – darin, das Spezifische eines Films, das Gelungene und weniger Gelungene zu erkennen und zu benennen. Allerdings musste ich da wieder einsehen, als ich meine Beobachtungen mit denen von Profis verglich, dass meine Besprechungen doch immer noch weit davon entfernt sind, hellsichtig, geistreich und gut zu sein. Mir fehlt der feinfühlige, genaue, analytische, scharfsinnige Blick, den ich wahrscheinlich auch nicht mehr erlernen werde, schließlich beschäftige ich mich nicht erst seit gestern mit Filmen. Ich habe zwar meine lichten Momente, aber wer hat die nicht? Das ist schon schade, aber hier kann ich mich ja trotzdem austoben, auch ohne besondere Fähigkeiten, ohne eine bestimmte Leistung erbringen zu müssen.

Ansonsten bin ich erstaunt, wie klar sich die einzelnen Filme noch in meinem Kopf darstellen, obwohl sie so eng gedrängt waren. Ich habe allerdings das Gefühl, dass meine nachträgliche Einschätzung nicht allzu zuverlässig ist. Einige der Filme würde ich gerne noch mal sehen, um zu prüfen, ob sie alleinstehend, mit mehr zeitlichem Raum auch bestehen können. Ich kann das schlecht erklären, aber mir kommt es schon so vor, als wäre ich gerade beim Filmfest sehr positiv und wohlwollend eingestellt gewesen.

  • gesehene Filme: 37
  • im Kino: 25
  • Erstsichtungen: 32

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Am besten gefallen haben mir:

Auch sehr sehenswert:

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Enttäuscht haben mich:

  • Yi dai zong shi (The Grandmaster – Wong Kar-Wai, 2013)
  • Topaz (Topas – Alfred Hitchcock, 1969)
  • Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang – Alfred Hitchcock, 1966)
  • Like Someone in Love (Abbas Kiarostami, 2012)
  • Lawless (John Hillcoat, 2012)
  • und von La vie d’Adèle (Abdellatif Kechiche, 2013) habe ich mir schon auch etwas mehr versprochen, obwohl es wirklich kein schlechter Film ist

Ansonsten ist aus diesen vielen, vielen Eindrücken haften geblieben:

  • zahlreiche tolle weibliche Rollen, starke und schwache, vor allem beides in Einklang – und ich war überrascht zu entdecken, dass bei immerhin 10 der Filme Frauen (mit) Regie führten, vor allem deutsche und französische
  • Schauspieler_innen, ganz besonders: Suzanne Clément, Paulina García, Caleb Landry Jones
  • weitere Schauspieler_innen: Helmut Berger, Tippi Hedren und Sean Connery, Barbara Harris und Bruce Dern, Nina Hoss, Toni Servillo, Adèle Exarchopoulos, Nastassja Kinski
  • die Ideen von Finsterworld, La Grande Bellezza, Au bout du conte, Antiviral
  • die Kameraarbeiten in: El artista y la modelo (von Daniel Vilar), La Grande Bellezza (von Luca Bigazzi), Das merkwürdige Kätzchen (von Alexander Haßkerl), Leviathan (von Lucien Castaing-Taylor, Verena Paravel und der Natur selbst)
  • der Einsatz von Musik in Laurence Anyways, La Grande Bellezza (dem klassischen Teil des Soundtracks bin ich vollkommen verfallen)

Gloria2

Fazit: Nach diesem extrem filmintensiven Monat habe ich ein eindeutiges und sehr persönliches Fazit zu ziehen: Doch, ich könnte mich in meinem Leben hauptsächlich mit Filmen beschäftigen, den Großteil der Zeit ihnen widmen, sie würden mir nie zu viel werden, zu anstrengend, zu öde, zu satt. Und es ist ungeheuer beruhigend, diesen sicheren Pol, ja, diesen Leuchtturm zu haben, der bleibt, wenn mich sonst nichts mehr packen kann, wenn ich allem anderen überdrüssig bin (und das passiert schnell). Solange es Filme gibt, kann mein Leben gar nicht völlig inhaltslos sein.

Rear Window (Das Fenster zum Hof – Alfred Hitchcock, 1954)

“We’ve become a race of Peeping Toms.”

