Peter Greenaway

Jahresrückblick 2013

2013 habe ich etwas gelernt, was jeder wahrscheinlich als selbstverständlich ansieht, was ich aber in diesem Ausmaß so noch nie erlebt habe: Filmwahrnehmung ist so unterschiedlich wie die Menschen. Man kann niemanden zwingen, etwas nachzuvollziehen, was gänzlich jenseits der eigenen Erfahrungen, Einstellungen und Vorstellungen liegt. Es gab Filme in diesem Jahr, die ich völlig anders erfahren habe als fast alle, deren Kritiken, Besprechungen, Analysen ich gelesen habe. Man kann sich bemühen, zu verstehen – das ist sogar sehr wichtig, um den Horizont zu erweitern -, aber manchmal scheinen die eigenen Augen einfach anders zu sehen. Und dann ist das einfach so, das ist kein Fehler, kein Mangel, nur eine Alternative. Es gibt keine richtige und falsche Art, Filme wahrzunehmen. Jeder hat seine eigene und solange sie in der Lage ist, Schönes und Wahres zu erkennen (wie immer das individuell aussehen mag), ist daran nichts falsch oder defekt.

Und so sprachen viele der Filme, die mir 2013 besonders gefallen haben, auch vor allem mich persönlich emotional an, meinen ästhetischen Nerv, meine persönliche Vorstellung vom Leben und von Schönheit. Ich habe nicht viele Filme gesehen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass jeder Cineast sie gesehen haben sollte, weil ich schlicht nicht weiß, ob sich tatsächlich jeder auf die gleiche Weise von ihnen angesprochen fühlen kann.

Aber bevor ich zu meinen Lieblingen des Jahres komme, möchte ich noch ein paar Besonderheiten dieses Film- und Serienjahres Revue passieren lassen: Ich habe zwar schon früher Werkschauen zu Regisseuren gemacht, für die Uni (insbesondere: Eric Rohmer und Sergio Leone), aber noch keine so ausladende wie die zu Alfred Hitchcock. Fast jeder vierte Film, den ich 2013 gesehen habe, war von ihm. Und ich habe gelernt, ihn zu mögen und was ihn ausmacht und dass so ein Marathon möglich ist, ohne allzu monoton zu werden. Und auch die Tarkowskij-Werkschau war eine lehrreiche Erfahrung, auch wenn mich die bisher ungesehenen Filme größtenteils eher enttäuscht haben. Greenaway schließlich verehre ich vor allem nach der Lektüre diverser Fachbücher über ihn noch wesentlich mehr. Das andere Highlight des Jahres war die Akkreditierung zum Freiburger Filmfest, die ich so gut genutzt habe, wie ich konnte, und die mir Lust auf mehr gemacht hat, mehr Festivals, mehr kostenloses, da “professionelles” Filmsehen. Außerdem war ich öfter mal in einem Stummfilm mit Musikbegleitung. Ein Skandal, dass ich dieses Angebot hier nicht schon früher entdeckt habe! Daneben habe ich erfreulicherweise wieder angefangen, intensiv über Filme zu lesen – Fachliteratur, aber auch im Internet – und gemerkt, wie unbändig mein Wissensdurst da ist und wie viel Spaß es macht, Filme verstehen zu lernen. Meine Blogroll ist ganz schön gewachsen, ich habe unter anderem eine neue Lieblingsfilmbloggerin gefunden, einen neuen Lieblingsfilmkritiker, einen neuen Lieblings-YouTuber.

Und dann bin ich auch recht zufrieden damit, wie es mit diesem Blog lief. Immer mal wieder gewinne ich einen treuen Leser dazu und habe manche Bloggerkollegen über das Jahr hinweg sehr ins Herz geschlossen. Ich finde auch, mein Schreibstil hat sich verbessert, ist angenehmer, reduzierter geworden, ohne dass meine “Handschrift” verloren gegangen wäre. Auf manche Artikel bin ich im Nachhinein schon stolz (besonders auf die Werkschau-Beiträge und den über Michael Nyman) und besonders auch darauf, dass ich es mir angewöhnt habe, zu absolut jedem Film, den ich gesehen habe, etwas zu schreiben. Das ist praktisch für mein zukünftiges Ich, das eine frühere Meinung nachlesen möchte – besonders, da ich Punktebewertungen ja abgeschworen habe (oh, diese Freiheit!).

Jedenfalls habe ich 2013 so viel gesehen wie lange nicht:

  • gesehene Filme: 208
  • im Kino: 61
  • Erstsichtungen: 169
  • Serienstaffeln: 29

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Filme:

Viel geschrieben, nun endlich zu den allseits geliebten Listen. Wie immer geht es um MEIN Filmjahr, nicht das Filmjahr 2013 an sich, also alle Filme, die ich gesehen habe, ganz gleich, aus welchem Jahr sie stammen. Hier meine Favoriten unter den Erstsichtungen, die Filme, die mich am meisten beeindruckt haben, die am besondersten waren, an die ich mich unbedingt erinnern möchte und werde – mit ganz komprimierten Eindrücken, welche über die Wochen oder Monate hinweg geblieben sind (Reihenfolge auch wie immer nur ungefähr):

  • The Secret of Kells (Das Geheimnis von Kells – Tomm Moore / Nora Twomey, 2009): Abstraktion und Konkretes perfekt vereint. Ich staune immer noch. Diese Farben! Diese Formen! Bewegung! Magie! Eine filmische Schatzkiste.
  • Shadow of a Doubt (Im Schatten des Zweifels – Alfred Hitchcock, 1943): Die Versuchung des Bösen – aber man hat eine Wahl!
  • Iwanowo djetstwo (Iwans Kindheit – Andrej Tarkowskij, 1962): Elementare Bilder mit Seele, die einen noch unbekannten Fleck in mir berührten.
  • Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Edgar Reitz, 2013): Heimat des Körpers und Heimat des Geistes. Die Ungerechtigkeit und Schönheit des Lebens und seine Kompromisse. Im Wind wehender Weizen und wirbelnde Mädchenröcke.
  • De rouille et d’os (Der Geschmack von Rost und Knochen – Jacques Audiard, 2012): Versehrte Körper und Seelen, die zueinanderfinden. Schönheit und Gewalt.
  • Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch, 2013): Skulpturen, die sich jenseits von Zeit aneinanderschmiegen, das Positive und das Negative. Ein Film zum Hineinkuscheln.
  • Oslo, 31. August (Joachim Trier, 2011): Erwartungen, Enttäuschungen, das Gefühl, nie befreidigt sein zu können, ein zeitgenössisches Generationenporträt.
  • Strangers on a Train (Der Fremde im Zug – Alfred Hitchcock, 1951): Die Auslagerung des Bösen im gutbürgerlichen Menschen, in uns allen.
  • Frankenweenie (Tim Burton, 2012): Ein Knethund erwacht zum Leben und hat mein Herz schon vor dem Film für immer gestohlen. Unheimlich niedlich!
  • The Place Beyond the Pines (Derek Cianfrance, 2012): Ein Schulddrama, schicksalhaft und mythisch groß, aber auch ganz persönlich erzählt.
  • La Grande Bellezza (Paolo Sorrentino, 2013): Rausch der Sinne, aber innere Sinnlosigkeit, Vergeblichkeit und Distanz.
  • Spring Breakers (Harmony Korine, 2012): Pervertierung und Entzauberung des Amerikanischen Traums, bis nichts bleibt als Illusion.
  • Lore (Cate Shortland, 2012): Illusionsverlust, Ungewissheit, Neuorientierung und eine elektrisierende Hassliebe.
  • Bir zamanlar Anadolu’da (Once Upon a Time in Anatolia – Nuri Bilge Ceylan, 2011): Kafkaesker Tod in Landschaften wie Bühnen.
  • Gravity (Alfonso Cuarón, 2013): Das Grauen des unendlichen Nichts und die Schönheit der Erde.

Wie gesagt, dieses Jahr haben mich die besonderen Filme vor allem emotional getroffen, mich persönlich, in dem, wie ich bin und was ich schön finde. Ich weiß nicht recht, ob das Jahr so viele Filme hervorbrachte, die meiner Meinung nach die Zeit überdauern müssen, sicherlich Die andere Heimat und Spring Breakers. Aber natürlich habe ich nur einen Bruchteil gesehen und wer bin ich schon, das festlegen zu können? Der Konsens wird es zeigen.

Natürlich habe ich auch viele Favoriten wiedergesehen, allerdings ist mir keine Neusichtung als herausragend im Gedächtnis geblieben. Ich habe keinen Film völlig neu für mich entdeckt. Einzig Marnie von Hitchcock würde ich hier nennen.

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Serien:

Noch nie habe ich in einem Jahr so viele Serienstaffeln gesehen, darunter die beiden Vorzeigeserien The Wire und Breaking Bad. Beide haben mich überzeugt, aber wo Letzteres nicht viel hinterlassen hat, kein Vermissen, hat sich The Wire in mich eingegraben. Ich vermisse McNulty und Co. immer noch und David Simons Weltbild hat meines nachhaltig geprägt. Daneben gab es hauptsächlich Enttäuschungen. Nur die erste Staffel Hatufim und Mildred Pierce sind mir noch besonders positiv im Gedächtnis geblieben.

Besondere Details:

  • Gloria (Paulina García), mein Filmschwarm des Jahres!
  • das vollkommen originelle Spiel von Joaquin Phoenix in The Master. Eine Darbietung für die Ewigkeit.
  • Brüche in der zivilisierten Ordnung, die Veranlagung zum Bösen, die jeder in sich trägt, neben dem Willen zum Guten, bei Hitchcock.
  • Glaube, Idealismus, Verzweiflung und Zeit, Erinnerung, Heimweh in einer unwirtlichen, von Technik zerstörten Welt bei Tarkowskij.
  • die Ironisierung von Kategorisierungssystemen, außerdem Farben und Lichtgestaltung bei Greenaway, diesen Moment werde ich nie vergessen (Kamera hier: Reinier van Brummelen, früher meist Sacha Vierny).

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Fazit:

Was war das für ein Filmjahr? Schwer zu sagen. Ein sehr vielseitiges und lehrreiches für mich, da ich wieder viel über Film gelernt habe. Als starkes Jahr empfinde ich es aber nicht. Zwei, drei Filme könnten es irgendwann in meine Lieblingsfilmliste schaffen, aber wahrscheinlich keiner, der 2013 in die Kinos kam. Aber es war ein sehr schönes Blogjahr. Ich habe meinen Rhythmus hier endgültig gefunden und der Austausch mit anderen macht Spaß.

Pläne:

Habe ich bis auf einige Werkschauen (Tarr, Peckinpah, Cassavetes) und Serien keine konkreten. Es könnte sogar sein, dass ich 2014 weniger Filme sehe, da ich wieder mehr lesen möchte und wenn dafür manchmal die abendliche Filmzeit draufgeht, dann ist das auch in Ordnung. Was ich mir aber vornehme: Früher mit dem Jahresrückblick anzufangen, mir während des Jahres schon Notizen zu machen. Denn das ist sonst immer so ein gewaltiger Kraft- und Erinnerungsakt!

Gelesen #4

  • Peter Greenaway ist ein sehr sympathischer Redner, finde ich, da er als Intellektueller auftritt, aber gleichzeitig auch eine ironische Distanz dazu einnimmt. Im Vortrag “New Possibilities: Cinema is Dead, Long Live Cinema” erklärt er nicht nur an eigenen Beispielen, wie und wo er die Zukunft des Kinos sieht, sondern stellt zu Anfang auch interessante allgemeingültige Thesen zu Geschichte, Wesen und Beschränkungen des Mediums Film auf. Die erste halbe Stunde ist also wirklich für alle zu empfehlen, nicht nur für Greenaway-Fans.
  • Richard Brody sieht mit einem wunderbar anderen, abstrakten, aber konkreten und poetischen Blick auf Filme, sodass mich seine Beschreibungen immer überraschen. Er beobachtet genau, welche Diskurse, Dynamiken und ästhetischen Entscheidungen einen Film zusammenhalten. Da habe ich seinen Bericht über eine Neusichtung von 2001: A Space Odyssey natürlich besonders gerne gelesen.
    “On this view, not Bergman, not Dreyer, not Antonioni, not Hitchcock, not Bresson – none of the modernists, with their realistic and theatre-based images, could come close to the depths of experience of scientific and visual abstractions.”
  • Die Filmanalyse über die Schattenseiten des Humanismus in A Clockwork Orange.
  • “Screen and Surface, Soft and Hard: The Cinema of Leos Carax”: Oberflächen und Tiefe bei Leos Carax: flackernde Lichter, Wände, Glas, Spiegel, Wasser, mediale Bilder, Körper, Intimität, das Sehen als Fluch.
    “The tension of the precipice, between the flat and the deep, between the old and the new, between the melancholic outside and the infernal inside: this is where the poetry of the cinema of Leos Carax, lyrical and harsh, resides.”
  • “In America, the idea that one might simply insert a magical element into a film and then keep going, not allowing the suspension of disbelief to dwarf the rest of the story, has never taken hold.”
    Darin sieht Max Winter den Grund, warum Surrealismus (sein Beispiel: Sokurovs Faust) im amerikanischen Film kaum existiert. Eine interessante These, die es zu beobachten gilt.
  • Spike Lees Remake von Oldboy habe ich noch nicht gesehen, da es aber mehrheitlich eher zerrissen wurde, war ich überrascht, von Richard Brody eine sehr positive Analyse des Films zu lesen:
    “Lee’s vision isn’t nihilistic; it’s analytically angry: the Grand Guignol atrocities and the frenetic tone reflect a society that is being torn apart morally and emotionally by the blood on its collective hands, by unexamined privilege and unquestioned violence, by the devastating flux of destructive power on which admired American institutions run.” Das klingt doch ganz großartig!
  • Ich stehe The Act of Killing schon ein bisschen kritisch gegenüber, Carrie McAlindens Aufsatz “True surrealism: Walter Benjamin and The Act of Killing” hat mir jedoch den reflektierten Umgang des Films mit Inszenierung, Geschichte und einem “historischen Erwachen” des Protagonisten bewusst gemacht. Dem letzten Absatz kann ich dennoch nicht ganz zustimmen.
  • Ich finde ja, Sarah Polley ist eine sehr kluge, bedachte Filmemacherin. Das ist in Take This Waltz erkennbar, aber besonders auch in Stories We Tell. Leah Anderst erklärt Polleys sehr bewusste, skeptische autobiographische Methode in diesem Film:
    “By telling stories–rather than “a” or “the” story–and by relying on highly self-conscious filming and editing techniques, Polley’s film foregrounds this notion that a story told of an experience is a recreation, a textual version of the experience and only one version of it, at that. Others’ versions will be different but equally true, and it is only from the combination of the many versions that some truth can arise.”
  • Ich persönlich habe schon langsam die Schnauze voll von Erfolgsgeschichten, wenn also nur von Protagonisten erzählt wird, die auf irgendwelche Weisen bis zum Ende des Films dazugewinnen, besser dastehen als zuvor, wodurch ein Menschenbild transportiert wird, das die (schuldlos) Scheiterndes marginalisiert und als uninteressant und wertlos brandmarkt, und wodurch immer noch ein Mythos von harter Arbeit und Selbstverwirklichung verkauft wird, der realen Erfahrungen gerade in Zeiten von Finanzkrisen nicht gerecht wird. Ethan und Joel Coen sind nicht zwangsläufig auf meiner filmischen Wellenlänge, aber eines rechne ich ihnen verdammt hoch an: die Entmarginalisierung von Verlierern, das Recht aufs Scheitern.
    “The message implicit in this bombardment of ‘happiness’ and ’empowerment’ is that people who don’t succeed aren’t worth having a film made about them because they aren’t worth knowing, and the Coens have offered a bracing correction to that snobbery.”

Wiedersehensfreude: L’année dernière à Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad – Alain Resnais, 1961)

letztesjahrinmarienbadoriginalIch hatte ihn vorher tatsächlich nur ein Mal gesehen, diesen ikonischen, exemplarischen Nouvelle-Vague-Film, der mir aber schon danach als einzigartig, faszinierend, traumhaft im Gedächtnis geblieben ist, als Beispiel eines vollkommen filmischen Films. Auch Greenaway erwähnt ihn immer wieder, um die Textabhänigkeit der allermeisten anderen filmischen Erzeugnisse zu beklagen und aufzuzeigen, wie Film in seiner reinsten Form sein kann, wenn er sich so sehr von klassischer Narration löst, dass er in kein anderes Medium übersetzbar ist, dass man ihn nicht einmal nacherzählen kann.