Da Rear Window einer der neun Filme war, über die ich meine (völlig unnütze und wertlose, aber mir sehr viel Arbeit und Freude bereitende) Magisterarbeit schrieb, kenne ich ihn nicht nur sehr gut, er ist mir auch ans Herz gewachsen. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen und war nun besonders gespannt, wie er mit diesem Abstand und im Licht der anderen Hitchcock-Filme wirken würde. Und ich war wieder begeistert, vielleicht sogar mehr als damals.

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Früher nahm ich ihn nur als Film über Filmrezeption an sich wahr, heute erkenne ich zusätzlich einen Kommentar zu Hitchcocks eigenen Themenvorlieben. In seinen letzten Filmen rückten zunehmend die Faszination und Verführungskräfte des Bösen in den Vordergrund. Fast jeder Protagonist scheint latent zum Verbrechen fähig und diese Neigung vielleicht nur zu unterdrücken. Der Mörder lebt die geheimen Wünsche des Unschuldigen mit aus und macht jenen zum Mitwissenden, zum Zuschauer aus der Ferne quasi. Schuldiger und Unschuldiger werden gegenübergestellt, erscheinen wie zwei Seiten einer instabilen Medaille. Truffaut beobachtete es treffend: “Fast alle Ihre Filme erzählen die Geschichte eines ausgetauschten Mords. Im allgemeinen kommt der, der den Mord begangen hat, ebenso vor wie der, der ihn hätte begehen können” (Truffaut, S. 195). Außerdem werden die Bösen zunehmend genüsslich, charismatisch, clever in Szene gesetzt, sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, sie sind das Spektakel des Films.

Und genau dieser Genuss am Ausstellen des moralisch Ambivalenten für einen Zuschauer wird in Rear Window konsequent weitergedacht, indem er eben nicht nur die Inszenierung darstellt (auf Bühnen vor oder hinter Fensterrahmen, inklusive Jefferies’ Wohnung), sondern auch den Zuschauer und seine Lust am Verbrechen, seine Gier nach dem Bösen. Jefferies lechzt doch geradezu nach diesem Mord und verführt schließlich sogar ganz gekonnt die beiden skeptischen Frauen dazu, seine Schaulust zu teilen. Es ist zwar kein unkritisches Porträt des Voyeurs, da er am laufenden Band getadelt wird und seine Passivität beinahe zu einem Unglück führt. Außerdem ist das Geschehen jenseits des Rechtecks stets interessanter für ihn als die Beziehung, die in seiner eigenen Wohnung in die Brüche zu gehen droht. Dennoch ist Hitchcock selbst ja genau von dieser Lust abhängig, von der Skopophilie, denn ohne die Schaulust des Publikums gibt es keine Filme. Der Film seziert die Strukturen von Voyeurismus und Identifikation, während er sie selbst nutzt, um den eigenen Zuschauer zu bannen. Er bestraft Jefferies’ Voyeurismus zwar, aber so, dass er nur noch länger gefesselt ist an seine Zuschauerposition.

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Ansonsten ist es auch generell nach wie vor zu Recht der Vorzeigefilm in Sachen Voyeurismus und Selbstreflexion. Da ist der an seinen Stuhl Gefesselte, der sich nach Abenteuer und Eskapismus jenseits seines eigenen Raums sehnt, der Handlung durch Zusehen ersetzt (auch als Fotograf), ganz Auge wird, der (zunächst) einseitig in ein (scheinbar) Privates blickt, aber räumlich getrennt ist von seinem Objekt, distanziert, durch den Zoom seiner Kamera (das “portable keyhole”) jedoch auch Großaufnahmen sehen, scheinbar ganz nah sein kann am Geschehen, geschützt in seinem Raum, dennoch am Leben von anderen teilhabend, an einer fremden, aufregenden Welt, panoptisch mächtig, wissend, den anderen seinem Blick unterwerfend, objektivierend, aber in der Tat ohnmächtig und vom Objekt gebannt. Er blickt gefesselt in eine Kadrierung, in erleuchtete Rechtecke, in denen die Figuren zwischen On und Off wandeln, die preisgeben und verhüllen, die ihm ein Rätsel und damit ein Begehren nach Auflösung und Enthüllung aufgeben, sodass er die Fragmente der ihm gelieferten Geschichte vervollständigen, die Leerstellen füllen will und deswegen nicht wegsehen kann. Die unwiderlegbare Gleichsetzung und Identifikation von Voyeur- und Zuschauerblick geschieht schließlich durch Point-of-View-Shots durch die Augen Jefferies’.