Das ist wahr. Wie soll man die Geschichte und Funktionsweise dieses Films in Worte übersetzen? Beides ist nur schwer rational fassbar. Es ist eine Liebesgeschichte, die vielleicht aber nur imaginiert ist. Es sind zwei Zeitebenen, zwei Sommer in einem Hotel, die sich aber nicht klar voneinander trennen lassen. Auch die räumliche Anordnung des Hotels, seines Parks und der Gäste folgt oft eher einer Traum- oder individuellen psychischen Logik. Da ist kein zeitliches oder räumliches Kontinuum, Szenen und Räume werden scheinbar willkürlich aneinandergefügt, alles nur zusammengehalten von einer Erinnerung, der Erzählung des Mannes, der behauptet, im letzten Jahr eine Liebesbeziehung mit der Frau gehabt zu haben, doch diese erinnert sich nicht daran. Oder gibt sie es nur vor, aus Angst, mit dem Mann mitgehen zu müssen? Ihr emotionaler Zustand wird über den Film hinweg jedenfalls zunehmend labil, obwohl sie gleichzeitig immer widerständiger wird.

Zusätzlich entwirft der Mann, dessen Erinnerungen auch nicht immer ungetrübt und eindeutig sind, alternative Szenarien. In einem stirbt die Frau, in einem anderen vielleicht sogar er selbst? Vergangenheit und auch Gegenwart sind hier nichts Gegebenes, kein Faktum, sie werden durch Worte erschaffen, entstehen erst in der Narration des Mannes. Das ist ja ein schon sehr postmoderner Gedanke, den es auch bei Greenaway gibt. Das Leben wird erst wahrnehmbar und greifbar, wenn es in eine narrative Form gebracht wird. Die Gegenwart ist hier tatsächlich auch kaum fassbar, sie ist fast vollständig von der Vergangenheit eingenommen, von der Geschichte, die der Mann erzählt, die das (gegenwärtige) Verhalten der Frau beeinflusst. Auch ihre Liebe entsteht so erst in seiner Erzählung.

Aber Liebe und Leidenschaft haben in dieser Welt eigentlich gar keine Chance, in diesem Hotel, das von starren Puppen bevölkert ist, voll leblosem Prunk und labyrinthischen Gängen und umgeben ist von einem anorganisch-geometrischen Park. So hat die Frau ihre Erinnerungen an Zärtlichkeit und Zuneigung vielleicht nur verdrängt. Wenn man an The Shining denkt, wirkt der Film manchmal sogar ein wenig wie ein Horrorfilm, so kalt und gefühllos wie es in diesem Hotel zugeht, mit diesen Menschen wie Wachsfiguren, den leeren Gängen und der Orgelmusik. Für einen (Alb)Traum wirkt der Film insgesamt jedoch zu architektonisch, zu überlegt. Surreales Raum- und Zeitgefüge trifft auf skeptisch-postmoderne Erinnerungs- und Geschichtsreflexion. Aber auf ganz betörend-somnambul-unheimliche und damit unendlich faszinierende Weise. Ein Filmrätsel ohne Lösung, das man aber sicher von Mal zu Mal immerhin ein ganz klein wenig besser durchschaut oder zumindest emotional nachempfindet.

Monatsrückblick 11/2013

Der Plan war, dieses Jahr keine neuen Projekte oder Serien mehr zu beginnen, dafür ein bisschen die Watchlist zu reduzieren und auch am Wiedersehensfreudeprojekt zu arbeiten. Das ging ganz gut. Vielleicht habe ich einfach das Bedürfnis nach wieder etwas mehr Vielfalt. Davor habe ich aber noch mal Carnivàle gesehen, was sich glücklicherweise als meine Vize-Lieblingsserie bestätigte, und meine Greenaway-Werkschau beendet, die ja eigentlich schon seit eineinhalb Jahren läuft. Insgesamt 20 Filme habe ich nun von ihm gesehen. Das sind längst nicht alle, aber die entscheidenden sind darunter und die vielen (dokumentarischen) Kurzfilme werden mir auch nicht großartig neue Eindrücke vermitteln. Daneben habe ich drei Bücher über ihn gelesen. Es fehlt also nur noch, die vielen Eindrücke, Erkenntnisse und Zitate in geordnete Schriftform zu bringen. Ein Beitrag wird da nicht reichen. Aber auch wenn ich wirklich sehr gerne viel über diesen besonderen Regisseur, der zu wenig Aufmerksamkeit erhält, schreiben möchte, habe ich vor der Arbeit etwas Angst. Und dann ist da die Frage, wofür ich es eigentlich tun soll. Mein Wissen zu konservieren ist mir schon Grund genug. Dennoch ist die Aussicht, dass man vermutlich der einzige Leser der eigenen Artikel sein wird, nicht unbedingt motivierend.

  • gesehene Filme: 18
  • im Kino: 2
  • Erstsichtungen: 16
  • Serienstaffeln: 3

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Am besten gefallen haben mir:

Enttäuscht haben mich:

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Gefreut habe ich mich über:

  • Carnivàle und dass es mich trotz dem Serienvergleich, den ich nun anstellen kann, abermals so überzeugt hat. Dennoch bin ich wieder traurig, dass ich nie erfahren werde, wie es weitergeht mit Ben Hawkins und Sofie.
  • Lady Edith Crawley.
  • Michael Nyman: Irgendwann muss ich ja doch mal etwas über ihn schreiben und dazu brauche ich die ultimative Playlist. Also höre ich und höre ich.
  • Holly Hunter, Anna Paquin und dass die Academy manchmal doch (in meinen Augen) richtige Entscheidungen trifft.
  • The Circus mit Live-Orchester. Live-Orchester ist das bessere 3D.
  • Peter Greenaways Genie in Sachen (farbige) Lichtsetzung.
  • einen neuen Film in meiner Jahresfavoritenliste.
  • wunderschönen anachronistischen Expressionismus.
  • eine Judi Dench, die zwischen staunender Kindlichkeit und Altersweisheit balanciert.
  • faszinierende Geschichten um komplizierte Beziehungen zwischen Frauen.
  • dass das verschriene deutsche Kino auch ganz eigenartige und positive Filme hervorbringen kann. Dieses Jahr vor allem: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht und Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel.
  • die Quantität (und Qualität) der gesehenen Filme insgesamt.

Sonstige Filme im November und eine Serie

  • Jack the Giant Slayer (Jack and the Giants – Bryan Singer, 2013): Ein holpriger, einfallsloser Film ohne wirkliche Charaktere, der auch keine fantastische, geschweige denn märchenhafte Stimmung aufkommen lässt. Ich bin sehr enttäuscht von Bryan Singer.
  • Attenberg (Athina Rachel Tsangari, 2010): Trostloses Griechenland, ein sterbender Vater, sexuelle Verwirrung und seltsame Tänze. Kühl und distanziert. Die Protagonistin fand ich irgendwie interessant, ansonsten hat es mich, na ja, kaltgelassen.

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  • The Tulse Luper Suitcases, Part 1: The Moab Story / The Tulse Luper Suitcases, Part 2: Vaux to the Sea / The Tulse Luper Suitcases, Part 3: From Sark to the Finish (Peter Greenaway, 2003/2004/2004): Ein transmediales Projekt, das für mehrere Spielfilme, ein Onlinespiel, eine Serie, Bücher, mehrere CD-Roms und eine Ausstellung mit Lupers 92 Koffern konzipiert war, wobei nicht alles davon umgesetzt wurde. Wie soll man das beschreiben? Greenaways Idiosynkrasien auf eine ganze Lebensgeschichte angewandt, die eines Künstlers, Sammlers, Katalogisierers, von Tulse Luper, Greenaways Alter Ego. Bilder über Bilder, Narration über Narration. Der Film repräsentiert vielleicht ganz gut, wo Greenaway als Filmemacher, Künstler heute steht, ist vor allem zuerst unterhaltsam, irgendwann aber überfordernd, redundant und bietet nicht besonders viel künstlerischen Mehrwert zu seinen anderen Filmen.
  • The Piano (Das Piano – Jane Campion, 1993): Was mich bei dieser (vierten? fünften?) Sichtung besonders beeindruckt hat, ist die Klarheit des Films, in seiner Figurenzeichnung (in Bezug auf Aussehen und Charakter), in seinen Symbolen (Urwald, Schlamm, Korsett, das Piano, Tasten und Finger) und in seinen Dichotomien: Wildnis und Zivilisation, das Weibliche und das Männliche, der edle Wilde und der gewalttätige Patriarch, Liebe und Gewalt, Mutter und Tochter. Mittendrin ein schwarzer Schwan, der durch den Schlamm torkelt (eine der großen Ikonen des Kinos für mich) und meine liebste, da so komplexe und wahrhaftige Kinderrolle, gespielt von einer umwerfend authentischen Anna Paquin, die die Fantasie, das Spiel, die Anhänglichkeit und das frühe Verständnis, aber auch den Egoismus und damit Grausamkeit und die Kurzsichtigkeit des Kindes darstellt. Es ist ein Film wie nach einem viktorianischen Roman, aber mit doch ganz singulären, entsättigten, trotzdem aussdrucksstarken Bildern, der die Zärtlichkeit und Verletzlichkeit des menschlichen Fleisches und die Macht der (stillen) Leidenschaft porträtiert – auch durch Michael Nymans sagenhaft schöne Musik.
  • The Circus (Der Zirkus – Charles Chaplin, 1928): Ein sehr lustiger Film von Chaplin, bis oben gefüllt mit gelungenen Gags, dafür aber leider mit wesentlich weniger emotionaler Tiefe und gesellschaftlichem Belang wie seine besten Filme. Da wird einem aber immerhin bewusst, das Chaplin doch so viel mehr war als ein Clown.

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  • Nightwatching / Rembrandt’s J’Accuse…! (Peter Greenaway, 2007/2008): Ein Spielfilm und eine Doku über die Entstehung und Bedeutung von Rembrandts Gemälde Die Nachtwache, die man auch beide sehen sollte, um sich überhaupt zurechtzufinden, denn natürlich ist Greenaway beim Spielfilm wieder nicht an deutlich erklärender Dramaturgie interessiert, auch nicht an Psychologisierung und Emotionalisierung, obwohl sich Martin Freeman als Rembrandt Mühe gibt, menschlich zu erscheinen. Eigentlich weiß ich gar nicht, woran Greenaway hier überhaupt genau interessiert ist. Die Doku weist darauf hin, dass er das Erzählen in und Lesen von Bildern für vernachlässigt hält und bietet schon eine faszinierende, detailgenaue Lesart des Gemäldes und beweist, dass es sich lohnt, genau hinzusehen und zu recherchieren. Der Spielfilm lässt die Kraft von Momentaufnahmen erahnen, bietet bis auf visuelle Nachahmung von Rembrandts Ästhetik, was traumhaft ausgeleuchtete Anordnungen auf Bühnen ergibt, aber leider nicht viel Reizvolles. Seine späteren Filme scheinen schon ein bisschen das Besondere verloren zu haben.
  • Akira (Katsuhiro Ohtomo, 1988): Der legendäre Anime hat visuell und inhaltlich tatsächlich einiges zu bieten, erinnert an Blade Runner und Watchmen, nimmt die Zerstörungsorgien des zeitgenössischen Actionkinos vorweg und reflektiert die Atombombe. Geschichten, in denen Figuren ungeheure Macht haben und lernen müssen, damit umzugehen, faszinieren mich ja schon sehr.

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  • Dupa dealuri (Jenseits der Hügel – Cristian Mungiu, 2012): Zwei ungesunde Besessenheiten, die nicht mal versuchen, einander zu verstehen und sich so nur hochschaukeln. Sehr langatmig, dafür aber meisterhaft nachvollziehbar erzählt. Verurteilt werden auch weniger einzelne Personen (bis auf den Priester vielleicht), da sie sich ja eigentlich nur nach Frieden im Leben sehnen, als das Prinzip der orthodoxen Kirche an sich, die zum Schluss auch auf befriedigende Weise mit der modernen Welt kollidiert.
  • The End of the Affair (Das Ende einer Affäre – Neil Jordan, 1999): Was kann bei DEN Beteiligten eigentlich schief gehen? Leider fast alles. Das versprochene große Melodram ist zunächst völlig unsinnlich, fast aseptisch und verläuft sich dann in einem sentimentalen Gottesbeweis. Man spürt Graham Greene schon hindurch, aber die eigentlich interessante Geschichte wird leider sehr banal erzählt. Einzig Michael Nymans Musik hat ganz, ganz große Momente.
  • The Iceman (Ariel Vromen, 2012): Diesen stets mit aggressiver Energie aufgeladenen Michael Shannon sehe ich mir zwar wahnsinnig gerne an, der Film an sich funktioniert aber weder als Charakterstudie noch als Mafiathriller, weil er seine Konflikte oberflächlich hält und wenig packend erzählt. Schade irgendwie, die 70er-Jahre-Optik hat was.

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  • The Sound of Insects: Record of a Mummy (Das Summen der Insekten – Bericht einer Mumie – Peter Liechti, 2009): Das (mehr oder weniger?) reale Sterbetagebuch von einem, der auszog, sich zu Tode zu hungern, einsam unter einer Plane im Wald, die Gründe ungewiss. Der Film ist durch das monotone, pragmatische, aber auch einsichtsvoll poetische Voice-over hochgradig absorbierend, die vielfältigen, sich aber oft wiederholenden, assoziativ gestalteten Bilder erschaffen zusätzlich eine weltfremde Stimmung, ebenso wie die teils natürliche, teils abstrakte Klangwolke. Der Film vermittelt ein ganz durchdringendes, beklemmendes, fremdes Gefühl, man driftet mit dem Sterbenden in eine andere Welt, ohne dass dabei der Akt des Selbstmords beschönigt wird. Dieser lange, schmerzhafte Tod, der einem Kampf gegen das Leben gleicht, macht vielmehr froh, etwas zu haben, wofür es sich im Gegenteil lohnt, gegen den Tod zu kämpfen.
  • The Best Exotic Marigold Hotel (The Best Exotic Marigold Hotel – John Madden, 2011): Ein überraschend nuancierter Film in der Darstellung seiner Hauptpersonen, der zwar eher als Wohlfühlfilm denn Sozialdrama angelegt ist, sich aber selbst beim Porträt der indischen Gesellschaft um Problembewusstsein statt nur Exotismus bemüht (auch wenn es nicht ganz gelingt). Judi Dench und ihre Kollegen erschaffen ganz herzerwärmende, entzückende persönliche Momente. Nur das Ende ist viel zu süßlich.
  • Mildred Pierce (Solange ein Herz schlägt – Michael Curtiz, 1945): Nach der Miniserie mit Kate Winslet hat mich natürlich interessiert, wie der Stoff damals im Klassiker umgesetzt wurde. Tatsächlich ist die Geschichte hier ein wenig anders, natürlich auch zugespitzter und komprimierter. Mir gefielen beide Versionen auf ihre Weise eigentlich gleich gut, und so wurde noch deutlicher, was für eine großartige Geschichte das ist, mit einer fantastischen, eigenwilligen weiblichen Hauptfigur (von Joan Crawford ebenso überzeugend gespielt) und komplizierten, vielschichtigen Beziehungen, besonders die zwischen Mutter und Tochter, die extrem ist, aber (zumindest für mich) glaubwürdig. Es ist ein Band wie kein anderes. Und die Männer kommen hier erfrischend schlecht weg.
  • The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers – Charles Laughton, 1955): Ein Film wie ein Märchen, in dem zwei tapfere Kinder gegen das Böse, das sich als Gutes verkleidet, antreten müssen. Auch durch die künstliche Darstellung, durch die Bühnenhaftigkeit selbst der Außenszenen und durch die klaren Schatten erhält der Film einen exemplarischen Charakter. Am Anfang fand ich ihn etwas holprig geschnitten, aber das trägt eigentlich nur zur verschobenen Atmosphäre bei. Und Robert Mitchum und sein Böses ist wie eine Urgewalt, ein schwarzes Etwas, das die heile Welt der Kinder zu verschlingen droht. Ich glaube aber, ich muss ihn noch mal sehen, um ihn wirklich würdigen zu können.