Hitchcock: “Das wars. Das bot die Möglichkeit, einen vollkommen filmischen Film zu machen. Da war der unbewegliche Mann, der nach draußen schaut. Das ist das erste Stück des Films. Das zweite Stück läßt in Erscheinung treten, was der Mann sieht, und das dritte zeigt seine Reaktion. Das stellt den reinsten Ausdruck filmischer Vorstellung dar, den wir kennen” (Hitchcock nach Truffaut, S. 211). Man erinnere sich an das Kuleschow-Experiment.

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Und damit ist der Film der endgültige Beweis für die Meisterschaft des rein visuellen Erzählens Hitchcocks, nicht nur die anfängliche Kamerafahrt, die im Nu die Entstehung von Jefferies’ Gipsbeins vorstellt, sondern auch durch diese kleinen Theaterstücke hinter den Fenstern zum Hof. Es ist ein Film voller kleiner Filme, die fast stumm verlaufen, jeder einem anderen Genre nahe, mit seiner eigenen Dramatik und als Kommentar zu Künstlerpersönlichkeiten oder Beziehungsmodellen gestaltet und damit als Spiegel zur Haupthandlung um Jefferies und Lisa, die neben dem Krimi ja auch ihre eigenen Identitäten und Beziehugsprobleme zu verhandeln haben. Der Film ist an einen Ort gebunden und doch angefüllt mit Orten, Dramen, menschlichen Details und bissigen Kommentaren, die sich in wundervoller Harmonie ergänzen. Und die Mordgeschichte selbst ist (bis auf einen Schrei) reiner Stummfilm mit statischer Kadrierung (wenn man die Fenster von Thorwalds Wohnung als solche versteht), der mit On und Off, dem Vorenthalten von Informationen spielt und mit Jefferies zusammen den Zuschauer in Spekulationen und Theorien stürzt. Denn bei aller sanften Kritik am Voyeurismus ist der Film trotzdem auch eine Ode ans Gaffen, an die Lust am blutigen Schauspiel, ans Rätseln und Mitfiebern, an den Nervenkitzel und die Angst um die Protagonisten.

[D]asselbe Auge, das optische Herrschaft beansprucht und verwirklicht, ist auch das ausgelieferte Auge der Angst, das sich dem Schrecken nicht entziehen kann, der Wahrnehmung dessen, was nicht zu ertragen ist. (Lehmann, S. 596)

Durch diese sehr intelligent gestrickte und verschachtelte Selbstreflexion schwebt dann auch noch eine der bewundernswertesten und stärksten weiblichen Figuren bei Hitchcock. Grace Kelly klettert nicht nur todesmutig in Pumps in Mörderwohnungen, sie bindet auch noch den männlichen Blick und leitet ihnen zu ihrem eigenen Nutzen (daher “ist sie nicht ganz das passiv-exhibitionistische Objekt, als das Mulvey sie bezeichnet”). Und das auf eleganteste, strahlendste, bezauberndste, verführerischste Weise. Sie macht sich bewusst und aktiv zum Objekt des Blicks (als Model, besonders auch in der Szene im Nachthemd und dann, indem sie sich in den Objektraum begibt), gewinnt aber genau dadurch seine Bewunderung. Sie gleitet durch den Film und drapiert sich ins Dekor wie in ein Gemälde.

Die Rahmenschau ähnelt beim Voyeur wie beim Kinozuschauer einem distanzierten Blick ‘in den Guckkasten, in dessen erleuchtetem Fenster die Puppen der Empfindung tanzen’. (Brüggemann, S. 47)

Zitate aus:

  • Brüggemann, Heinz. Das andere Fenster: Einblicke in Häuser und Menschen. Zur Literaturgeschichte einer urbanen Wahrnehmungsform. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989.
  • Lehmann, Hans-Thies. “Die Raumfabrik – Mythos im Kino und Kinomythos”. Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Hg. Karl Heinz Bohrer. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 1983. 572-609.
  • Truffaut, François. Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?. Übers. Frieda Grafe und Enno Patalas. München: Wilhelm Heyne Verlag, 2012.