KohlhaasoderdieVerhältnismäßigkeitderMittel

  • Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Aron Lehmann, 2012): Ein beglückender Film über eine Filmproduktion mit Geldmangel, aber Fantasieüberschuss – ja, ein deutscher Film über die Kraft der Fantasie, die auch das Scheitern überlebt, das Sterben des Traums und Willkür von Obrigkeiten (ein Seitenhieb auf Filmförderpolitik). Am Anfang ist die Vorstellungkraft, dann kommt der Film. Es braucht auch nicht immer die konkrete Abbildung, Zeichen – Ikonen, Indizes, Symbole – können genügen. Film ist mehr als das, was er darstellt. Robert Gwisdek (von dem ich schon seit Grüne Wüste Fan bin) ist wundervoll als idealistischer Filmemacher, als Träumer unter Kleingeistern, als Don Quijote. “Wenn dus fühlst, ist es nicht lächerlich.” Dem Film selbst gelingt auch tatsächlich die Gratwanderung, finde ich, das Lustige in der absurden deutschen Provinz zu finden, ohne sie preiszugeben und lächerlich zu machen.
  • Downton Abbey – Staffel 4 (Julian Fellowes, 2013): Auf der einen Seite hat die Serie mittlerweile fast Soap-Niveau erreicht, da kaum noch andere als zwischenmenschliche Konflikte im Mittelpunkt stehen, wirkt sehr weichgekocht und auch durch die kurzen, abgehackten Szenen, die fast willkürlich aneinandergeschnitten sind, amateurhaft. Auf der anderen Seite verströmt sie immer noch eine so heimelige Atmosphäre und hat durch Edith, Anna/Bates und Rose sogar einige interessante und epochengemäße Plotelemente. Besonders Edith stellt sich wieder als kluge, der Realität ins Auge sehende und Phrasen durchschauende charakterstarke Person heraus. Mary wird hingegen leider verschenkt. Die Serie muss jedenfalls dringend wieder den Blick weiten, sich nicht nur auf Liebeleien und die neuen wirtschaftlichen Herausforderungen konzentrieren. Es braucht einen wirklichen Konflikt.

Monatsrückblick 09/2013

Der September war ein schöner, zwar übersichtlicher, aber sehr vielfältiger Filmmonat. Besonders, aber leider nicht rundherum zufriedenstellend war die Tarkowskij-Werkschau. Ein weiterer Regisseur in meiner Sammlung, dessen Welt ich nun kenne und verstehe. Daneben habe ich einige überzeugende aktuellere Filme gesehen – auf die ich allein durch Kritiken aufmerksam wurde. Im zeitgenössischen Kino gibt es so viele kaum beachtete frische, kluge Filme. Man MUSS Kritiken lesen, um sie zu finden (oder mein Blog ;)). Und dann habe ich mit einer weiteren gefeierten Serie begonnen: Breaking Bad. Noch kann sie nicht mit meinen anderen Lieblingsserien mithalten, aber das kann ja noch kommen. Außerdem bin ich mir nun sicher, dass ich danach meine dritte Runde Six Feet Under starten werde. Da ich mittlerweile viel mehr qualitativ sehr hochwertige Serien kenne, interessiert mich brennend, wie sie sich im Vergleich schlägt.

  • gesehene Filme: 16
  • im Kino: 3
  • Erstsichtungen: 14
  • Serienstaffeln: 3

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Am besten gefallen haben mir:

Enttäuscht haben mich:

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Filmmenschen des Monats:

  • Schauspieler_innen: Aylin Tezel, Bryan Cranston, Alexander Kaidanowskij, Margarita Terechowa, James Nesbitt, Nicole Kidman
  • Regisseure: Andrej Tarkowskij, Peter Greenaway
  • Kameramenschen: Alexander Knjaschinskij, Wadim Jussow, Georgij Rerberg, Inti Briones
  • Musiker: Michael Nyman (nicht in einem speziellen Film, aber sehr viel bei Spotify), Philip Glass, Eduard Artemjew
  • Die Ausstatter_innen von Darwin

Sonstige Filme im September

  • Notre jour viendra (Romain Gavras, 2010): In diesen etwas merkwürdigen Film um zwei (mehr oder weniger) Rothaarige, die sich auf einen Rachefeldzug an der Gesellschaft machen, stolperte ich ganz unwissend hinein. Das seltsame, rücksichtslose Verhalten während dieses Feldzugs wird kaum erklärt, stößt eigentlich permanent vor den Kopf. Ein unkontrollierbarer Vincent Cassel ist ja immer faszinierend zu beobachten, als Antwort von Andersartigkeit auf die Gesellschaft überzeugt die Handlung trotzdem nicht.

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  • The Loneliest Planet (Julia Loktev, 2011): Ein ziemlich authentischer Film über junge Individual-Erlebnis-Rucksack-Touristen, die mit einem einheimischen Führer einen mehrtätigen Fußmarsch durch georgische Landschaft machen. Das Paar gibt sich aufgeschlossen, neugierig, respektvoll, wahrt dennoch die ironische Distanz der Touristen und belässt die kulturellen und sozialen Klüfte bei dem, was sie sind. Das fremde Land soll eine Kuriosität, ein Abenteuer, eine folgenlose Episode im Leben bleiben. Dass die Vorstellung vom romantischen Naturerlebnis jedoch nur Schein ist, macht der Film geschickt deutlich, indem er meditative, von Musik begleitete Einstellungen abrupt abbricht, schon bevor eine kurze Begegnung die Idylle stört, die die nie zu unterschätzende Unberechenbarkeit der Fremde, des Anderen vor Augen führt. Ein subtiler, kluger Film.
  • Paziraie sadeh (Modest Reception – Die Macht des Geldes – Mani Haghighi, 2012): Eine Parabel über, na ja, die Macht des Geldes. Eine Frau und ein Mann fahren durch eine iranische Bergregion, die kürzlich von einem Bombenanschlag erschüttert wurde, und verteilt Säcke voll Geld an die Armen – oft nicht ohne eine perfide Aufgabe zu stellen. Die Reaktionen der Beschenkten (die von bescheidener Zurückweisung bis zu einem Raubüberfall reichen) sind dabei ebenso interessant wie das moralisch immer fragwürdiger werdende Verhalten des reichen Paars, das doch nicht widerstehen kann, seine Macht zu nutzen, um andere wie aus Spaß und Neugier auf kaum zu lösende Proben zu stellen. Es ist ein soziales Experiment, durch die ständigen Streitereien des Paars zuweilen etwas anstrengend, aber durchaus lehrreich und ernüchternd in Bezug auf die menschliche Natur. Da will man der Welt etwas Gutes tun und hinterher herrscht nur Chaos.

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  • The Paperboy (Lee Daniels, 2012): Für all diese Stars, die darin mitspielen, ist das ein etwas seltsamer Film, finde ich. Er ist allein ziemlich unentschieden zwischen diesen vielen Geschichten und Themen, von denen er erzählen will. Durch die schwüle, leicht unwirkliche Atmosphäre und die irgendwie verschobene, etwas bizarre Darstellung ist das aber fast schon wieder stimmig. In Momenten war ich davon sogar sehr angetan, insgesamt bin ich aber nicht so richtig überzeugt. Nicole Kidman passte allerdings überraschenderweise wie die Faust aufs Auge in ihre Rolle.
  • Am Himmel der Tag (Pola Schirin Beck, 2012): Ein ganz wundervoller, sehr, sehr berührender deutscher Film über die ungewollte Schwangerschaft einer unbedarften, fast noch kindlichen Studentin, die dadurch unerwartet ihren momentanen Platz im Leben findet. Aylin Tezel spielt sie und ihre Entwicklung vom Partymädchen zur vorfreudigen, fürsorglichen und später verzweifelten werdenden Mutter herzerwärmend, süß, glaubwürdig und lebensnah. Ihre Gefühle in Bezug auf das kleine Wesen in ihrem Bauch werden direkt spürbar. Sie blüht auf und verwelkt wieder. Schade, dass das Drehbuch mit der Authentizität der Hauptdarstellerin nicht immer ganz mithalten kann.
  • Four American Composers: Philip Glass (Peter Greenaway, 1983): Diese kurze Doku habe ich eigentlich nur in meine Greenaway-Werkschau hineingenommen, weil Philip Glass zufälligerweise neben Michael Nyman mein allerliebster Komponist ist. Künstlerisch betrachtet hat der Film wenig zu bieten, inhaltlich immerhin einige interessante Aussagen der interviewten Musiker und von Glass selbst. Greenaway und Glass teilen übrigens eine ganz ähnliche Praxis in ihren so verschiedenen Kunstformen: Beide sind Formalisten, beiden ist die systematische Struktur ihrer Werke wichtiger als Narration oder Dramaturgie. Eine fantastische Erkenntnis!

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  • Darwin (Peter Greenaway, 1992): Eine anspruchsvolle kleine Doku über Darwins Leben und die Entstehung und Wirkung seiner Evolutionstheorie. 18 prächtige Tableaus von Darwins Büro, das je nach Thema unterschiedlich ausgestattet und bevölkert ist, liefern die Bilder, während ein Erzähler in 18 Kapiteln die Entwicklungen und Hintergründe darstellt und immer wieder auf die Inszeniertheit des Gezeigten verweist. Neben der wie immer detailreichen Ausstattung fand ich die Darlegung der philosophischen Implikationen von Darwins Thesen besonders schön. Greenaway kann wirklich aus jedem Thema einen außergewöhnlichen Film machen.

Monatsrückblick 08/2013

Ich weiß nicht, ob das vielleicht doch ein zu film- und kinoreicher Juli war, jedenfalls hatte ich im August weniger Lust auf beides. Dafür habe ich Serien geschaut, The Wire zu Ende, zwei Miniserien, und alle “meine” aktuellen Serien auf den neuesten Stand gebracht. Vielleicht fange ich dann mit Breaking Bad an.

  • gesehene Filme: 10
  • im Kino: 1
  • Erstsichtungen: 8
  • Serienstaffeln: 6

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Am besten gefallen haben mir:

  • The Wire !!!
  • Lore (Cate Shortland, 2012)
  • Spring Breakers (Harmony Korine, 2012): Den Rummel darum halte ich für gerechtfertigt. Es ist mit Sicherheit einer der wichtigsten, reflektiertesten, am interesstesten inszenierten Filme von 2012.
  • Prospero’s Books (Prosperos Bücher – Peter Greenaway, 1991): Auch wenn er es einem schwer macht, es gibt nichts Vergleichbares!
  • Shotgun Stories (Jeff Nichols, 2007)
  • Mildred Pierce (James M. Cain / Todd Haynes / Jonathan Raymond, 2011)
  • Southcliffe (Tony Grisoni, 2013)
  • The Lone Ranger (Lone Ranger – Gore Verbinski, 2013)
  • Oh Boy (Jan Ole Gerster, 2012)
  • The Baby of Mâcon (Das Wunder von Macon – Peter Greenaway, 1993)
  • The Pillow Book (Die Bettlektüre – Peter Greenaway, 1996)

Enttäuscht haben mich:

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Filmmenschen des Monats:

  • Schauspieler_innen: Kate Winslet, Saskia Rosendahl, Kai Malina, John Gielguds Stimme, James Franco (seine Gangster-Karikatur ist wirklich super), Michael Shannon, Armie Hammer und der gesamte Cast von The Wire
  • Regisseur_innen: das höchste Niveau hatten natürlich Peter Greenaway und Harmony Korine, aber auch Cate Shortland, Sean Durkin und Jeff Nichols
  • Kameramenschen: Adam Arkapaw, Benoît Debie, Sacha Vierny, Philipp Kirsamer, Mátyás Erdély
  • Musiker: Michael Nyman, Max Richter, Cliff Martinez

Sonstige Filme im August

  • 4:44 Last Day on Earth (Abel Ferrara, 2011): Der Film geht ganz ähnlich an das Weltende ran wie Last Night von Don McKellar, verengt das Figurenpersonal sogar noch mehr, fängt ansonsten vor allem durch TV und Skype Reaktionen anderer Menschen und ein bisschen lebensphilosophischen Gehalt ein. Ich mag diesen Ansatz des alltäglichen Endes der Welt sehr, er bringt auch zum Nachdenken, bis auf ein paar Plattitüden ist der Film aber ziemlich aussagelos, ein wenig gleichgültig fast. Fast sang- und klanglos geht die Welt hier unter. Last Night hat mich mehr berührt.

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  • Shotgun Stories (Jeff Nichols, 2007): Der Film hat einen wunderbaren Ton, der ganz ruhig ist und diese Brüder effektiv einfängt, aber so, als könnten sie sofort entgleiten. Es ist eine überzeugend ausbalancierte Kombination aus Unterschichtsamerika-Realismus und Schicksalsdrama durch eine unlösbare Fehde mit Figuren, die ganz sanft, durch Andeutungen charakterisiert werden. Besonders gefällt mir bei solchen Filmen auch immer, dass die Umbegung, der Raum eine so wichtige Rolle bei der Gestaltung der Geschichte spielt. Das ist auf jeden Fall ein starker erster Film von Jeff Nichols, Take Shelter hat bei mir aber schon mehr Eindruck hinterlassen.
  • Spring Breakers (Harmony Korine, 2012): Die entscheidende Frage zur individuellen Reaktion auf diesen Film ist ja, ob man ihn als subversiv oder ebenso sexploitativ empfindet, wie die Hip-Hop-Videos und TV-Aufnahmen, die er imitiert. In meinen Augen besteht kein Zweifel an seiner kritischen Intention und Umsetzung. Ich empfand ihn sogar als Entzauberung, Bilder (fast) nackter Mädchen verlieren hier völlig ihren Reiz und sind sogar von einem unterschwellig traurigen Ton durchzogen, von Diskrepanzen (zwischen Wunsch, Wahrnehmung, Wirklichkeit). Ich war überhaupt sehr überrascht, wie ruhig und wenig überdreht der Film ist trotz greller Farben, Partyszenen, unübersichtlicher Narration, Zeitlupen, ständiger Musik. Und es ist ein deutlich mit künstlerischem Willen gestalteter Film, der von fehlgeleiteter Sehnsucht nach einer medial vermittelten Illusion, einer Art abbildhaften Parallelexistenz erzählt. Ich finde, Spring Breakers ist gelungen. Für genauere und treffende Besprechungen verweise ich auf symparanekronemoi, die Filmanalyse und The Dissolve.

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  • Lore (Cate Shortland, 2012): Das ist kein Film über den Verlust der Unschuld, vielmehr über den Verlust einer Illusion der Unschuld (“Eine Lüge nach der anderen. Alles ist voll davon.”). Als ob der Schleier weggezogen und eine kalte, feindliche, schuldige Welt darunter hervorgekommen wäre. Die indoktrinierten Vorstellungen sind hinfällig und die eigene Schuld ungewiss. Was den Film besonders macht, ist natürlich die Kameraführung, die diese Reise in den Norden als impressionistische Erfahrungswelt einfängt, die von Des- und Neuorientierung spircht, durch seine vielen Groß- und Detailaufnahmen von Gesichtern und der Natur, Unschärfen, Zeitlupe. Nicht die Geschichte, sondern die Bilder generieren die Spannung und diese Liebes-Hass-Beziehung, die so elektrisierend und uneindeutig ist, dass ich an Marnie denken musste. Saskia Rosendahl und Kai Malina spielen das so stechend, so aufgeladen und changierend. Vielleicht hätten weniger manierierte Bilder, weniger emotionale Musik es auch getan, dann hätten der Film, seine Vagheit und Ambiguität mich jedoch nicht so gepackt und getroffen. Nur so wie er ist, zählt er zu meinen Jahreshighlights.
  • Oh Boy (Jan Ole Gerster, 2012): Der Film erzählt von einem passiven, handlungsgehemmten jungen Mann, der sich von anderen durch den Film schleifen lässt und keinen Kaffee bekommt. Das ist eine reizvolle und gut beobachtete Situation, die ganz charmant, entspannt und wunderhübsch schwarz-weiß in Szene gesetzt ist, trotz etwas klischeehafter Nebenfiguren. Er belässt es aber bei einer Momentaufnahme, die zwar beispielhaft ist in Bezug auf Berlin und das Leben dieses jungen Mannes, allerdings nicht sehr viel Aussagekraft besitzt in Bezug auf seine verlorene Generation. Vielleicht kenne ich diese Generation aber auch nur zu gut. Trotzdem ein frischer kleiner deutscher Film.

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  • 8 ½ Women (8 ½ Frauen – Peter Greenaway, 1999): Greenaways Film über Sex, die Aufzählung der Stunde bezieht sich auf Frauen, einen Harem. Es geht um männliche Projektionen, die Frau als Kunstwerk quasi. Von Greenaways typischer Sinnlichkeit und Opulenz ist ausgerechnet hier allerdings wenig zu sehen und zu spüren. Das Körperliche wird recht pragmatisch behandelt, nur endlos beredet. Die Frauen sind dabei sowieso nicht viel mehr als Staffage und Repräsentationen angeblich typischer männlicher Fantasien (Nonne, Mutter, kindliche Puppe, die Kühle, die Sinnliche usw.). Außerdem erscheint das alles nach den anderen Filmen arg einfallslos, selbst die Bildgestaltung mit den vielen Symmetrien, plump und auch ein bisschen misogyn, auch wenn die Damen beweisen, dass sie sich nicht besitzen lassen.

Peter Greenaways Bücher-Filme

Eine vollständige Greenaway-Werkschau ist ja eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. 67 Filme verzeichnet die IMDB, die meisten davon Kurz- und/oder Dokumentarfilme, die größtenteils wahrscheinlich kaum noch zu Gesicht zu bekommen sind. Ich habe mich daher von vornherein auf seine fiktionalen Langfilme konzentriert und das auch nicht gerade zeitlich kompakt oder konsequent chronologisch. Mehr als ein paar seiner Filme kann ich sowieso nicht auf einmal sehen, da sie so außergewöhnlich fordernd und visuell intensiv sind.

Die Werkschau ist bisher eher nebenhergelaufen, ebenso wie die Besprechung der Filme – und das, obwohl ich Greenaway so sehr schätze, bewundere und bestaune, obwohl er so singulär ist, aber leider halt auch sehr schwer zu fassen, runterzubrechen, zu bestimmen. Dennoch möchte ich die Gunst der Stunde nutzen, um zwei seiner Filme genauer zu betrachten, seine beiden Bücher-Spielfilme, Prospero’s Books (1991) und The Pillow Book (1996).

Die beiden Filme teilen nicht nur das Thema Sprache und Schrift, sondern auch eine Bildgestaltung, die wie eine Art Collage funktioniert. Das Filmbild besteht aus mehreren Elementen, Bildern, die sich als teils transparente Lagen übereinanderschichten oder als kleinere Fenster, als Bild im Bild öffnen, sodass Rahmungen enstehen. Dabei werden oft Film, Schrift, Text, Illustration und in Prospero’s Books auch Animation in einem Bild verbunden. Diese Bilder aus mehreren Lagen wirken dabei wie ein Palimpsest, aus Büchern, Texten, Filmen, die zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt entstanden sind, aber nun simultan gezeigt werden, wodurch sie sich gegenseitig inter- oder paratextuell beeinflussen. Durch diese Art Split Screen wird Simultanität zwischen Ungleichzeitigem hergestellt, verschiedenste Räume und Zeiten werden vereint, die narrative Linearität wird aufgebrochen, fragmentarisiert. Die beiden Filme wirken daher eher räumlich statt zeitlich organisiert und rücken so auch die Beschaffenheit, die Flächigkeit des Filmbildes in den Vordergrund, seine Textur, die Oberfläche, die wie Papier oder Haut beschriftbar ist. Die neuen Fenster, die sich da ständig öffnen, verweisen außerdem selbstreflexiv auf das Filmbild im Gesamten, das ebenfalls ein Fenster darstellt, einen Ausschnitt in einem Rahmen.

Wenn Greenaway Text, den Akt des Schreibens in den Vordergrund stellt, ihn sogar abfilmt, kann man das aber mit Sicherheit auch als Reaktion auf all die Filme sehen, die für ihn nur illustrierten Text darstellen, die “text-driven and not image-driven” seien. Wenn Filme nur bebilderte Drehbücher sind, kann man genauso gut den Text selbst abfilmen (was Greenaway mit Dear Phone damals ja wörtlich nahm). Text geht dem Film so oder so immer voraus, im Fall von Prospero’s Books sogar ein sehr bekannter, The Tempest von Shakespeare. Oft sieht man Prospero die Worte schreiben, die gesprochen werden, also The Tempest selbst, Textentstehung und Verfilmung fallen zusammen und verweisen selbstbewusst (sich ihrer selbst bewusst) auf die literarische Grundlage des Films. Beide Filme beinhalten außerdem eine bestimmte Anzahl an Büchern, die nacheinander vorgestellt werden und jeweils mit einer gewissen Bezeichnung und Funktion versehen sind, was ein weiterer Ausdruck ist von Greenaways Faible für Aufzählungen, Variationen eines Themenbereichs, für Enzyklopädien und Kataloge und generell für ein filmisches Erzählen, das keinen narrativen Regeln folgt, sondern einer anderen Form der Organisation, wie Nummerierungen oder dem Alphabet.

Trotz den zahlreichen Übereinstimmungen unterscheiden sich die Filme an zentraler Stelle aber doch, da sie das Thema Schrift und Sprache von verschiedenen Seiten angehen. Wo bei Prospero’s Books die Bedeutung und Macht von Wörtern im Mittelpunkt steht, ist es bei The Pillow Book eher das reine Zeichen, Schrift als Bild, als Malerei, Gesprochenes als Klang. Ganz exakt greift diese Aufteilung vielleicht nicht, aber in Ersterem geht es eher ums Signifikat, im anderen um den Signifikant.

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Man erinnert sich vielleicht, Prospero’s Books ist einer jener Filme, die ich schon Ewigkeiten ganz dringend sehen wollte, aber irgendwie kam es nie dazu. Dank deutscher DVD-Veröffentlichung ist das Elend aber endlich vorbei und dank Greenaway-Werkschau kann ich sagen, dass der Film ein bisschen wie die Kulmination seines Werks wirkt. Er ist intermedial wie vielleicht kein anderer seiner Filme, enthält durch Prosperos 24 Bücher eine Art Enzyklopädie, Listen, Aufzählungen und daneben alle Künste, mit denen er sich gern auseinandersetzt: Literatur, Malerei, Theater, Architektur, Gesang, Tanz. Es ist allein von der Aufmachung sein vielleicht elaboriertestes Werk, besonders opulent, gesättigt, leidenschaftlich, auch körperlich, in seinem visuellen Exzess, Manierismus und Ästhetizismus wieder an den Barock angelehnt. Die Welt, die der Film präsentiert, ist eine durch und durch künstliche, die Insel, auf der Prospero mit seiner Tochter weilt, ist wie eine Bühne mit Schauspielern, Tänzern, Sängern, die nur für ihn spielen, tanzen, singen, denn es ist eine Welt, die von ihm durch Worte, Sprache, Schrift erschaffen wurde, eine Welt der Illusion. Prospero ist Herrscher der symbolischen Ordnung, und indem er Dinge durch Benennung erschafft, werden sie abstratkt und strukturiert. Seine Welt ist damit eine ideelle, realitätsferne, unnatürliche. Sie beruht nur auf dem Wissen, das er selbst durch Bücher erlangte. Seine Umgebung besteht dadurch aus Repräsentationen, aus Abbildungen von dem, was er selbst nur aus zweiter Hand aus seinen Büchern und bildender Kunst kennt, und erinnert daher an bekannte Gemälde und Architektur. Die einzige Realität, die er wahrnimmt, ist die der Abbildungen und deren Herrschaft wird durch diverse Darstellungen von Spiegeln und ihren Reflektionen noch unterstützt. Prosperos Wissen verleiht ihm also Macht über diese Welt und selbst über ihre Menschen. Als Herrscher über die Sprache schreibt Prospero sie nicht nur herbei (etwa durch den Sturm, der das neapolitanische Schiff kentern lässt), er, bzw. sein Darsteller John Gielgud, spricht auch die meiste Zeit alle Stimmen, wodurch er seinen Mitspielern die Worte in den Mund legt und zu einem Puppenspieler wird. Er ist Leser, Autor (Shakespeare), Schauspieler (Gielgud) und Regisseur (Greenaway) zugleich. Als Kontrast stehen ihm Caliban, der versklavte Ureinwohner, und Ariel, der Luftgeist, gegenüber, die mit der natürlichen Welt verbunden waren, bevor Prospero sie gewaltsam in die symbolische Ordnung und seine Rationalität zerrte. Calibans Sprache ist aber nach wie vor die des Körpers. Der Tänzer, der ihn spielt, windet sich wunderschön durch den Film und versetzt Caliban außerhalb des Sprachsystems, indem er ihm eine andere Möglichkeit des Ausdrucks gibt.

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Der Konflikt zwischen Rationalität in Form von Sprache und einer natürlichen, körperlichen Ordnung ist also auch etwas, was den Film durchzieht. Prosperos Blick auf die Welt ist positivistisch und autoritär. Er selbst ist körperlich vollkommen passiv, er sieht, liest, spricht und schreibt lediglich. Seine Bücher und der Film selbst unterwandern diesen erkenntisgetriebenen, panoptischen und monokularen Blick jedoch. Die sehr originell und vielfältig gestalteten 24 Bücher, die Prosperos Bibliothek ausmachen, sind der Versuch, die Welt absolut zu erklären, festzuschreiben, zu klassifizieren, durch ihre Irrealität, Paradoxien, Dynamik, Offenheit, Instabilität, Partialität verwehren sie sich jedoch Fixierung, genauer Repräsentation, sie beweisen lieber Variantenreichtum, Pluralität. Viele Bücher sind außerdem nicht nur visuell erfahrbar, sondern auch haptisch, gustatorisch, olfaktorisch, wodurch das Auge seine Alleinstellung als Erkenntnisorgan verliert. Und auch der Film selbst hebt durch seine Lagen und Bild-im-Bild-Konstruktionen die Möglichkeit einer monokularen Sicht auf, er zeigt durch seine multiplen, vielgestaltigen Repräsentationen verschiedene Perspektiven und Fragmente, die Einheitlichkeit, Fokussierung, Kohärenz, Objektivierung, vollständige Einsehbarkeit unmöglich machen.

Like the film itself, Prospero’s books are pluralistic and postmodern: they celebrate ambiguity and complexity, challenge the limits of visual perception by engaging all of our senses, obscure the distinction between fiction and represented reality, and contest the ideology of the Cartesian transcendental subject. Prospero’s books and Prospero’s Books recognize that representation – whether linguistic or imagistic – is always metaphorical and allegorical. (Willoquet-Marcondi, S. 198)

Aus diesem totalitären, selbst erschaffenen Gefängnis der Zeichen kann Prospero dann erst ausbrechen, als er seine Bücher ins Meer wirft. Ich gebe zu, vieles davon erschloss sich mir erst durch Interpretationen anderer zum Film. Aber nun, da ich ihn verstehe, bin ich hin und weg von seiner Klugheit. Währenddessen erschien er mir leider sehr sperrig, unzugänglich, übermäßig manieriert, auch wenn er in all seinen Details überwältigend anzusehen ist. Der Einsatz von Text (unter anderem, um ihn als Verfilmung zu markieren) kam mir allerdings gleich schon sehr durchdacht vor, ebenso die Wahl eines Tänzers für die Rolle Calibans.

The Pillow Book hatte ich sogar schon einmal gesehen. Die schön beschrifteten Körper waren mir in Erinnerung geblieben, viel mehr allerdings nicht. Er unterscheidet sich jedenfalls schon deshalb von Prospero’s Books, da eine weibliche Person die Hauptrolle einnimmt und er nicht ausschließlich auf einer Bühne, in einer künstlich erschaffenen Welt spielt, sondern im realen Japan und Hongkong, und da er die Beschaffenheit von Schrift, also die Kalligrafie in den Mittelpunkt rückt. Nagiko (Vivian Wu) sucht sich ihre Liebhaber nämlich danach aus, wie gut sie ihren Körper mit Schriftzeichen bemalen können. Später beschriftet sie selbst männliche Körper (besonders den von Ewan McGregor) mit 13 erotischen Gedichten, die sie in dieser Form an ihren Verleger schickt, der einst ihren Vater zu sexuellen Gefälligkeiten erpresste. Sprache wird hier also von ihrer Bedeutung größtenteils getrennt, ihre Materialität tritt in den Vordergrund, nicht nur in Form von Schrift, die als Malerei, als Kunstform dargestellt wird, auch durch die verschiedenen Sprachen, die im Film gesprochen und manchmal nicht untertitelt werden, sodass vor allem ihr Klang wahrgenommen wird. Ebenso wird der Körper als Objekt betrachtet, die Haut als reine Hülle, das Innenleben ist nur Abfall, und Psychologie interessiert Greenaway wie immer wenig. Er betont lieber das Bild, das Visuelle, die Oberfläche, Textur statt die Narration, Psychologie, Emotionalität, Tiefe. Seine Figuren sind oft wie Puppen, dekorative Elemente, weniger emotionale Wesen. Rache ist eine der wenigen starken Motivationen, die er zulässt, so auch in The Pillow Book. Dennoch hat das Schreiben in dem Film in Sachen Subjektwerdung eine ähnliche Funktion wie in Prospero’s Books. An jedem ihrer Geburtstage schreibt Nagikos Vater seinen Namen als Schöpfungsakt in ihren Nacken (wie Gott es laut Legende einst beim ersten Mensch tat). Er schreibt sich (als patriarchale Ordnung) ein, erschafft sie durch sein Wort. Zuneigung und Sexualität sind für Nagiko im Folgenden untrennbar mit dem Schreiben verbunden. Erst als sie beginnt, selbst zu schreiben, selbst zum Schöpfer zu werden, kann sie sich allerdings von allen unterdrückenden Männern in ihrem Leben befreien. Sie schreibt den Racheakt herbei und wird so zu einem eigenständigen Subjekt. Es ist damit auch ein ästhetizistischer Film, da die Kunst das Leben beeinflusst und bestimmt und das Leben die Kunst imitiert, wenn Nagiko sich besagtes Pillow Book von Sei Shōnagon zum Vorbild nimmt und später selbst eines schreiben will. Wie in Prospero’s Books wird die Hauptfigur von Lektüre, Worten, Schrift beeinflusst, vielleicht sogar erst dadurch erschaffen, bevor sie sich und ihre Welt selbst in Schrift ausdrückt.

The Pillow Book ist durch die eingebettete Schrift, die beschrifteten Bildkästen und Illustrationen außerdem auch selbst ein wenig wie ein Buch und ein ähnlich vielfältiges wie Prosperos Bücher, obwohl die Räume hier nicht vom Barock, sondern von japanischer Kunst inspiriert sind, daher wesentlich karger, übersichtlicher gehalten, mit weniger Personen. Aber allein durch die verschiedenen Bildgestaltungen, Orte, Zeiten (das Jahr 1000, als Sei Shōnagon das Kopfkissenbuch schreibt, Nagikos Kindheit und ihr erwachsenes Leben), die zwischen japanischer Tradition und hypermodernem Großstadtleben pendeln, durch die vielen Sprachen, Schriften, Musikstile gibt der Film ebenfalls einen ein- und ganzheitlichen Blick auf zugunsten von Heterogenität, der Mannigfaltigkeit menschlicher Kultur.

Die Verbindung von Sexualität und Körperkunst in Form von vergänglichen Tattoos, das Schreiben als physische Aktivität, aktiv wie passiv, sind schon sehr sinnlich dargestellt in The Pillow Book, aber so schön und faszinierend das auch anzusehen ist, auf Dauer erschien mir gerade die Inszenierung etwas monoton, es ist nicht viel mehr als eine Idee, die auf Spielfilmlänge ausgemalt wird. Es dauert auch etwas zu lang, bis Nagiko anfängt, ihre 13 Bücher zu schreiben, denn Katalogisierung, das Abarbeiten von Varianten ist nun mal Greenaways immer wieder originellste Ausdrucksform und damit größte Stärke. Insgesamt hatte Greenaway aber schon tragendere Konzepte, finde ich.

Gelesen:

  • Elliott, Bridget, Anthony Purdy. “Skin Deep: Fins-de-Siècle and New Beginnings in The Pillow Book”. Peter Greenaway’s postmodern/poststructuralist cinema. Hgs. Paula Willoquet-Maricondi und Mary Alemany-Galway. Lanham: The Scarecrow Press, 2001. 255-281.
  • Lawrence, Amy. The Films of Peter Greenaway. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
  • Willoquet-Maricondi, Paula. “Prospero’s Books, Postmodernism, and the Reenchantment of the World”. Peter Greenaway’s postmodern/poststructuralist cinema. Hgs. Paula Willoquet-Maricondi und Mary Alemany-Galway. Lanham: The Scarecrow Press, 2001. 177-201.

Kleine Anmerkung: Es ist nicht mein Ziel, durch die Verwendung von Fremdwörtern besonders intellektuell zu wirken. Ein Fachbegriff ist nur oft sehr viel treffender, genauer und bringt einen größeren kulturellen Kontext mit als eine lange Umschreibung es je könnte.